Jane Goodall versteckte sich als Kind in einem Hühnerstall und wurde deshalb Forscherin
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Ein kleines Mädchen versteckte sich vier Stunden in einem Hühnerstall – später veränderte sie die Welt
Von: Andreas Apetz
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Jane Goodall versteckte sich als Kind in einem Hühnerstall. Für sie selbst war es eine entscheidende Erfahrung, was das wissenschaftliche Denken anging.
Frankfurt – Die moderne Gesellschaft ist fasziniert von Erfolgsgeschichten. Wann entdeckte Einstein seine Leidenschaft für die Physik? Wo warf Michael Jordan seinen ersten Korb? Hinter großen Karrieren steckt häufig ein kleiner Moment, der die Weichen stellt. Bei Jane Goodall, der 2025 verstorbenen Verhaltensforscherin und einer der bedeutendsten Wissenschaftlerinnen des 20. Jahrhunderts, war es ein Hühnerstall – und eine Mutter, die zuhörte, statt zu schimpfen.
Goodall gilt als eine der bedeutendsten Wissenschaftlerinnen des 20. Jahrhunderts. Die britische Forscherin wurde weltberühmt durch ihre jahrzehntelange Feldforschung an Schimpansen im Gombe-Nationalpark in Tansania. Ihre Arbeit veränderte das Verständnis vom Tier- und Menschsein grundlegend. Sie entdeckte erstmals, dass Schimpansen Werkzeuge benutzen, was die bis dahin gültige Grenze zwischen Mensch und Tier ins Wanken brachte.
„Wie alles begann“: Forscherin Goodall versteckt sich als Kind in einem Hühnerstall
Goodall wurde 1934 im Londoner Stadtteil Hampstead geboren. Ihre Begeisterung für die Biologie zeigte sich früh: Als Kleinkind sammelte sie Käfer und nahm Regenwürmer mit in ihr Kinderzimmer. Bei einem Gastvortrag im Jahr 2013 am Lafayette College in Easton im US-Bundesstaat Pennsylvania erzählte Goodall, wie „alles begann, als sie noch ein kleines Mädchen war“.
Als Vierjährige sollte sie während eines Urlaubs auf einem ländlichen Bauernhof Eier für das Frühstück aus dem Hühnerstall besorgen. „Dort gab es keine schrecklichen Legebatterien, stattdessen pickten die Hühner frei auf dem Hof herum“, erzählte Goodall im Lafayette College. Beim Sammeln der Eier stellte sie sich schließlich die Frage, wo das Ei aus der Henne herauskommt – „weil ich kein solches Loch sehen konnte“. Nachdem sie mit keiner Antwort der Erwachsenen zufrieden war, entschied sie sich, selbst nach einer zu suchen. Goodall kroch in einen der Hühnerställe, versteckte sich dort im Stroh und wartete ab. „Ich war vier volle Stunden verschwunden und meine Familie hatte keine Ahnung, wo ich war – sie riefen sogar die Polizei“, sagte Goodall später im Interview bei National Geographic.
Warum diese Geschichte für Goodall so bedeutend wurde, lag nicht daran, dass es ihre erste „Feldbeobachtungsstudie“ war. Entscheidend war die Reaktion ihrer Mutter. Als Goodall wieder auftauchte, gab es keine Schimpftirade: „Sie sah meine strahlenden Augen. Anstatt wütend zu werden – ‚Wie kannst du es wagen, wegzugehen, ohne jemandem zu sagen, wo du warst? Wage es ja nicht, das noch einmal zu tun!‘ –, was die ganze Aufregung zunichte gemacht hätte, setzte sie sich hin, um die wunderbare Geschichte zu hören, wie eine Henne ein Ei legt.“
Goodall erzählte im Laufe ihres Lebens immer wieder von ihrer Mutter, die Janes Neugierde allein durch ihr Zuhören und ihre Offenheit für die Ideen ihrer Tochter förderte. „Was ich mit dieser Geschichte sagen möchte, ist: Hätte ich eine andere Mutter gehabt, würde ich heute vielleicht nicht hier stehen.“ Für Goodall bringt die Hühnerstall-Geschichte auf den Punkt, was das wissenschaftliche Arbeiten ausmacht: „Die Neugier, das Fragenstellen, das Nicht-Bekommen der gewünschten Antwort, der Entschluss, es selbst herauszufinden, Fehler zu machen, nicht aufzugeben und Geduld zu haben.“
Entwicklungspsychologe über die Bedeutung von Neugier bei Kindern
Was Goodalls Mutter intuitiv richtig machte, lässt sich auch entwicklungspsychologisch erklären. Garvin Brod ist Entwicklungspsychologe am Leibniz-Institut für Wissensmedien (IWM) in Tübingen und forscht dazu, wie Kinder lernen. Für ihn beginnt wissenschaftliches Denken genau dort, wo Goodalls Geschichte ansetzt: bei der Neugier. „Neugier entsteht, wenn Menschen eine Lücke in ihrem Wissen erkennen und diese Lücke schließen wollen“, sagt Brod der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Die entscheidende Theorie dahinter nennt sich „Knowledge Gap Theory“. Das Loch, das die kleine Jane im Huhn vermutete, war also mehr als kindliche Fantasie, es war eine echte Wissenslücke, die nach Schließung verlangte.
Damit diese Lücken überhaupt entstehen können, braucht es allerdings eine Voraussetzung, die zunächst paradox klingt: Wissen. „Man muss erst einmal Wissen haben, um überhaupt neugierig sein zu können. Wir können nur neugierig auf ein Thema sein, wenn wir schon einiges darüber wissen“, erklärt Brod. Goodall wusste durch das tägliche Eiersammeln längst, dass Hühner Eier legen, nur eben nicht, wie. Genau dieser Kontrast aus Vorwissen und offener Frage habe sie so hartnäckig werden lassen, wie viele Wissenschaftler es geworden seien: „Ein breiter Wissensschatz macht Menschen neugieriger. Wer viel weiß, entdeckt mehr Wissenslücken.“
Der eigentliche Schlüssel liegt laut Brod nicht im Wissen, das Eltern weitergeben, sondern in dem, was sie zurückhalten. Wer einem Kind sofort eine fertige Antwort liefert, nimmt ihm genau die Lücke, die Neugier erst entstehen lässt. „Neugier ist kein Muskel. Man kann sie nicht einfach trainieren. Aber wir können Neugier wecken. Eltern und Lehrkräfte können das tun“, sagt der Entwicklungspsychologe. Entscheidend sei, am bestehenden Interesse des Kindes anzusetzen – nicht daran vorbeizugehen.
Gelingt das, setzt sich etwas in Gang, das sich kaum noch aufhalten lässt: „Wenn wir eine Wissenslücke schließen, entstehen sofort neue Folgefragen. So entwickeln sich Kinder zu Experten – das ist genau wie in der Wissenschaft.“ Goodalls Mutter hat das an jenem Abend auf dem Bauernhof getan. (Quellen: Lafayette College, National Geographic, eigene Recherche)