Jarkko Jämsén: Schulabbrecher, Eishockeyprofi, heute der wichtigste Superyachten
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„Es gibt Designer, die reden über Design. Und es gibt Designer, die machen Design“, sagt Jarkko Jämsén und grinst in den italienischen Abendhimmel. Der Blick des Mannes mit der Halbglatze und einem mittlerweile ergrauten Rauschebart, der bis tief auf die Brust reicht, lässt keinen Zweifel, dass er sich vor allem für Letzteres hält. Obwohl er das andere auch kann. Wenn er muss. An diesem Abend Anfang September in Viareggio, dem berühmten Badeort nahe Pisa, muss es sein.
Der finnische Bootsdesigner steht auf dem Gelände der Werft von Azimut im Hafen von Viareggio, das sich in einer Straße befindet, die scherzhaft „Fifth Avenue of Yachting“ genannt wird – weil an ihr so viele berühmte Hersteller angesiedelt sind. Eine Schiffstaufe steht an, die Azimut Magellano 27 M (M steht für Meter) wird zu Wasser gelassen, für deren Exteriordesign Jämsén verantwortlich ist. Es ist sein erster Job für Azimut-Benetti, zahlenmäßig die Nummer Eins unter den Superyachtherstellern weltweit – einer Branche, die Italienisch spricht, atmet, fühlt. Und in der äußeren Form immer häufiger einem Finnen folgt.
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Jämsén ist ein Unikum. An diesem Abend trägt der 49-Jährige sein typisches „Event-Outfit“: ein gestreiftes, kragenloses Seemannshemd, hochgekrempelte, dunkelblaue Chinos und dazu hellblaue Espadrilles. Die anderen männlichen Gäste tragen, wir sind in Italien, gut sitzende, blaue Sommeranzüge (schwarz bringt Unglück!), die Frauen sommerliche Cocktailkleider. Jämsén kann sich seine Eigenwilligkeit leisten. Er ist aktuell der begehrteste maritime Designer der Welt. In den vergangenen 20 Jahren hat er mit seinem Büro Navia rund 2500 Boote entworfen, erzählt er, aktuell sei man bei 150 pro Jahr.
120 Mitarbeiter hat das Studio, das auf 3000 Quadratmetern mitten in Helsinki residiert. Die Mitarbeiter kommen aus 21 Ländern, Bürosprache ist Englisch. Die Kernteams pro Yacht bestünden, erläutert Jämsén, aus je vier Designern, die sich Spezialisten aus dem Büro nach Bedarf dazuholten. Insgesamt arbeiteten so 30 bis 40 Leute an einer Yacht. Sie hätten eine „Chinesische Mauer“ zwischen die Teams gebaut, damit sich die Ideen und Projekte nicht vermischten.
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„Um Erfolg in dieser Branche zu haben, muss man wie ein Chamäleon sein, verschiedene Kulturen verstehen und sich anpassen“, sagt Jämsén, was bei ihm überraschend klingt. Für PR gibt es bis heute niemanden in seinem Büro. „Wir haben auch keinen Sales Manager.“ Die Aufträge kämen auch so. Navia entwirft Holzboote, Segelboote, Yachten, Superyachten. Ein zweites Büro, Aivan“, bei dem Jämsén Mitgründer ist, sitzt ebenfalls in der alten Henry-Ford-Produktionshalle in Helsinki und entwirft alles von Küchengeschirr über Roboter bis zum Corporate Design.
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„Wir sind Dienstleister“, erklärt Jämsén sein Selbstverständnis. Bootsdesign sei ein komplexes Geschäft. Es gehe um Innovationen, Effizienz, Nachhaltigkeit, darum, die Boote leichter und widerständiger zu machen, sie auch durch innovative Rumpfformen schneller ins Gleiten zu bringen. Innerhalb von einem Jahrzehnt sei auch durch neue Rumpfdesigns und CFD (Computergestützte Strömungsmodelle) der Treibstoffverbrauch von Yachten um 25 bis 30 Prozent gesenkt worden.
„Ich habe als Designer angefangen, aber rasch festgestellt, dass es immer Probleme gibt, die weit über das Design hinausgehen. Zum Beispiel fehlte Auftraggebern intern oft die Kapazität für CFD-Modelle. Also mussten wir das übernehmen.“ Das sei ständig so: „Wir sehen ein Problem, und wenn die Branche es nicht löst, lösen wir es selbst.“
Jämsén hat auch noch ein drittes privates Design-Büro nur für sich in Monaco (und seinen Hund, einen Collie-Mischling). Es befindet sich direkt an der Formel-1-Strecke, „auf Höhe von Startplatz 18“. Dort entwirft er Megayachten. Einzelstücke ab 60 Meter. „Ich bin vor zehn Jahren nach Monaco gekommen, wollte wissen, ob ich es schaffe. Monaco ist für Megayachten, was Palo Alto für die Tech-Branche ist.“
200 Tage im Jahr sei er unterwegs. Fliege zwei- bis dreimal die Woche zwischen Helsinki, Monaco und Kunden hin und her. Im Oktober, erzählt er, will er etwas frei machen. Erst vor Peru segeln, dann mit dem Motorrad die Panamericana bis nach Feuerland runterfahren und dann um Kap Hoorn segeln. Urlaub sei das aber nicht. Er werde auf dem Trip einen milliardenschweren Kunden begleiten, für den er bereits vier Megayachten entworfen habe.
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Der Designer führt heute ein Leben, dass sich so wirklich nicht abzeichnete. „Ich habe mit 15 die Schule abgebrochen, war dann semiprofessioneller Eishockeyspieler. Mit 16 habe ich zusammen mit meinem Großvater mein erstes Holzboot gebaut.“ Als er merkte, dass es mit dem Profihockey nichts wird, entschied er sich, den Schulabschluss nachzuholen. „Man hatte mir gesagt, wegen meiner Farbenblindheit könne ich nicht Designer werden. Deshalb studierte ich zunächst Schiffsarchitektur, arbeitete im Kreuzfahrtschiffbau. Dann studierte ich Industriedesign in Turku, danach Yacht-Design in Genua. Ich wollte die Herangehensweise der Italiener verstehen“, erzählt er.
Er sei sehr ehrgeizig, wolle immer gewinnen, gibt er zu. „Sport ist der beste Coach, gerade durch Niederlagen. Durch Sport lernt man: Talent reicht nicht, man muss hart arbeiten.“ Der erste Auftrag, den er als Schiffsdesigner gewann: die Konstruktion der 20-Meter-Staatsyacht des finnischen Präsidenten.
Für Azimut entwirft er nicht nur die dritte Generation einer Serie, sondern einer ganzen Bootsgattung, die der begnadete Gründer der Firma, Paolo Vitelli, erst erfand – das Yacht-Pendant zum SUV. Eine Yacht, mit der man sowohl schnell und weit fahren kann als auch luxuriös cruisen. „Eine Mischung aus Landrover Defender und iPhone“ nennt Federico Lantero, der Chef des Produktdesigns bei Azimut, die Idee hinter der neuen Magellano. Auf den ikonischen Geländewagen als Leitbild seien sie am Ende eines Branding-Workshops gekommen, so Jämsén.
Solche Workshops mache er immer mit seinen Kunden. Es gehe darum, herauszufinden, was überhaupt das Ziel sei. „Ich zeige hundert Details und frage die Auftraggeber: ‚Wenn Sie nur zwei davon für das neue Schiff behalten dürften: Welche wären es?‘„ Im Fall der Magellano sei das Entscheidende die Form der Frontpartie gewesen, die ähnlich massiv und unverwechselbar werden sollte wie die Front des Defender. Das schmale, am Ende abgerundete Fensterband knapp über der Wasserlinie wiederum erinnert an die Form der Kamera eines iPhone.
Jämsén schafft es, superinnovativ zu sein – und zugleich oldschool. Zu nahezu jedem Yachttyp, den er sieht, kann er einem gleich die gesamte Historie dahinter erzählen. Er verfolgt über YouTube sehr genau, was in der Branche passiert, sei aber selbst nicht auf Social Media.
„Wir bauen fast für jedes neue Boot auch ein Sperrholz-Modell im Maßstab 1:1, zusätzlich zu den Virtual-Reality-Modellen, für die wir eigene Software entwickelt haben“, sagt er. „Man kann heute mit der VR-Brille durch das ganze Schiff spazieren, aber es bleiben immer zehn Prozent, die zur echten Raumerfahrung fehlen“, sagt er.
Ende Januar waren auf der Messe „Boot“ in Düsseldorf zwei Yachten zu sehen, die Jämsén für einen weiteren seiner Kunden entworfen hatte, Aiata, einen Newcomer aus der Türkei: Sunfinder 50 (50 Fuß, 15 Meter) und die kleinere Sunfinder 38 (12 Meter), die im Jahr zuvor Premiere hatte, sind zwei für diese hart umkämpfte Bootsklasse erstaunlich geräumige Yachten.
Besonders an dem Aiata-Projekt aber war, dass Jämsén erstmals eine Yachtmarke komplett aus dem Nichts mitentwickeln konnte. Die Yachten, das gesamte Corporate Design der Marke, den Aufbau der Werft. Hinter Aiata steckt die Anadolu Group, eines der größten Wirtschaftskonglomerate der Türkei, bekannt aus der Automobilindustrie. Ein Big Player, ohne jede Erfahrung im Yachtbau, aber mit dem Willen, eine professionelle Produktion aufzubauen.
„Die Werft wurde auf hohem Niveau gebaut und ihre Zukunft ist gesichert“, betont Jämsén. Verlässlichkeit ist wichtig in einer Branche, in der jedes Jahr neue Player auftauchen – und oft rasch wieder verschwinden.
Die Form des Rumpfes bei den Sunfinder-Yachten, erklärt Jämsén bei einem Rundgang, habe er in der Tradition eines amerikanischen Fischerboots entworfen: „Es ist die europäische Version eines Boston Whaler. Gut ausbalanciert, stabil, großzügig und von weitem erkennbar.“ Wiedererkennbarkeit sei dem Auftraggeber wichtig gewesen. Und Großzügigkeit in den Dimensionen. Aiata setzt auf den europäischen, vor allem aber auf den US-Markt in Florida. Das spürt man in jedem Detail. Er grinst: „Amerikanische Kunden mögen einfach alles ein bisschen geräumiger – auch Yachten.“
In Viareggio geht es am Tag nach der Taufe mit der Magellano zur Jungfernfahrt in Richtung Cannes, wo die Neuheit, bereits viermal verkauft, auf dem Yachting Festival vorgestellt wird. Jämsén läuft herum und checkt, wie das Boot bei voller Fahrt im Wasser „performt“.
Dann macht er es sich auf der vorderen Sofalandschaft der Magellano gemütlich. „Wir reden viel zu selten davon, warum Menschen sich überhaupt eine Yacht zulegen. Sie tun es, weil sie, wie wir jetzt, bei herrlichem Wetter auf einem Sonnenbett liegen, ein Bier trinken und miteinander quatschen wollen!“
Dieser Artikel stammt aus MrICON, dem Männer-Heft von ICON, dem Luxusmagazin der WELT AM SONNTAG.