Jason Arday und andere Hochstapler: Die Psychologie der perfekten Illusion
Am vergangenen Freitag wurde der ehemalige Cambridge-Professor Jason Arday tot in einer Wohnung im Londoner Stadtteil Battersea aufgefunden. Erst am 5. August hatte er mit seinem Rücktritt persönliche Konsequenzen aus einem der spektakulärsten britischen Wissenschaftsskandale der vergangenen Jahre gezogen. Zur Ursache des Todes, nur wenig mehr als eine Woche nach dem Rücktritt, liegen noch keine abschließenden Informationen vor. Denkbar ist jedoch, dass eine Verbindung zu den Umständen seines jähen Karrierebruchs bestehen. Der Sozialwissenschaftler war 2023 als jüngster schwarzer Professor an die traditionsreiche Universität Cambridge berufen worden und galt als Symbol eines gesellschaftlichen Aufstiegs gegen viele Widerstände. Seine Lebensgeschichte wurde über die Wissenschaft hinaus zur Erfolgserzählung. Umso tiefer der Absturz, als Vorwürfe bekannt wurden, seine Dissertation enthalte umfangreiche Plagiate, Teile seiner Biografie seien erfunden, wissenschaftliche Daten manipuliert und akademische Stationen ausgeschmückt worden. Aus dem gefeierten Vorbild wurde innerhalb weniger Tage ein Symbol akademischer Täuschung. Es wäre jedoch zu simpel, Arday alleine anzuklagen. Universitäre Auswahl- und Kontrollinstanzen müssen ebenso versagt haben. Es gab in den letzten Jahren eine Reihe weiterer akademischer Skandale, wie 2025 jenen der Harvard-Professorin Francesca Gino, die Forschungsdaten manipuliert haben soll – ausgerechnet auf dem Gebiet der Ehrlichkeit und Ethik. Die naheliegendste Frage ist: Warum erfinden Menschen mit bemerkenswerter Kühnheit eine andere Existenz? Und: Weshalb faszinieren uns Hochstapler und lösen eine Mischung aus Empörung und heimlicher Bewunderung aus? Möglicherweise deshalb, weil sie häufig über Fähigkeiten verfügen, um die sie mancher insgeheim beneidet und die jede Gesellschaft eigentlich dringend benötigt. Ein Muster, das sich durch die Geschichte zieht Häufig verfügen sie über Fähigkeiten, die jede Gesellschaft dringend benötigt. Der gewöhnliche Betrüger will Geld. Der Hochstapler sucht Anerkennung. Er verkauft keine Ware, sondern sich selbst. Seine eigentliche Begabung besteht nicht im Lügen, sondern im Beobachten. Er erkennt die Wünsche der Umgebung präziser als andere und erzählt genau die Geschichte, die sie hören möchten. Deshalb arbeitet er selten mit frei erfundenen Welten, sondern verbindet reale Versatzstücke mit Halbwahrheiten zu einer glaubwürdigen Erzählung. Dieses Muster zieht sich durch die Geschichte. 1560 wurde Arnaud du Tilh wegen Hochstapelei der Prozess gemacht. Er war Jahre zuvor im französischen Dorf Artigat aufgetaucht und hatte behauptet, der seit langem verschwundene Martin Guerre zu sein. Mehrere Jahre lebte er unter dessen Namen, teilte Haus und Bett mit dessen Ehefrau und wurde von den Dorfbewohnern akzeptiert. Erst die Rückkehr des wirklichen Martin Guerre beendete die Inszenierung. Bis heute beschäftigt Historiker weniger die Dreistigkeit des 1982 mit Gérard Depardieu verfilmt Betrugs als die Frage, warum ein ganzes Dorf bereit war, ihm zu glauben. Größere Aufmerksamkeit erregte ab 1920 Anna Anderson, die sich jahrzehntelang als Zarentochter Anastasia Romanowa ausgab. Trotz erheblicher Zweifel glaubten ihr viele bis zu ihrem Tod. Der Wunsch nach einem anderen Schicksal der Romanows war stärker als die Beweise. Der wohl sympathischste Hochstapler Deutschlands trat 1906 auf. Der vorbestrafte Schuster Friedrich Wilhelm Voigt zog eine Hauptmannsuniform an, kommandierte Soldaten, besetzte das Rathaus von Köpenick, ließ den Bürgermeister festnehmen und beschlagnahmte die Stadtkasse. Niemand verlangte einen Ausweis – die Uniform genügte. Der mehrfach verfilmte Schurkenstreich wurde zum Sinnbild der Autoritätsgläubigkeit des Kaiserreiches. Sein Betrug funktionierte wegen des blinden Vertrauens in Rangabzeichen. Später wurde Voigt von Kaiser Wilhelm II. begnadigt und starb angeblich wohlhabend in Luxemburg. Dass Hochstapelei bis heute funktioniert, zeigte 2014 der erst zwanzigjährige Spanier Francisco Nicolás Gómez Iglesias. Mit Fotos prominenter Persönlichkeiten und immer neuen Kontakten arbeitete er sich bis in höchste politische und royale Kreise vor und gab schließlich sogar an, für Regierung und Geheimdienst tätig zu sein. Nach demselben Prinzip gelang der russischstämmigen Anna Sorokin ab 2013 unter dem Namen Anna Delvey der Aufstieg in die New Yorker High Society. Sie täuschte Reichtum vor und wurde deshalb von einer Gesellschaft hofiert, die sich gern in der Nähe von Wohlstand und Erfolg bewegt. Die Netflix-Serie „Inventing Anna“ machte sie zur Popfigur. Anders verlief der Fall des deutschen Postboten Gert Postel, der sich seit den 1980er-Jahren mit gefälschten Zeugnissen zunächst als Amtsarzt und später sogar als leitender Psychiater an mehreren Kliniken anstellen ließ. Er diagnostizierte Patienten, führte Personal und traf medizinische Entscheidungen, obwohl ihm jede entsprechende Ausbildung fehlte. Sein Erfolg beruhte weniger auf Genialität als auf der erstaunlichen Bereitschaft von Institutionen, akademische Titel und souveränes Auftreten nicht zu hinterfragen. Auch der Unternehmer Mike Wappler, besser bekannt als „Milliarden-Mike“, demonstrierte in den 1990ern, wie leicht sich wirtschaftliche Erfolgserzählungen verselbständigen. Er präsentierte sich als internationaler Investor, sprach von Milliardenprojekten und exklusiven Geschäftsverbindungen und erzeugte damit jenes Vertrauen, das seine nächste Inszenierung ermöglichte. Sein eigentliches Kapital war der Glaube anderer an den Erfolg des Mannes, der kaum lesen und schreiben konnte. Die Wirklichkeit vorgetäuscht Geradezu sensationell verlief die Geschichte des amerikanischen Medizintechnikunternehmens Theranos. Die Gründerin Elizabeth Holmes versprach ab 2003, mit wenigen Tropfen Blut hunderte medizinische Untersuchungen durchführen zu können. Das Unternehmen wurde zeitweise mit rund neun Milliarden US-Dollar bewertet. Im Aufsichtsrat saßen ehemalige US-Politiker wie George Shultz oder Henry Kissinger und Militärs. Dass selbst Spitzenpolitiker und Manager einer nie funktionierenden Technologie vertrauten, zeigt die Macht glaubwürdiger Inszenierung. Wirecard: Es muss noch mehr geschehen Hochstapelei ist nicht immer das Werk einzelner Personen. Ganze Unternehmen können diese Rolle übernehmen. Das Zahlungsdienstleistungsunternehmen Wirecard galt bis zu seinem Zusammenbruch 2020 als Vorzeigeunternehmen der deutschen Digitalwirtschaft. Politiker, Banken, Investoren und Wirtschaftsprüfer bestätigten jahrelang das Bild eines global erfolgreichen Technologiekonzerns. Erst als sich herausstellte, dass 1,9 Milliarden Euro auf angeblichen Treuhandkonten in Fernost gar nicht existierten, brach die Fassade zusammen. Der Skandal lag nicht allein im mutmaßlichen Betrug des Managements, sondern darin, dass nahezu alle Kontrollinstanzen und Teile der Politik dieselbe Erfolgsgeschichte erzählen wollten. Besonders folgenreich wird Hochstapelei dort, wo nicht Herkunft oder Vermögen, sondern die Wirklichkeit selbst vorgetäuscht wird. Journalisten wie Stephen Glass in den USA (verfilmt als „Shattered Glass“) und Michael Born bei stern TV in den 1990ern, zuvor Gerd Heidemann mit seinem Hitler-Tagebücher-Fälscher Konrad Kujau oder danach Claas Relotius erfanden keine Identitäten, sondern Nachrichten. Sie schufen Ereignisse, die niemals stattgefunden hatten, und beeinflussten damit öffentliche Debatten. Gerade Michael Born zeigt, wie trügerisch der erste Eindruck sein kann. Zunächst erscheint er wie ein listiger Außenseiter, der sich bei stern TV einschleichen und Günther Jauch überlisten konnte. Die Gerichtsakten zeichnen ein anderes Bild: Born war kein Robin Hood, sondern ein Serienbetrüger, der eiskalt Existenzen zerstörte, Behörden täuschte, antisemitische Inhalte produzierte und gefälschte Fernsehbeiträge über Kinderarbeit, den Ku-Klux-Klan, BSE-Rinder oder kurdische Terroristen verkaufte. Im Dezember 1996 wurde er wegen Betrugs in 16 Fällen, Volksverhetzung, Urkundenfälschung und zahlreicher weiterer Delikte zu mehreren Jahren Haft verurteilt. Der Fall Jason Arday zeigt Parallelen zu Medienfälschern und Wirecard, denn entscheidend war nicht allein die Begabung eines Hochstaplers, sondern die Bereitschaft des akademischen Milieus, die offensichtlichen Widersprüche auszublenden. Auffällig ist also, dass Hochstapler immer ein Publikum brauchen, das an ihre Geschichte glauben oder davon profitieren möchte. Du Tilh wurde von einem ganzen Dorf akzeptiert, Anna Anderson fand lebenslange Unterstützer, Anna Delvey wurde von der New Yorker Elite hofiert, Jason Arday erhielt Ehrungen und eine Professur, Michael Born fand mit stern TV einen Abnehmer für spektakuläre Bilder. Wirecard wurde zum Börsenstar und Aushängeschild deutscher Politik, Theranos zum Liebling des Silicon Valley. Zwischen Hochstapler und Publikum entsteht eine stille Übereinkunft, von der zunächst beide Seiten profitieren. Sie entlarvt viel über die Gesellschaft, die sie hervorbringt: der Hauptmann von Köpenick die Autoritätsgläubigkeit des Kaiserreiches, Gert Postel das blinde Vertrauen in akademische Titel, Michael Born die Sensationslust der Medien, Wirecard das Versagen von Aufsicht und Politik, Elizabeth Holmes den Glauben an den Mythos disruptiver Innovation und Jason Arday die Mechanismen akademischer Anerkennung. Hochstapler sind keine Betriebsunfälle der Gesellschaft, sondern ihre schärfsten Spiegel. Sie sind nicht dumm oder bloß frech, sondern sensibel und hochaufmerksam. Sie müssen sich in hochkomplexe soziale und fachliche Systeme einarbeiten und sie perfekt imitieren. Jason Arday hat drei Jahre als Professor gearbeitet. Niemand dürfte dutzende Lehrveranstaltungen und Reviewprozesse überstehen, der komplett unfähig ist. Er überspielte offenbar fehlende Erfahrung und Wissen im Rhythmus eines wohlwollenden Systems, indem er Förderung nutzte, Unsicherheiten überspielte und Kritiker einschüchterte. Postel leitete psychiatrische Visiten, Born verstand Fernsehen und Dramaturgie, Holmes überzeugte Investoren und Spitzenpolitiker, Arday publizierte wissenschaftliche Arbeiten und bewegte sich souverän im akademischen Milieu. Selbst wenn Teile ihrer Leistungen erschlichen waren, erforderte die jahrelange Aufrechterhaltung dieser Rollen von Hochstaplern außergewöhnliche kognitive Fähigkeiten. Die Psychologen David Dunning und Justin Kruger beschrieben 1999, dass Inkompetente ihre eigenen Defizite häufig nicht erkennen. Auf Hochstapler trifft gerade das nicht zu. Sie wissen um ihre eigenen Begrenzungen, erkennen die Regeln ihres Systems, wittern Schwachstellen und füllen Lücken gezielt aus. Die Begabung der Inszenierung gewidmet Deshalb drängt sich eine unbequeme Frage auf: Verfügen Hochstapler nicht oft über genau jene Fähigkeiten, die jede Gesellschaft benötigt: soziale Intelligenz, Improvisation, Kreativität, rhetorisches Geschick und strategisches Denken? Eine erfundene Identität über Jahre widerspruchsfrei aufrechtzuerhalten, verlangt außergewöhnliche geistige Leistungen. Das wirft zwangsläufig die Frage auf, welches Potenzial in legale Bahnen gelenkt, mit ihnen entwickelt werden könnte. Postel eignete sich medizinisches Fachwissen an, Born bescheinigte ein Gerichtsgutachter überdurchschnittliche Intelligenz und Kreativität, Holmes war unbestritten eine brillante Unternehmerpersönlichkeit, Anna Delvey organisierte internationale Netzwerke mit hoher Professionalität. Rechtsstaaten müssen Betrug bestrafen. Mit dem Urteil verschwinden außergewöhnliche Fähigkeiten jedoch nicht. Frank Abagnale, dessen Leben durch den Film „Catch Me If You Can“ weltbekannt wurde, arbeitete später als Berater für Banken und Sicherheitsbehörden. Seine Fähigkeit, Systeme zu täuschen, machte ihn wertvoll für ihren Schutz. Dasselbe gilt im Cyberbereich, wo ehemalige Hacker heute IT-Sicherheit entwickeln. Warum sollte dieser Gedanke nicht auch für andere Formen außergewöhnlicher Täuschungsbegabung gelten? Hochstapler scheitern nicht an mangelnder Intelligenz, sondern daran, dass sie außergewöhnliche Begabungen der Inszenierung statt dem Aufbau widmen. Dadurch machen sie den schmalen Grat zwischen Talent und Betrug sichtbar. Jason Arday lässt aber auch die Fallhöhe erkennen, die droht, wenn allzu hoch gestapelt wurde. Der Druck des akademischen Systems ist beträchtlich, insbesondere an Elite-Unis. Aus einer solchen Position zum Rücktritt gezwungen zu sein, würde viele überfordern. Es ist bedauerlich, dass Jason Ardays unbestreitbar vorhandene Fähigkeiten nicht alternativ nutzbar gemacht werden konnten. Lesen Sie mehr zum Thema