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Jason Arday und der Mythos vom Helden

Wissenschaft

Am 5. August 2026 legte Jason Arday seine Professur für Soziologie der Erziehung an der Universität Cambridge nieder. Die Universität hatte am selben Tag bekannt gegeben, nun doch dem Verdacht akademischen Fehlverhaltens nachgehen zu wollen. Zwei Wochen lang hatte Cambridge die Verantwortung von sich gewiesen. Da die Doktorarbeit an der John Moores University in Liverpool angenommen worden war, liege dort die Zuständigkeit für eine Plagiatsprüfung. Im Übrigen stecke hinter den Vorwürfen, die sich auch auf die Ausschmückung des Lebenslaufs um rekordverdächtige außerakademische Spitzenleistungen erstreckten, eine rassistische Kampagne. Stolz hatte die Universität Arday bei seiner Ernennung 2023 als den jüngsten schwarzen Professor ihrer Geschichte präsentiert und die Höhe der Hürden beschworen, die er hatte überwinden müssen. Demnach konnte er erst mit 18 Jahren lesen und schreiben. In seiner schriftlichen Erklärung zu seiner Kündigung gab Arday an, sein Rückzug bedeute nicht die Übernahme der „Erzählungen“, die über ihn in Umlauf seien. Vielmehr: „I need time to heal.“ In den Vereinigten Staaten und Großbritannien gehört „healing“ zum Grundwortschatz des öffentlich-therapeutischen Diskurses, mit dem politische oder wissenschaftliche Probleme emotionalisiert werden. Zweimal dankte Arday seinen Studenten für „compassion“, das ist Mitgefühl, Barmherzigkeit oder Erbarmen. „Healing“ und „compassion“ sind vermutlich die gängigsten postchristlichen Erbauungsformeln. F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen F.A.Z. bei Google bevorzugen Die erhoffte Heilung ist Jason Arday verwehrt geblieben. Am Nachmittag des 14. August 2026 wurde er tot in seiner Wohnung im Londoner Stadtteil Battersea aufgefunden. Seine Familie gab ihrer Trauer mit der Feststellung Ausdruck, dass er die „Kampagne der Desinformation“, der er in den drei Jahren seit seiner Berufung nach Cambridge ausgesetzt gewesen sei, nicht mehr ertragen habe. „Er war ein sanfter Mensch und wollte immer das Beste in jedermann sehen.“ Zwei Tage vor Ardays Tod hatte die Rektorin der Universität Cambridge bekanntgegeben, dass die Verfahren für Rufe auf Spitzenpositionen in Cambridge grundsätzlich überprüft werden sollen. Ein Ergebnis der Untersuchung nahm sie vorweg, indem sie Ardays Ernennung als „Verirrung“ („aberration“) einstufte. Sadiq Khan, der Bürgermeister von London, beschrieb Arday als Opfer „böswilliger öffentlicher Beschämung“, wie sie „andere Menschen in seiner Lage“, will sagen: Menschen anderer Hautfarbe, nicht hätten erfahren müssen. Khan nannte Ardays mutmaßlichen Suizid einen „Weckruf an uns alle“. Teilweise wörtliche Übereinstimmung Der Psychoanalytiker Otto Rank publizierte 1909 die Abhandlung „Der Mythos von der Geburt des Helden“; eine erweiterte Auflage erschien 1922. Solche Erzählungen seien regelmäßig „mit phantastischen Zügen“ ausgestattet, deren „verblüffende Ähnlichkeit, ja teilweise wörtliche Übereinstimmung bei verschiedenen, mitunter weit getrennten und völlig unabhängigen Völkern längst bekannt und vielen Forschern aufgefallen ist“. Das Muster ist ewig, gelegentlich wird es aufgefrischt. Ein Sonnen-Königskind kommt zur Welt, von neidisch-feindlichen Mächten wird es zeitweilig verdunkelt und verfolgt, bis es sich endgültig durchsetzt. Am 11. August publizierte der amerikanische Verlag Simon & Schuster Jason Ardays Autobiographie „Great and Unfortunate Things“, deren Titel einer Fernsehserie über Spartakus entlehnt ist, den Anführer des berühmtesten Sklavenaufstands der Weltgeschichte. Das Erscheinen der englischen Ausgabe des gemeinsam mit Eve Claxton verfassten Buches war für den 27. August angekündigt. Sämtliche Lesungstermine waren allerdings schon mehrere Tage vor dem Tod Ardays abgesagt worden. Wie stellt sich dieses ans Licht einer globalen Öffentlichkeit gezogene Leben im Spiegel des Buches dar? Großes geschieht früh, ebenso schmerzlich Verunglücktes. Die Schwangerschaft und dann die Wehen waren schwierig, aber als am 9. Mai 1985 das Kind endlich da ist, läuft im Radio „Everybody Wants to Rule the World“ von der Band Tears for Fears. Die Hebamme hält die kleine Hand und sagt der Mutter: Wo sie herkomme, gälten Babys mit langen Fingern als etwas Besonderes. „This boy is destined for great things.“ Sie wiederholt es später, es wird zur Familienlegende. Es bleibt nicht die einzige Prophezeiung. Mit 21 Jahren bekommt Jason eine beängstigende zu hören, als er in Brasilien an einem Entwicklungsprojekt für Brunnen mitarbeitet. Einmal beugt er sich hinab, um einem Kind zu helfen, als eine Helferin halblaut sagt: „You have a very beautiful heart.“ Dann kommt sie näher, legt die Hand auf seinen Arm und sagt: „I can tell you’re destined to do great things. But I also believe you’re destined for very sad and difficult things as well.“ Wird ihm also das Leben schwerer werden als anderen? Die Unbekannte schaut ihm direkt in die Augen: „Yes. I think so.“ Sie schließt die Augen, öffnet sie wieder und sagt am Ende, trotz aller Prüfungen werde er „greatness“ erreichen. Dies sei Gottes Wille. Arday merkte nicht, in welche Gefahr er sich begab, als er sich seinen Erfolg als gottgewollt erklären ließ. Dagegen gab es nun keine denkbare Einrede mehr. Mit Inspiration zum Erfolg Das Muster war eingerastet. Beworben wurde die Autobiographie vom Verlag als „inspiring underdog story“. Damit ist die Textsorte gut getroffen. Buchhandlungen in der englischsprachigen Welt haben ganze Regale für Schriften, die als „inspirational“ verstanden werden: so wie es die Verlagswerbung für Ardays Buch für die Suche nach verwandten Titeln empfahl: „Self-Help > Personal Growth > Success“. Merkwürdig ist die Ausblendung wissenschaftlicher Interessen in der Autobiographie. Arday hatte eine Botschaft, aber solche Gaben liegen auf einem intellektuell anderen Kontinent als die Wissenschaften. Versucht man Mischungen, dann bekommen Theorien einen therapeutischen Wert, sie sind unmittelbar seelisch relevant. „I will return stronger, wiser and with the same determination that has always defined my journey.“ So schrieb es Arday in seiner Rücktrittsmitteilung. Die „Reise“ gehört als Raum der Prüfungen zum Helden. Die Hilfsorganisation Water Aid, für die Arday in Brasilien tätig gewesen sein will, hatte vor Erscheinen des Buches mitgeteilt, dass sie nur mit Ortskräften arbeite und niemanden entsende. Auch Ardays Angaben über ungeheure Geldsummen für wohltätige Zwecke, die er mit sportlichen Leistungen eingeworben habe, wurden stillschweigend aufgegeben. Der Verlag entschloss sich in letzter Stunde zu Textkorrekturen. Wo es zunächst hieß „I’m going to raise a lot of money“ (für Obdachlose), las man nun: „I’m going to work with a lot of people to raise money.“ Größe schlechthin schwebte dem jungen Arday vor, und der Weg dorthin führte über die Hilfe, die er den Menschen leistet; eine Geste der Hilfe hatte seinen Kontakt zu der jungen Prophetin eingeleitet.

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