Jeff Bezos sah 1994 eine Zahl, die sein Leben veränderte - daraus entstand Amazon
Ein Büro im 39. Stock in Manhattan, eine Statistik und ein Gedankenexperiment: Die Geschichte von Amazon beginnt im Mai 1994. Der 30-jährige Jeff Bezos, Senior Vice President beim Wall-Street-Unternehmen D. E. Shaw, stößt im Netz auf eine Zahl, die ihn nicht mehr loslässt: Das Internet wächst um 2300 Prozent pro Jahr. „Es war ein Weckruf“, sagte er 1999 dem Magazin „Time“, das ihn im selben Jahr zur „Person of the Year“ kürte.
Warum ausgerechnet Bücher
Bezos, der in Princeton Elektrotechnik und Informatik studiert hatte, erkannte eine historische Chance: Das Internet war bis 1994 weitgehend frei von Kommerz. Er untersuchte, was sich im Versandhandel gut verkaufte, und landete bei Büchern. Bücher gab es in so großer Zahl, dass kein Laden und kein Katalog sie alle anbieten konnte. Im Internet dagegen war Platz für alle.
Dabei sah er sein Unternehmen nie als bloßen Buchhändler, sondern von Anfang an als Technologiefirma. Bücher waren für ihn nur der Einstieg. Sein Ziel war ein Laden, der irgendwann alles verkauft, von Sportartikeln über Schmuck bis zu Lebensmitteln.
Die Angst vor dem Bedauern
Blieb die Frage, ob er seinen gut bezahlten Job aufgeben sollte. Bezos entschied mithilfe eines Gedankenexperiments, das er „Regret-Minimization-Framework“ nennt: Er stellte sich vor, 80 Jahre alt zu sein und auf sein Leben zurückzublicken. Ein Scheitern würde er dann nicht bereuen. „Ich wäre sogar stolz darauf gewesen, dieses Risiko eingegangen zu sein und versucht zu haben, Teil dieses Dings namens Internet zu sein (…). Es war wie der Wilde Westen (…). Und ich wusste: Wenn ich es nicht versuche, würde ich es bereuen“, erklärte er „Time“.
Im Juli 1994 ließ Bezos die Firma eintragen, zunächst unter dem Namen Cadabra. Gearbeitet wurde in den ersten Monaten in der Garage eines gemieteten Hauses bei Seattle in Washington. Den späteren Namen fand er beim Blättern im Wörterbuch unter „A“. Amazon schien ihm passend, weil der Amazonas der größte Fluss der Welt ist und er den größten Buchladen der Welt aufbauen wollte. Seine Eltern steckten einen großen Teil ihrer Ersparnisse in das Projekt. Laut CNBC waren es fast 250.000 US-Dollar im Jahr 1995, dem Jahr, in dem die Seite online ging.
1997 folgte der Börsengang. Das renommierte US-Finanzmagazin „Barron’s“ titelte zwei Jahre später „Amazon.bomb“. Das Wortspiel machte aus der Internetendung „.com“ eine „Bombe“ im Sinne von Flop: Es wurde bezweifelt, dass Amazon dauerhaft bestehen kann, weil es nur ein „Mittelsmann“ sei.
Ein Konzern, der ganze Branchen verändert
Danach kam ein Baustein zum anderen. Im Jahr 2000 öffnete Amazon seine Plattform für andere Händler, die heute einen Großteil der verkauften Artikel stellen. Mit dem Abo Prime machte der Konzern ab 2005 schnelle, kostenlose Lieferung zum Standard, an dem sich inzwischen der ganze Onlinehandel messen lassen muss.
Am deutlichsten zeigt sich Bezos‘ Idee von Amazon als Technologiefirma aber in einem Geschäft, das die meisten Kunden nie zu sehen bekommen: der Cloud-Sparte Amazon Web Services, kurz AWS. Ab 2006 vermietete Amazon Rechenleistung und Speicherplatz an andere Unternehmen. Heute ist AWS Marktführer im Cloud-Geschäft und Amazons profitabelster Geschäftszweig.
Hinzu kamen eigene Geräte wie der E-Reader Kindle (2007) und die Echo-Lautsprecher (2014) mit der Sprachassistentin Alexa. 2017 übernahm Amazon sogar die Supermarktkette Whole Foods. 2021 gab Bezos den Chefposten ab und wurde Executive Chairman. „Forbes“ schätzt sein Vermögen heute auf 379 Milliarden Dollar (339 Milliarden Euro).