Jetzt wird Bulgarien zum Speicher-Vorreiter Europas
Es ist ein stiller Batterie-Umbruch. Und er findet ausgerechnet in Bulgarien statt.
Das Land, bislang vor allem bekannt für Kohle- und Atomkraft, baut in rasantem Tempo eine neue Batterie-Infrastruktur auf.
2024 kamen dort gerade einmal rund 200 Megawattstunden neue Batteriespeicher ans Netz. 2025 waren es bereits knapp 2,5 Gigawattstunden – mehr als elfmal so viel. Damit war Bulgarien der am schnellsten wachsende Batteriespeichermarkt der EU und lag beim jährlichen Zubau hinter Deutschland und Italien auf Platz drei.
Und das ist erst der Anfang. Über das EU-finanzierte Restore-Programm stehen rund 1,15 Milliarden Lewa (588 Millionen Euro) für Großspeicher zur Verfügung. Gefördert werden Anlagen mit einer nutzbaren Gesamtkapazität von mindestens 3000 Megawattstunden.
Die Sonne produziert zu viel
Bulgarien hat seine Photovoltaik massiv ausgebaut. An sonnigen Tagen strömt deshalb mittags so viel Solarstrom auf den Markt, dass die Nachfrage zeitweise nicht hinterherkommt.
Die Folge: Die Preise für den Strom fallen, mitunter bis auf null oder darunter. Stromerzeuger verschenken ihren Strom oder zahlen dafür, dass jemand ihren Strom abnimmt, weil dies immer günstiger ist als Strafen zu zahlen oder die Anlagen abzuschalten. Ein Phänomen, das auch in Deutschland bekannt ist. Am Abend kippt das Bild: Die Sonne verschwindet, der Verbrauch bleibt hoch – und Strom wird wieder teuer.
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Genau in diesem Moment kommen die Batterien. Sie laden sich auf, wenn Strom im Überfluss vorhanden und billig ist. Stunden später geben sie die Energie wieder ab, wenn die Nachfrage steigt.
Aus einem Überschuss wird ein handelbares Produkt.
Das macht Speicher für Investoren interessant. Und Bulgarien bietet dafür einen ungewöhnlich günstigen Mix: viel Sonne, einen schnell wachsenden Solarmarkt, große Preisunterschiede und staatliche Förderung. Hinzu kommen vergleichsweise günstige regulatorische Bedingungen für Großspeicher.
Vom Solarpark zum Kraftwerk auf Zeit
Damit verändert sich die Logik des Stromsystems. Früher musste sich die Stromproduktion möglichst genau am Verbrauch orientieren. Jetzt kann ein Teil der Energie einfach auf später verschoben werden.
Mittags laden. Abends liefern. Das Prinzip ist simpel – seine Wirkung ist gewaltig.
Weltweit wurden 2025 rund 315 Gigawattstunden stationäre Batteriespeicher installiert, rund 50 Prozent mehr als im Vorjahr. Für 2026 werden mehr als 450 Gigawattstunden erwartet.
Auch in Bulgarien werden die Dimensionen inzwischen sichtbar. Bis Juli 2026 wurden nach Branchenangaben Batteriespeicher mit einer Gesamtleistung von rund 4,5 Gigawatt (GW) installiert – das ist die Leistung, mit der diese Anlagen Strom auf einmal ins Netz einspeisen können.
Über Ausschreibungen wurden darüber hinaus bereits Speicherprojekte mit einer Gesamtkapazität von mehr als 14 Gigawattstunden (GWh) vergeben – also der Energiemenge, die diese (teils noch im Bau befindlichen) Anlagen insgesamt zwischenspeichern können.
Das Entscheidende ist dabei nicht die absolute Größe. China oder die USA verfügen über ein Vielfaches.
Entscheidend ist das Verhältnis.
Nach einer Analyse von Aurora Energy Research entspricht die Batteriespeicherleistung in Bulgarien inzwischen rund 16 Prozent des gesamten Stromsystems – weltweit ein Spitzenwert.
Bulgarien ist also nicht die Batterie-Großmacht der Welt. Aber gemessen an der Größe seines Stromsystems spielt das Land ganz vorne mit.
Dann kam der Dürresommer
Wie wichtig Flexibilität werden kann, zeigte sich im Sommer 2026 auf dramatische Weise.
Die Donau führte nach monatelanger Trockenheit historisch wenig Wasser. Für mehrere Atomkraftwerke entlang des Flusses wurde das zum Problem. Rumänien musste die beiden Reaktoren von Cernavodă zeitweise vollständig vom Netz nehmen. Zusammen liefern sie normalerweise rund ein Fünftel des rumänischen Stroms. Auch das ungarische Kraftwerk Paks musste seine Leistung reduzieren.
Auch Bulgarien war betroffen.
Beim Atomkraftwerk Kozloduj wurde die Leistung von Block 5 im August vorsorglich um rund 120 Megawatt reduziert. Nach Angaben des Kraftwerks war eine solche wetterbedingte Maßnahme in seiner 52-jährigen Geschichte beispiellos. Das Kraftwerk blieb jedoch in Betrieb.
Die Batterien können ein Atomkraftwerk nicht ersetzen. Dafür reicht ihre gespeicherte Energiemenge nicht aus. Aber sie können etwas anderes besonders gut: innerhalb kürzester Zeit Strom aufnehmen oder abgeben.
Sie verschieben Solarstrom vom Mittag in den Abend. Sie reagieren auf Preissignale. Sie können kurzfristige Engpässe abfedern und das Netz stabilisieren. Und genau diese Flexibilität wird mit jedem zusätzlichen Solarpanel wertvoller.
Europas Stromsystem braucht Speicher
Bulgarien zeigt mit seiner Erfolgsgeschichte im Kleinen, vor welchem Problem ganz Europa steht.
Immer mehr Wind- und Solarstrom drängen ins Netz. Gleichzeitig sind die Stromnetze vielerorts überlastet oder veraltet. Ohne Speicher, flexible Verbraucher und neue Leitungen drohen immer häufiger extreme Preisausschläge – oder Strom, der zwar produziert, aber nicht genutzt werden kann.
In Europa befanden sich laut Branchenmedien 147 Energiespeicherprojekte mit einer Gesamtkapazität von 14 Gigawatt im Bau, darunter Batteriespeicher (elektrochemische Speicher) mit 10,4 GW als führende Technologie, gefolgt von Pumpspeichern mit 2,7 GW.