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Joachim Gauck bei „Markus Lanz“: „Das war eine Portion Optimismus zu viel“

Nation

Joachim Gauck nimmt am Donnerstagabend als einziger Gast im TV-Studio bei „Markus Lanz“ Platz. Schon in der Anmoderation wird klar, worum es an diesem Abend vor allem gehen soll: um die AfD und deren Wähler. „Lieber würde ich ja übers Wetter mit Ihnen sprechen“, witzelt der ehemalige Bundespräsident. Doch wenn sich Gauck zum Wetterfrosch aufgeschwungen hätte, wären dem Zuschauer einige kluge Gedanken entgangen. Der „Lanz“-Auftritt des Altbundespräsidenten in der TV-Kritik. Bevor es um die Stimmungslage im Land geht, möchte Lanz erst einmal wissen, wie es Gauck denn geht. Gut, antwortet der, zumindest persönlich. „Was unser Land betrifft und die Zeiten – ach nee, das könnte besser sein.“ Wieso sich die Zeiten eher nach „ach nee“ anfühlen, dafür hat Gauck viele Erklärungsansätze. Heimatverbundene und Weltbürger Eine wichtige Rolle spielt aus seiner Sicht die Globalisierung. Das Bedürfnis von Menschen „nach Beheimatung“ sei inmitten der Debatten über Fortschritt „verächtlich gemacht“ worden, sagt Gauck. Manche hätten das Gefühl bekommen, durch eine immer stärkere Einbindung in die EU oder durch Zuwanderung einen Teil der eigenen Identität zu verlieren. Gerade von progressiver Seite sei der Fehler gemacht worden, diese Sorgen nicht ernst zu nehmen. „Es ist etwas Gutes, ein Weltbürger zu sein. Aber es ist etwas Problematisches, wenn der Weltbürger praktisch abhebt und seine Beine nicht mehr auf der Erde stehen, er seiner Heimat verlustig geht“, merkt Gauck durchaus selbstkritisch an. Parteien wie die AfD böten „einen Schutzhafen für diejenigen, denen die Moderne zu windig ist“. So plausibel Gaucks Erklärungen klingen, so wenig nachvollziehbar erscheint heute, was er noch vor drei Jahren über die AfD und deren Wahlchancen gesagt hatte. „Diese Typen kommen bei uns nicht an die Macht in Deutschland“, war sich Gauck damals noch „total“ und „absolut“ sicher, wie ein Einspieler von Gaucks Auftritt bei „Lanz“ im Juli 2023 zeigt. „Das war eine Portion Optimismus zu viel“, kommentiert Gauck jetzt seine damaligen Äußerungen lapidar. Die naheliegende Frage, wie Gauck damals – gemessen an den heutigen Umfragewerten der AfD – so falschgelegen haben konnte, stellt Lanz seinem Gast nicht. Ein neues Verhältnis zur AfD? Angesichts einer möglichen AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt den Kopf in den Sand zu stecken oder aus Angst vor Konsequenzen auf Protest zu verzichten, davon hält Gauck nichts. „All das sind Elemente von Feigheit“, kommentiert er. Falls die AfD in Sachsen-Anhalt tatsächlich regieren sollte, „wird Deutschland nicht untergehen“, sagt der Altbundespräsident. Vielmehr könne eine AfD-Regierung ein „Weckruf“ für die Politik sein. Er verurteile AfD-Wähler nicht als „Faschisten“, sagt Gauck. „Ich bin der Meinung, dass sie falsch wählen, dass sie auf einem Irrweg sind.“ Daher sieht Gauck die Aufgabe der anderen Parteien darin, einen Ministerpräsidenten aus den Reihen der AfD zu verhindern – selbst wenn sie dafür auf die Linkspartei angewiesen sein sollten. „Alles, um die AfD zu verhindern?“, fragt Lanz. „Ja“, antwortet Gauck. Es gehe in der Politik „nicht immer um die Gestaltung des einzig Guten, manchmal geht es um die Gestaltung des weniger Schlechten“. Deshalb müsse man „einem ungeliebten Bündnis mehr Zustimmung geben als dem Versuch: Lass sie doch mal regieren“. Eigentlich sollte man im Umgang mit der AfD von einer „befestigten Grenze“ sprechen, sagt Gauck noch. „Dann kannst du Grenzübergänge regeln.“ Der ehemalige Bundespräsident führt aus: „Du kannst Grenzübergänge finden, wo du sie im Grunde genommen irgendwie würdigst.“ Unklar bleibt, ob die „befestigte Grenze“ ein Konkurrenzbegriff zur Brandmauer sein soll und was beide Konzepte in der Praxis unterscheidet. Auch an dieser Stelle hakt Lanz nicht nach. Gauck nimmt Merz in Schutz Der Zuschauer erfährt auch, was der Bundespräsident a. D. von verschiedenen prominenten Politikern hält. Für Bundeskanzler Friedrich Merz etwa hat Gauck warme Worte übrig. „In einer Anfangszeit eines neuen Gewerbes macht man möglicherweise ein paar kommunikative Fehler“, verteidigt er die zahlreichen rhetorischen Fehlgriffe des Kanzlers. Dafür müsse man bei Merz nicht befürchten, „dass er uns irgendwo in die Irre führt“. Denn das Ziel von Merz sei klar: „Er will, dass dieses Land wieder nach vorn kommt.“ Den US-Präsidenten Donald Trump kritisiert Gauck hingegen scharf. „Er ist für mich ein unamerikanischer Präsident“, sagt er. So zu tun, als sei das Zeitalter der „happy few“ angebrochen, in dem wenige Menschen Deals auf Kosten der Gesamtgesellschaft machen könnten, „das ist eine wirklich überaus perverse Politikshow“.

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