Jörg Kachelmann: „Dann hätten wir in Berlin 45 Grad“
TTS-Player überspringen↵Artikel weiterlesen Berlin – Hitze, Dürre, Waldbrände: Dieser Sommer trifft Europa mit Wucht und löst in Parlamenten wie Biergärten heftige Debatten aus. Was ist noch Wetter, was schon Klimawandel? Müssen wir den Klimawandel stoppen oder uns lieber anpassen? Und was hilft im Alltag wirklich gegen die Hitze? Darüber sprach BILD-Vize Paul Ronzheimer in seinem Podcast mit Deutschlands bekanntestem Wetter-Experten Jörg Kachelmann. Und der sprach Klartext über das Verhalten der deutschen Politiker, die Klima -Irrtümer und was bei Hitze unbedingt zu beachten ist. Das sagte Kachelmann in seinem fulminanten Wetter-Rundumschlag über … … warum Wälder wirklich brennen: „Die Suggestion in den Medien ist, dass Waldbrände irgendwie geheimnisvoll von selber entstehen würden. Also die Formulierung ist immer, ist wieder ein Waldbrand ausgebrochen oder ein Zusammenhang mit der Hitzewelle auch, der vollkommen abseitig ist. (...) Oft die zweite Möglichkeit, und die ist sozusagen in 99 Prozent der Fälle gegeben, ist Brandstiftung. (...) Die Frage ist nur noch intentionale Brandstiftung, Absicht oder eben aus Dummheit versehen. Aber das ist auch Brandstiftung, das nennt sich fahrlässige Brandstiftung.“ … die Hitze in Deutschland: „Das ist sehr außergewöhnlich und so außergewöhnlich, dass wir das in der Form bisher nicht hatten, seit das Wetter aufgezeichnet wird.“ Im Südwesten Deutschlands habe es „vielerorts seit dem 1. August keinen Tag unterhalb von 30 Grad Höchsttemperatur“ gegeben. … den Grund für die Hitze: „Wir heizen die Atmosphäre auf. Das wissen wir. Das ist auch physikalisch belegt. Wenn man mehr Treibhausgase in dieses System reinbläst – das kann man berechnen – dann wird das System wärmer. Das muss so sein.“ „Dann hätten wir in Berlin 45 Grad“ … ob es noch heißer werden kann: „Das ist noch nicht das obere Ende gewesen. Wir müssen daran denken: Dieses Jahr war der Schwerpunkt eher westlich in Frankreich. Wir haben die volle Lotte gar nicht abbekommen (...). Wenn das Ganze nur 500 Kilometer weiter östlich gewesen wäre (...), dann hätten wir es wahrscheinlich in Berlin auf 45 Grad packen können.“ … den Wassermangel-Irrtum: „Es gibt nicht kein Wasser, weil es warm ist, sondern es gibt kein Wasser, weil es nicht geregnet hat. Und das werden die Deppen kommende Woche schmerzhaft sehen, wenn es plötzlich 15 Grad kühler geworden ist und nicht wie durch ein Wunder plötzlich alle Flussbetten wieder bis oben gefüllt sind.“ „Es gibt nirgendwo auf der Welt so viel Aberglaube wie bei uns“ … den Tipp, dass Menschen bei Hitze tagsüber die Fenster schließen sollten: „Das führt dazu, dass viele alte Menschen in ihren kleinen Alterswohnungen wirklich auf erbärmlichste Art und Weise – ich kann es nicht anders sagen – verrecken.“ Die Hitze und die Luftfeuchtigkeit durch das Atmen führten zu einem Zustand „wie in den Tropen“ – und endeten oft tödlich. … was wirklich zu tun ist: „Viele Menschen würden auch ganz einfach überleben oder gut schlafen, wenn sie einen großen Ventilator (...) einen halben Meter oder einen Meter vor dem Gesicht hätten in der Nacht. Aber der Aberglaube in diesem Land ist so groß, wir sind global gesehen das Schwurbel-Land Nummer eins, glaube ich. Es gibt nirgendwo auf der Welt so viel Aberglaube wie bei uns im Alltagsbereich: Der steife Nacken und Durchzug machen krank und Klimaanlagen sowieso …“ … die Klimaanlagen-Skepsis der Deutschen: „Diese Hitzetoten wären vermeidbar, indem sich irgendjemand für dieses Thema interessiert hätte. In Köln wird jetzt wieder eine Schule ohne Kühlung geplant.“ Wie kann das sein? „Weiß ich nicht. Ihr seid einfach ein durchgeknalltes Land (Anmerkung d. Red: Kachelmann lebt in der Schweiz). Da sind wir wieder bei bildungsfern und wissenschaftsfeindlich.“ „Wenn es nicht regnet, sollte man eine gelbe Wiese haben“ … was Menschen im Alltag für Klima und Umwelt tun können: „Wenn es nicht regnet, sollte man eine gelbe Wiese haben. Das eigene menschliche Verhalten sollte irgendeinen Zusammenhang haben mit den Ressourcen der Natur. (...) Dieses massenhafte, obsessive Autowaschen, wie es offenbar immer noch üblich ist, wenn man das zusammenrechnet, ist das eine erhebliche Angelegenheit in der Summe.“