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Jugendamt ließ 400 E-Mails ungelesen

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Jugendamt ließ 400 Mails ungelesen: Tod von Alicia offenbart große Lücke beim Kinderschutz

Von: Jasmina Deshmeh

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In Sachsen-Anhalt ist eine Sechsjährige gestorben, mutmaßlich durch Gewalt ihres Stiefvaters. Warnungen an das Jugendamt versandeten – aus einem fatalen Grund.

Osternienburg – Manchmal entscheidet eine E-Mail über Leben und Tod. Im Fall der kleinen Alicia aus Osternienburg in Sachsen-Anhalt kamen gleich Hunderte davon nie an. Das sechsjährige Mädchen wurde am 7. Juni 2026 mit schwersten Kopfverletzungen in eine Klinik eingeliefert und starb kurze Zeit später. Nun stellt sich die Frage, ob der Tod des Mädchens hätte verhindert werden können. Der 27-jährige Lebensgefährte der Mutter sitzt seit Anfang Juni in Untersuchungshaft. Laut bild.de habe er den Rettungskräften erklärt, die Kleine sei gestürzt und dabei auf ein Spielzeugauto ihres Bruders gefallen.

Doch die Obduktion ergab, dass das Kind an einem schweren Schädel-Hirn-Trauma verstorben ist – möglicherweise verursacht durch eine Hantelstange aus Eisen. Ein Unfall wurde von den Ermittlungsbehörden ausgeschlossen. Mittlerweile wurden gravierende Fehler im Kinderschutz bekannt: Offenbar wurden zahlreiche Hinweise auf eine Gefährdung vom Jugendamt nicht bearbeitet, wie der MDR berichtet.

Über 400 Mails in einem stillgelegten Postfach

Alicia lebte mit ihrer Mutter in Dessau-Roßlau und war dort auch amtlich gemeldet. Sowohl die Mutter als auch Beschäftigte der Kindertagesstätte, die das Mädchen besuchte, sollen Bedenken über das Wohl des Kindes an das zuständige Jugendamt übermittelt haben – per E-Mail.

Nach Informationen, die im Dessauer Stadtrat bekannt wurden, erreichten diese Nachrichten jedoch keinen aktiven Sachbearbeiter. Sie wurden stattdessen an das Postfach eines Mitarbeiters weitergeleitet, der bereits in Rente gegangen war. Das Konto war nie deaktiviert worden und wurde auch nicht mehr kontrolliert. Mehr als 400 E-Mails sollen sich dort angesammelt haben – ungelesen.

Ob und in welchem Umfang ein frühzeitiges Eingreifen des Jugendamts das Schicksal von Alicia hätte abwenden können, ist nun Gegenstand laufender Ermittlungen. Die zuständigen Behörden in Sachsen-Anhalt haben angekündigt, die Abläufe im Jugendamt Dessau-Roßlau zu überprüfen.

Kinderschutzbund mahnt: Strukturelle Ursachen, kein lokaler Einzelfall

Daniel Kemp, Geschäftsführer des Kinderschutzbundes Sachsen-Anhalt, bewertete den Vorgang gegenüber MDR Sachsen-Anhalt als „das schlimmste Szenario, das passieren kann“. Zugleich warnte er davor, die Panne auf das Jugendamt in Dessau-Roßlau zu begrenzen. Vergleichbare Risiken bestünden überall dort, wo Kommunikationswege nicht eindeutig geregelt und technisch nicht abgesichert seien.

Kemp sprach sich für verbindliche Mindeststandards aus: Jugendämter sollten über dauerhaft betreute, zentrale E-Mail-Adressen erreichbar sein. Wer eine Gefährdungsmeldung einreiche, müsse eine automatische Rückmeldung erhalten, die bestätigt, dass die Nachricht eingegangen ist und bearbeitet wird. „Wir müssen Strukturen schaffen, um Gefahren zu minimieren“, so Kemp im Gespräch mit dem MDR. „Strukturen, die sicherstellen, dass keine Informationen oder Anzeigen verloren gehen.“

Keine Kompromisse beim Kinderschutz

Außerdem brauche es klare Abläufe in Kitas, Schulen und Jugendämtern, wenn Kinder auffällig unterernährt seien, Spuren körperlicher Gewalt zeigten oder es andere Hinweise auf eine Gefährdung gebe, so Kemp. Dann müsse eindeutig festgelegt sein, wer wann wen informiert und wie der Vorgang weiterverfolgt werde.

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