Jugendarbeitslosigkeit steigt wegen KI: Auf dem Arbeitsmarkt wird es ungemütlich
Die Babyboomer gehen in Rente, Fachkräfte fehlen, und die Jüngeren können sich ihren Traumjob aussuchen – dieses viel zitierte Szenario löst sich mehr und mehr in Luft auf. Stattdessen verschlechtern sich hierzulande, aber auch anderswo, die Aussichten, nach dem Schul- oder Uniabschluss einen sicheren guten Arbeitsplatz zu finden. Das ist das zentrale Ergebnis des Berichts „Global Employment Trends for Youth“, den die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) am Mittwoch veröffentlicht hat. Darin heißt es: „Das schwächere globale Wirtschaftswachstum, weniger neu entstehende Arbeitsplätze, geopolitische Spannungen und der rasche technologische Wandel erschweren vielen jungen Menschen den Übergang von der Schule in eine angemessene Beschäftigung zunehmend.“ Der Negativtrend, der 2023 eingesetzt habe, sei rund um den Globus zu beobachten, am stärksten sei er in Nordafrika, Nordamerika und Europa. In Deutschland ist die Zahl der arbeitslosen unter Fünfundzwanzigjährigen von 188.000 nach der Corona-Pandemie Anfang 2022 auf 287.000 gestiegen. F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen F.A.Z. bei Google bevorzugen Die Autoren der Internationalen Arbeitsorganisation beobachten ein Auseinanderdriften des Arbeitsmarktes zwischen älteren und jüngeren Beschäftigten. Während die Arbeitslosenquote für Menschen, die älter als 25 Jahre sind, insgesamt leicht gesunken sei, sei sie für die Jüngeren auf ohnehin schon höherem Niveau gestiegen. Sie betrage nun 12,4 Prozent, was 67 Millionen Menschen weltweit und einem Anstieg um zwei Millionen Menschen seit 2023 entspreche. Die Strukturkrise lässt sich nicht mit Kurzarbeitergeld lösen Das Problem für die Jüngeren: Es werden nach dem ILO-Bericht nicht genügend neue Arbeitsplätze geschaffen, um die auf den Arbeitsmarkt kommenden jungen Menschen aufzunehmen. Es gebe „zunehmend Zweifel daran, ob die Volkswirtschaften ausreichend Beschäftigungsmöglichkeiten für junge Menschen schaffen können“, heißt es in der Analyse. Die große Frage ist, welche Rolle dabei die Künstliche Intelligenz spielt, die im Ruf steht, vor allem Einsteigerjobs mit mittlerem Qualifikationsniveau zu ersetzen. Besonders gefährdet sind laut ILO daher junge Menschen in Europa und Nordamerika, weil dort vergleichsweise viele Berufseinsteiger in Büro-, Verwaltungs- und anderen wissensbasierten Tätigkeiten arbeiten. Dort, wo die Beschäftigung von Jüngeren zurückgeht, seien diese Jobs besonders betroffen, schreiben die Autoren. Sie warnen: Sollten zehn Prozent der stark KI-exponierten Jugendbeschäftigung vollständig verschwinden, wären in Europa etwa 850.000 junge Beschäftigte von einem Wechsel in Arbeitslosigkeit, einem Berufswechsel oder einem Ausscheiden aus dem Arbeitsmarkt betroffen. Inwiefern das Aufkommen der Künstlichen Intelligenz die Chancen der Jüngeren tatsächlich schmälern wird, ist aber umstritten. Es sind international zwar einige Studien dazu erschienen, das Bild ist aber nicht eindeutig. Enzo Weber, ein Arbeitsmarktökonom am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg (IAB), ist überzeugt, dass die KI auf dem deutschen Arbeitsmarkt nicht das größte Problem ist. „Ich wünschte, es wäre so – ich beobachte aber etwas viel Schlimmeres“, sagte Weber der F.A.Z. Der Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit habe schon vor dem Siegeszug von ChatGPT und Co. begonnen, die Verschlechterung der Jobchancen betreffe zudem alle Altersgruppen. Wer heute keine Arbeit habe – egal, ob er gerade mit der Universität fertig oder arbeitslos sei –, habe extrem schlechte Chancen auf eine Anstellung. „Wir sehen keine Berufseinsteigerkrise, sondern eine Erneuerungskrise“, sagte Weber. Der Hauptgrund: In der Industrie gibt es Monat für Monat 15.000 Arbeitsplätze weniger. „Es entstehen derzeit kaum neue Arbeitsplätze“, sagte Weber. Eine Situation wie heute habe er noch nie erlebt. Während der Finanzkrise 2009 und der Pandemie seien zeitweise zwar noch mehr Stellen gestrichen worden. „Das waren aber Akutkrisen, die wir mit Kurzarbeitergeld durchstehen konnten“, sagte der Forscher. Das funktioniere nun nicht mehr, weil die Krise strukturell sei.