Junge Menschen essen am klimaschädlichsten - doch Senioren treiben den Emissionsanstieg
Stand: 23.07.2026 08:29 Uhr Wer belastet das Klima durch seine Ernährung am stärksten? Eine neue internationale Studie kommt zu einem überraschenden Ergebnis: Nicht ältere Menschen, sondern Jugendliche und junge Erwachsene verursachen weltweit die höchsten Treibhausgasemissionen pro Person. Gleichzeitig wächst der Anteil der über 60-Jährigen an den gesamten ernährungsbedingten Emissionen immer schneller. Der Grund dafür ist jedoch nicht ihr Essverhalten, sondern die demografische Entwicklung. von MDR WISSEN/GP Das Forschungsteam analysierte Ernährungsdaten aus 149 Ländern für den Zeitraum von 2000 bis 2019. Untersucht wurden 141 Lebensmittelgruppen und 22 Altersklassen. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift Nature Food erschienen. Jugendliche verursachen die höchsten Emissionen Weltweit weisen Jugendliche zwischen 11 und 19 Jahren sowie junge Erwachsene zwischen 20 und 29 Jahren die höchsten ernährungsbedingten Treibhausgasemissionen pro Kopf auf. Kinder verursachen dagegen die geringsten Emissionen. Die Forschenden führen dies vor allem auf die Ernährungsweise junger Menschen zurück. Sie konsumieren mehr Fleisch, Milchprodukte, zuckerhaltige Getränke und andere stark verarbeitete Lebensmittel als ältere Altersgruppen, "was die Emissionen insbesondere bei jüngeren Bevölkerungsgruppen stark ansteigen lässt", so Studienautor Yuli Shan in einer Mitteilung der Universität Birmingham. Gleichzeitig haben sie aufgrund ihres Wachstums und eines höheren Energiebedarfs einen größeren Kalorienverbrauch. Das stellt die Politik vor ein wachsendes Dilemma: Wie lassen sich die Emissionen reduzieren, ohne die Ernährung zu gefährden? Yuli Shan, Professor für Nachhaltigkeit, Universität Birmingham Besonders klimaschädlich ist dabei laut der Studie rotes Fleisch, etwa Rind- oder Lammfleisch. Die Studie identifiziert den weltweit steigenden Fleischkonsum als wichtigsten Treiber wachsender Ernährungsemissionen. Warum ältere Menschen dennoch immer wichtiger werden Auf den ersten Blick scheinen die Ergebnisse früheren Annahmen zu widersprechen. Denn ältere Menschen gelten oft als bedeutende Verursacher von Emissionen. Die neue Analyse zeigt jedoch ein differenzierteres Bild. Zwar stammen die höchsten Emissionen pro Person von jüngeren Altersgruppen. Der stärkste Zuwachs der gesamten ernährungsbedingten Emissionen entfällt aber auf Menschen über 60 Jahre. Zwischen 2000 und 2019 gingen mehr als 25 Prozent des weltweiten Emissionsanstiegs auf diese Altersgruppe zurück. Der Grund liegt vor allem in der Bevölkerungsalterung. In vielen Ländern leben Menschen länger, während gleichzeitig weniger Kinder geboren werden. Dadurch wächst der Anteil älterer Menschen an der Bevölkerung – und damit auch ihr Anteil an den gesamten Ernährungsemissionen. Die Studie betont ausdrücklich: Senioren essen im Durchschnitt nicht klimaschädlicher als jüngere Menschen. Ernährung und Klima geraten oft in Konflikt Die Forschenden untersuchten nicht nur Emissionen, sondern auch die Qualität der Ernährung. Dabei zeigte sich ein schwieriger Zielkonflikt: In vielen Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen gingen Verbesserungen der Ernährung mit steigenden Emissionen einher. Der Hintergrund: Mit wachsendem Wohlstand werden häufiger tierische Produkte verzehrt, die wichtige Nährstoffe liefern. Gleichzeitig verursachen sie aber mehr Treibhausgase als viele pflanzliche Lebensmittel. In China etwa trug vor allem der steigende Fleischkonsum zum Emissionsanstieg bei. In Indien waren es insbesondere Milchprodukte. Eine einfache Reduzierung bestimmter Lebensmittel kann unbeabsichtigte gesundheitliche Auswirkungen haben. Prof. Klaus Hubacek, Professor für Energie- und Umweltforschung, Universität Groningen Die Autoren warnen deshalb vor einfachen Lösungen. Eine pauschale Reduzierung bestimmter Lebensmittel könne in manchen Regionen die Ernährungssicherheit oder die Versorgung mit wichtigen Nährstoffen verschlechtern. "In vielen Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen sind die Emissionssteigerungen mit Verbesserungen der Ernährungsqualität einhergegangen", so Studienautor Klaus Hubacek in einer Erklärung der Universität Groningen. Die Folge: eine einfache Reduzierung bestimmter Lebensmittel kann unbeabsichtigte gesundheitliche Auswirkungen haben. Altersgerechte Klimastrategien gefordert Aus Sicht der Forschenden sollten Maßnahmen zum Klimaschutz künftig stärker auf verschiedene Altersgruppen zugeschnitten werden. Für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene empfehlen sie unter anderem eine bessere Ernährungsbildung sowie nachhaltigere Angebote in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen. Bei älteren Menschen gehe es dagegen darum, eine ausgewogene und ausreichend nährstoffreiche Ernährung mit möglichst geringen Emissionen zu fördern. Die zentrale Botschaft der Studie lautet: Für einen klimafreundlicheren Speiseplan reichen allgemeine Empfehlungen nicht aus. Wer die Emissionen des Ernährungssystems wirksam senken will, muss Alter, Ernährungsbedürfnisse und regionale Unterschiede stärker berücksichtigen. gp