Junge Pflege: Plötzlich gelähmt und mit Anfang 30 im Seniorenheim
Angefangen hat alles mit Schmerzen in den Beinen. Wie Muskelkater habe sich das angefühlt, erzählt Inga Hindemith. "Ich bin dann ins Krankenhaus gefahren. Da konnte ich noch ein paar Schritte laufen und am Abend dann schon nicht mehr. Innerhalb von anderthalb Tagen war ich plötzlich aufsteigend gelähmt und es wurde erst mal schlimmer", sagt Hindemith.
Die Ärzt:innen diagnostizieren bei ihr das Guillain-Barré-Syndrom – eine Krankheit, bei der das eigene Immunsystem die Nerven angreift. Vielen Betroffenen geht es schnell wieder besser, bei Hindemith ist das anders. Es folgen zehn Wochen in der Rehaklinik Beelitz (Potsdam-Mittelmark). Schnell wird klar: Sie muss vollstationär versorgt werden. Mit 32 Jahren zieht Hindemith ins Azurit Seniorenzentrum Sternenblick in Potsdam ein. Ihre eigene Wohnung in Berlin muss sie aufgeben.
Über ein Jahr ist das nun her. "Ich war völlig überfordert. Ich hatte Angst vor fürchterlicher Einsamkeit: Jetzt bin ich hier ganz allein; was mache ich denn jetzt?" erinnert sich Hindemith.
Fast 91.000 Menschen und Berlin und Brandenburg unter 65 Jahren sind pflegebedürftig. Sie gelten als junge Pflegebedürftige, da sie das Rentenalter in der Regel noch nicht erreicht haben.
Zwar wird der Großteil von ihnen zu Hause versorgt, doch nicht für alle ist das möglich. Vor allem junge Menschen mit plötzlich auftretenden Krankheiten oder nach Unfällen sind häufig auf vollstationäre Pflege angewiesen, die passenden Pflegestrukturen gibt es dafür allerdings fast ausschließlich in Seniorenheimen. Es fehlt dafür dort an Betreuungsangeboten, die sich gezielt an junge Menschen richten.
Deshalb bieten einige Einrichtungen eine spezialisierte "Junge Pflege" an. Menschen, die unvorhergesehen aus dem Leben gerissen werden, sollen so dabei unterstützt werden, ihren Alltag weiterhin möglichst eigenständig zu gestalten. Wohn- und Essbereiche teilen sie sich mit Gleichaltrigen, aber auch mit Pflegebedürftigen, die altersmäßig ihre Großeltern sein könnten.
Seit Ende 2023 gibt es eine vollstationäre "Junge Pflege" auch im Seniorenzentrum Sternenblick. In Potsdam ist sie das einzige Angebot dieser Art. Ein leerstehender Wohnbereich brachte Einrichtungsleiter Steven Snelsire und Pflegedienstleiterin Kerstin Klauke auf die Idee für den zusätzlichen Pflegeschwerpunkt. "Wir wollten diese alte Pflegestruktur einfach mal verbessern, neu machen und aufhübschen. Darum haben wir uns gesagt: Wir schauen mal, wie es läuft, wenn wir die jungen Leute mit der älteren Generation zusammenbringen", sagt Klauke.
Seitdem hat sich in der Einrichtung einiges verändert. "Junge Pflegebedürftige haben in der Regel einen höheren Behandlungsbedarf und bekommen zum Beispiel häufiger Physiotherapie. Dadurch konnten wir hier eine physiotherapeutische Praxis einrichten. Außerdem haben wir ein Café eröffnet, weil die Menschen der 'Jungen Pflege' mehr soziale Kontakte haben und dadurch häufiger Besuch bekommen", erklärt Einrichtungsleiter Snelsire.
Sein Ziel ist es, alle Generationen immer wieder in den Austausch zu bringen. Einmal im Monat findet zum Beispiel ein gemeinsamer Brunch statt. "Der ist eigentlich für junge Leute gedacht. Senioren mochten es lieber, wenn sie sich einfach an den Tisch setzen konnten und sich nicht entscheiden mussten. Jetzt müssen sie ans Buffet, müssen entscheiden, was sie essen wollen, müssen lernen, dass sie mehrmals essen dürfen", sagt Snelsire. Die eine Seite soll also von der anderen profitieren – so lautet zumindest der Anspruch.
"Am Anfang war es schon gewöhnungsbedürftig", erzählt Marcus Hartwich. Seit mehr als zweieinhalb Jahren wohnt der 46-Jährige jetzt schon im Seniorenzentrum Sternenblick. Wie Hindemith hat auch er das Guillain-Barré-Syndrom. "Ich bin jetzt nicht so der Typ, der direkt auf die Leute zustürmt, sondern eher ein ruhiger Typ. Man musste sich ein bisschen reinfuchsen, aber inzwischen kommt man ganz gut klar", sagt Hartwich.
Gemeinsam mit Hindemith engagiert er sich mittlerweile sogar im Bewohnerschaftsrat. Dort setzten sie sich zum Beispiel für einen ausgewogenen Speiseplan oder eine Brandschutzübung ein. "Ich habe null Werbung für mich gemacht und trotzdem bei der Wahl die meisten Stimmen gekriegt", sagt Hartwich. "Keine Ahnung, wie ich das hingekriegt habe."
Inga Hindemith scheint es besonders leicht zu fallen, mit den älteren Bewohner:innen ins Gespräch zu kommen. "Ich komme selbst aus einem Bereich, wo ich viel mit Menschen verschiedenen Alters gearbeitet habe, nämlich aus der Sozialen Arbeit. Das habe ich mir hier ein bisschen zurückgeholt. Ich biete dann schon gerne meine Hilfe an, wenn ich sehe, dass jemand mal Hilfe mit dem Handy oder mit dem Fernseher braucht", sagt Hindemith.
Sie genieße es, sich mit den älteren Bewohner:innen auszutauschen und deren Lebensgeschichten zu hören. Mit der 92-jährigen Sigrid Opgen-Rhein sitze sie abends immer wieder gerne zusammen. "Da kannst du noch was lernen!", erwidert die Seniorin in Richtung Hindemith. Mit den jungen Leuten lebe es sich eigentlich ganz gut, gibt Opgen-Rhein zu und ergänzt: "Die stellen sich auf die Alten ein. Wir haben keine Probleme."
Laut Einrichtungsleiter Snelsire wohnen aktuell zwölf Menschen in der "Jungen Pflege". Die Nachfrage sei momentan noch "moderat". Andere Einrichtungen in der Region berichten Gegenteiliges. Das Haus am Mariengrund in Brandenburg an der Havel ist eines von insgesamt vier Seniorenpflegeheimen, die im Land Brandenburg "Junge Pflege" anbieten.
Auf Anfrage teilte eine Sprecherin mit: "Wir sind voll ausgelastet und haben eine lange Warteliste. Wir erhalten dabei nicht nur Anfragen aus Brandenburg, sondern teilweise auch aus anderen Bundesländern. Das zeigt aus unserer Sicht, dass der Bedarf an entsprechenden Angeboten sehr groß ist."
Pflegebedürftigkeit ist laut Sozialgesetzbuch allerdings nicht an ein bestimmtes Alter gebunden. Ob es spezielle Angebote für jüngere Pflegebedürftige gibt, hängt unter anderem vom kommunalen Bedarf ab. Für Brandenburg konnte das Landesamt für Soziales und Versorgung auf Nachfrage keine Auskunft dazu geben, ob insgesamt genügend vollstationäre Pflegeplätze für junge Menschen zur Verfügung stehen.
Auch die Berliner Senatsverwaltung für Pflege teilte mit, nicht abschließend beurteilen zu können, ob junge Pflegebedürftige bedarfsgerecht versorgt werden. Allerdings verwies die Behörde darauf, dass die vollstationären Pflegeheime im Land Berlin nicht vollständig ausgelastet seien.
Ein Sprecher des Sozialverband Deutschland (SoVD) wies in einem schriftlichen Statement darauf hin, dass ein freier Pflegeplatz nicht automatisch ein geeigneter sei. In Bezug auf die Situation in Berlin teilte der Landesverband Berlin-Brandenburg mit: "Oft müssen Betroffene froh sein, überhaupt einen Pflegeplatz zu finden. Wenn ein junger Mensch deshalb in einer Einrichtung leben muss, die weder auf seine Lebensphase noch auf seine Teilhabebedürfnisse eingestellt ist, kann das zu sozialer Isolation führen."
Inga Hindemiths größter Traum ist es, wieder in den eigenen vier Wänden zu wohnen. Aber eine rollstuhlgerechte Wohnung zu finden, ist schwer: "Ich habe jetzt zwar einen Wohnberechtigungsschein, aber ich finde trotzdem keine Wohnung, weil barrierefreie Wohnungen fehlen", sagt Hindemith.
Bis es so weit ist, holt sich Inga Hindemith jeden Tag ein kleines Stückchen Selbstständigkeit zurück. "Ich finde, das ist so wie Mehrgenerationenwohnen neu gedacht. Hier hat jeder so ein bisschen die Position wie in einer kleinen schrägen Familie", sagt Hindemith. Sie selbst fühle sich dann manchmal wie die verrückte Cousine, die sich noch finden muss.