Kaffee und Energydrink wirken völlig verschieden aufs Herz
04. August 2026 14:15 Dennis Lenz (Symbolbild) Koffein ist die weltweit am häufigsten konsumierte psychoaktive Substanz, und Kaffee ist für die meisten Erwachsenen die wichtigste Quelle. Eine neue Auswertung der American Heart Association fasst zusammen, was die Forschung über den Zusammenhang mit Blutdruck, Herzrhythmus und Gefäßerkrankungen belegt. Entscheidend ist dabei nicht allein die Menge, sondern auch, in welcher Form und Konzentration die Substanz aufgenommen wird. Für hochdosierte Produkte fällt die Bewertung deutlich anders aus als für die klassische Tasse. (Foto: © Forschung und Wissen) Bis zu 400 Milligramm Koffein am Tag gelten für die meisten Erwachsenen als unbedenklich, und moderater Kaffee geht in großen Beobachtungsstudien sogar mit einem niedrigeren Risiko für mehrere Herz-Kreislauf-Erkrankungen einher. Zu diesem Schluss kommt ein neues wissenschaftliches Statement der American Heart Association. Für hochkonzentrierte Energydrinks und Energy-Shots fällt die Einschätzung dagegen deutlich zurückhaltender aus. Die Fachgesellschaft benennt zugleich, warum sich aus der Datenlage bislang keine allgemeine Verzehrempfehlung ableiten lässt. Koffein wirkt im Körper vor allem als Gegenspieler des Botenstoffs Adenosin. Adenosin sammelt sich im Verlauf des Tages im Gehirn an und dämpft die Aktivität der Nervenzellen, was als zunehmende Müdigkeit wahrgenommen wird. Koffein besetzt dieselben Andockstellen, ohne diese dämpfende Wirkung auszulösen, und hebt damit vorübergehend die Bremse auf. Parallel steigt die Ausschüttung von Adrenalin, was Herzfrequenz und Blutdruck kurzfristig anheben kann. Aufgenommen wird die Substanz nicht nur über Kaffee, sondern auch über Tee, Kakao, Schokolade, Limonaden, Energydrinks sowie über rezeptfreie und verschreibungspflichtige Medikamente. Regulärer Filterkaffee enthält je nach Zubereitung etwa 32 bis 70 Milligramm Koffein je 100 Milliliter, sodass sich die Tagesmenge je nach Tassengröße und Brühstärke erheblich unterscheiden kann. Die wissenschaftliche Bewertung dieses Alltagsstoffs ist schwieriger, als es zunächst wirkt. Der weitaus größte Teil der vorliegenden Daten stammt aus Beobachtungsstudien, in denen Menschen über Jahre begleitet und ihre Angaben zum Konsum mit späteren Erkrankungen abgeglichen werden. Solche Untersuchungen zeigen Zusammenhänge, können aber keine Ursache belegen, weil sich Konsumgewohnheiten mit Alter, Einkommen, Rauchverhalten und Bewegung überlagern. Erschwerend kommt hinzu, dass Kaffee weit mehr enthält als Koffein, darunter Chlorogensäure und weitere Pflanzenstoffe mit entzündungshemmender Wirkung. Ob ein beobachteter Vorteil also dem Koffein oder anderen Bestandteilen zuzuschreiben ist, lässt sich aus solchen Daten kaum trennen. Ein wissenschaftliches Statement einer Fachgesellschaft fasst diese Studienlage systematisch zusammen, ohne den Rang einer Leitlinie zu beanspruchen. Was die Fachgesellschaft zu Kaffee und Koffein sagt Die Auswertung trägt den Titel Caffeine and Cardiovascular Disease und erschien in der Fachzeitschrift Circulation. Nach der Mitteilung der American Heart Association gilt eine Aufnahme von bis zu 400 Milligramm täglich für die meisten Erwachsenen als sicher, was etwa drei bis fünf Tassen schwarzem Kaffee ohne Zucker, Sirup oder Aromen entspricht. In den ausgewerteten Kohortenstudien war ein moderater Konsum mit einem niedrigeren Risiko für koronare Herzkrankheit, Schlaganfall, Herzinsuffizienz und Vorhofflimmern verbunden, ebenso mit einer geringeren Häufigkeit von Bluthochdruck und Typ-2-Diabetes. Vorsitzender der Autorengruppe ist Gregory Marcus von der University of California in San Francisco. Wichtig ist die Einschränkung, dass sich diese Beobachtung auf ungesüßten Kaffee bezieht und nicht auf stark gesüßte Kaffeegetränke. Warum Energydrinks anders wirken als eine Tasse Deutlich anders bewertet das Papier Energydrinks und sogenannte Energy-Shots. Diese Produkte liefern das Koffein in stark konzentrierter Form und häufig in Kombination mit Zucker, Taurin und weiteren Zusätzen, sodass innerhalb weniger Minuten Mengen aufgenommen werden, für die man sonst mehrere Tassen über Stunden verteilen würde. In der Auswertung werden dafür Anstiege des Blutdrucks sowie Störungen des Herzrhythmus bis hin zu Rhythmusstörungen beschrieben. Bei Menschen mit bereits bestehendem Bluthochdruck zeigte Koffein zudem eine deutlichere blutdrucksteigernde Wirkung als bei Gesunden. Wie schwer die eigene Aufnahme im Alltag einzuschätzen ist, zeigt sich auch an digitalen Hilfsmitteln, denn verbreitete Kalorien-Apps lagen im Test einer US-Behörde pro Mahlzeit um mehrere hundert Kilokalorien daneben. Was für das Herz-Kreislauf-Risiko offen bleibt Die Autorengruppe betont, dass sich aus der Datenlage keine allgemeingültige Empfehlung ableiten lässt. Genau deshalb taucht Koffein in der aktuellen Ernährungsempfehlung der Fachgesellschaft für die Herzgesundheit gar nicht auf. Individuelle Unterschiede fallen erheblich aus, weil der Abbau in der Leber genetisch unterschiedlich schnell verläuft und Menschen mit Rhythmusstörungen, Schwangere oder Jugendliche anders reagieren als gesunde Erwachsene. Auch die Zubereitung spielt eine Rolle, denn ungefilterter Kaffee enthält mehr fetthaltige Begleitstoffe, die den Cholesterinspiegel beeinflussen können. Dass die Verträglichkeit häufig in den Zellen selbst entschieden wird, zeigt sich auch bei anderen weit verbreiteten Substanzen, etwa bei der Frage, warum Muskelschmerzen durch Statine bei manchen Patienten auftreten und bei anderen nicht. Für die weitere Forschung benennt das Papier eine klare Lücke. Randomisierte kontrollierte Studien, in denen Teilnehmer über längere Zeiträume unterschiedlichen Mengen zugeteilt werden, existieren bislang nur in kleiner Zahl und mit kurzer Laufzeit. Besonders dünn ist die Evidenz ausgerechnet dort, wo der Konsum am stärksten wächst, nämlich bei hochdosierten Fertiggetränken und bei jungen Konsumenten. Solange diese Daten fehlen, bleibt die Aussage auf eine Orientierungsgröße beschränkt, nicht auf eine Dosisempfehlung für den Einzelfall. Die vollständige Auswertung in der Fachzeitschrift Circulation listet dafür die berücksichtigten Endpunkte und die jeweilige Studienqualität im Einzelnen auf, sodass sich die Belastbarkeit jeder Einzelaussage nachvollziehen lässt. Circulation, Caffeine and Cardiovascular Disease, A Scientific Statement From the American Heart Association; doi:10.1161/CIR.0000000000001454