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Kamerun 1986: Als die Mutter aufwachte, lagen drei ihrer vier Töchter tot neben ihr

Welt

Audioplayer wird geladen Anzeige Das Unglück begann mit einem dumpfen Grollen. Am 21. August 1986, einem Donnerstag, gegen 21.30 Uhr Ortszeit polterte es auf einmal rund um den See Nyos (manchmal auch Nios geschrieben) im Nordwesten Kameruns, nahe der Grenze zu Nigeria. Rasch verbreitete sich ein fauliger Gestank. Manche Einheimische um den mit Wasser gefüllten Krater im Vulkangebiet Oku sahen darin möglicherweise ein Zeichen. Denn in ihrem Aberglauben hielten die Stämme der Region Aktivitäten des Kraters für Ehrbezeugungen, die Götter ihren toten Häuptlingen darbrachten. Die Realität war prosaischer: Viele Menschen rund um den See, der zu einer tausend Kilometer langen Kette überwiegend erloschener Vulkane gehört, bekamen stechendes Augenbrennen, quälende Kopfschmerzen; ihnen wurde schwindelig. Dann fielen buchstäblich Hunderte tot um – sie waren erstickt. Insgesamt mindestens 1746 Menschen starben; außerdem verendeten 3500 Nutztiere. Eine rätselhafte Naturkatastrophe. Anzeige Kameruns Informationsminister George Ngango bestätigte zunächst den Tod von („nur“) 40 Menschen und sprach von „Schwefelwasserstoff“, der in riesigen Mengen aus dem an sich erloschenen Vulkankrater geströmt sei. Europäische Fachleute hielten von dieser Erklärung nichts. Der französische Vulkanologe Haroun Tazieff erklärte Pariser Medien: „Schwefelwasserstoff ist leichter als Luft, kann sich schnell verflüchtigen. Eine so hohe Zahl von Opfern ist dann nicht denkbar.“ Außerdem riechen Schwefelverbindungen stechend, „wie faule Eier“ – davor hätten sich viele Menschen wohl noch in Sicherheit bringen können. Der Freiburger Vulkanologe Jörg Keller sagte gegenüber WELT, es habe sich nicht um einen „typischen Vulkanausbruch“ mit dem Austritt von glühend heißem Magma und Asche gehandelt. Vielmehr sei wohl am Boden des Kraters eine Gasblase entstanden, deren Druck schließlich so stark geworden sei, dass sie durch das Wasser aufstieg und sich schlagartig in die Atmosphäre entlud. Bei einem (nach vulkanologischen Maßstäben) geringen bis mittleren Druck würden die Gase nicht kilometerhoch in die Atmosphäre befördert, sondern lediglich über die nähere Umgebung des Eruptionsortes. Anzeige Es habe sich vorwiegend um Kohlendioxid gehandelt. Da dieses Gas schwerer ist als die übliche Mischung der Atmosphäre aus (vorwiegend) knapp vier Fünfteln Stickstoff und einem Fünftel Sauerstoff, sank das CO₂ zu Boden und nahm den hier lebenden Menschen buchstäblich die Luft zum Atmen. Kohlendioxid ist völlig geruchlos; Menschen spüren das tödliche Gift erst, wenn es zu spät ist. Lesen Sie auch Einen plötzlichen Austritt großer Mengen CO₂ nannte auch der Hamburger Mineraloge Dieter Jung auf WELT-Anfrage als wahrscheinlichste Erklärung. Das Gas entsteht im Erdmantel; in größeren Tiefen bleibt es zunächst im Magma gelöst, das unter hohem Druck steht. Steigt dieses flüssige Gestein Richtung Erdoberfläche auf, nimmt jedoch der Druck ab – es bilden sich größere Gasblasen. Diese können beim plötzlichen Entweichen an die Erdoberfläche heftige Eruptionen verursachen, wie sie immer wieder bei gewöhnlichen Vulkanausbrüchen beobachtet werden. Aber auch andere Arten des Austritts sind möglich – wie am 21. August 1986 aus dem Kratersee Nyos. Das sehr seltene Phänomen trägt den wissenschaftlichen Namen limnische Eruption. Es tritt auf, wenn sich Kohlendioxid im kalten, tiefen Wasser eines (Vulkan-)Sees ansammelt und am Grund eine schwere Schicht am Grund bildet. Das Gewicht der wärmeren, darüber liegenden Wasserschicht wirkt zunächst wie ein Deckel. Doch schließlich sammelt sich so viel Gas an, dass es freigesetzt wird. Ob am 21. August 1986 im Nyos-See ein Unterwasser-Erdrutsch in die Blase hinein der Auslöser war, ein kleines Erdbeben oder etwas anderes, konnte nie geklärt werden. Ein Viehhirte aus Kamerun beschrieb, was fast alle Einwohner seines Dorfes das Leben kostete: „Wir dachten, es würde regnen. Ich ging hinaus und sah den Mond scheinen. Ich fragte mich, wie es ohne Wolken regnen konnte.“ Dann wurde er von der Kohlendioxidwolke eingehüllt und verlor das Bewusstsein. Eine weitere Überlebende erinnert sich, dass sie „sehr schwer atmete und keine Kraft hatte“. Dann wachte sie auf und fand drei ihrer vier Töchter tot neben sich. In hoher Konzentration eingeatmetes Kohlendioxid wirkt in Sekunden letal. Die Menschen in den Tälern hatten daher kaum eine Chance: „Nach wenigen Atemzügen CO₂ verliert man die Reaktionsfähigkeit, wird bewusstlos und erstickt, wenn nicht schnell Hilfe kommt“, erklärte Dieter Jung. Kameruns Präsident Paul Biya sprach von einem „nationalen Unglück“. Er ließ die Umgebung der Katastrophe, darunter die Stadt Wum mit 27.000 Einwohnern, evakuieren und erklärte die Region zum Katastrophengebiet. Die Bergung der Toten und der geschwächten Überlebenden erwies sich als schwierig, weil die ganze Region nach Regenfällen überschwemmt war und Rettungsmannschaften in den Bergen kaum vorankamen. Zufällig anderthalb Tage nach der Eruption traf der israelische Ministerpräsident Schimon Peres in Kameruns Hauptstadt Jaunde zu einem Staatsbesuch ein. Kaum hatte er von der Katastrophe gehört, bestellte er ein medizinisches Team aus 17 Spezialisten und Hilfspersonal in sein Flugzeug; hinzu kamen Notfallausrüstungen. Auch die USA, Frankreich und Großbritannien mobilisierten Ärzte und Ausrüstung. Schon am 16. August 1984 hatte es in der Nähe des Nyos-Sees ein ähnliches Unglück gegeben. Damals traten vulkanische Gase aus dem Kratersee Munum aus, zogen als „Nebelwolke“ ins Umland und erstickten in einem Dorf 35 bis 50 Menschen. Ein weiter östlich gelegener und deutlich größerer Vulkansee, der Kiwu zwischen dem Kongo und Ruanda, soll nach Schätzungen von Vulkanologen ungefähr alle tausend Jahre eine limnische Eruption erleben. In seinen rund 550 Kubikkilometern Wasser sollen 225 Kubikkilometer Kohlendioxid sowie zusammen etwa 75 Kubikkilometer Methan und Schwefelwasserstoff gelöst sein. Zum Vergleich: Beim Ausbruch des Vulkans Pinatubo auf den Philippinen 1991 gelangten 42 Millionen Tonnen CO₂ in die Atmosphäre – gut 21 Kubikkilometer.

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