Kampf gegen Mangelernährung im Krankenhaus
Blinder Fleck in der stationären Versorgung Für viele Kliniken scheint Mangelernährung kein drängendes Problem zu sein – schlichtweg deshalb, weil sie im Routinebetrieb nicht systematisch erfasst wird. Das Team der Leipziger Ernährungsmedizin unter Leitung von Prof. Lars Selig zeichnet hier ein realistischeres Bild der Versorgungslandschaft. Durch konsequentes Screening beim Aufnahmeprozess lässt sich am UKL belegen, dass etwa 20 bis 25 Prozent der stationären Patientinnen und Patienten mangelernährt sind. Besonders tückisch ist die landläufige optische Fehleinschätzung. Eine Mangelernährung bedeutet nicht zwingend Untergewicht. Auch massiv übergewichtige Menschen können einen gefährlichen Mangel an essenziellen Eiweißen, Vitaminen und Mineralstoffen aufweisen. Wird dieser Zustand vor oder während eines Klinikaufenthalts nicht erkannt, steigen die Risiken für postoperative Komplikationen, Wundheilungsstörungen und eine allgemeine Verschlechterung des Allgemeinzustandes dramatisch an. Ernährungsmedizin ist mehr als Diätberatung Trotz ihrer Bedeutung wird die Ernährungsmedizin im klinischen Umfeld oft noch auf die klassische Diätberatung oder das reine Begleiten von Magenoperationen reduziert. Dass die moderne Ernährungsmedizin nahezu alle Disziplinen eines Maximalversorgers berührt, verdeutlicht die Struktur am Universitätsklinikum Leipzig. Das Spektrum reicht von der Betreuung intensivpflichtiger und künstlich ernährter Menschen über seltene angeborene Stoffwechselerkrankungen bis hin zu hochkomplexen onkologischen Fällen. Gerade in der Krebsmedizin ist die interdisziplinäre Einbindung essenziell. Die Ernährung muss hier als gleichberechtigter Teil der Gesamttherapie verstanden werden, da der Ernährungszustand die Verträglichkeit und Wirksamkeit von Chemo- oder Strahlentherapien maßgeblich beeinflusst. „Ein Teil der Krebspatienten stirbt nicht an der Erkrankung selbst, sondern an den Folgen einer ausgeprägten Mangelernährung.“ Prof. Lars Selig, Leiter des Leipziger Ernährungsteams Vorbereitung auf die Screening-Pflicht 2028 Bald gewinnt das Thema auch regulatorisch an Brisanz. Ab dem Jahr 2028 wird ein standardisiertes Screening auf Mangelernährung in deutschen Krankenhäusern bundesweit verpflichtend. Wer diese Strukturen nicht rechtzeitig aufbaut, riskiert nicht nur Qualitätsmängel in der Versorgung, sondern auch organisatorische Engpässe. Das UKL gehört hier zu den Vorreitern, da das systematische Screening aller stationär aufgenommenen Fälle bereits heute fester Bestandteil der Abläufe ist. Der Aufwand dafür ist im Grunde minimal, wie die Leipziger Experten betonen: Die simple, aber konsequente Erfassung von Größe, Gewicht und Gewichtsverlauf erfordert kaum Ressourcen, liefert aber entscheidende Parameter für den weiteren Behandlungserfolg. Ein Siegel für etablierte Strukturen Die offizielle Zertifizierung durch die nutriZert GmbH als „Ernährungsmedizinische Schwerpunktabteilung“ ist für das Leipziger Universitätsklinikum die Bestätigung dieser langjährigen Aufbauarbeit. Um das Siegel zu erhalten, müssen Kliniken strenge Vorgaben erfüllen. Dazu gehören der Einsatz qualifizierter Fachkräfte und Ärzte, verbindlich umgesetzte Behandlungspfade sowie die Gewährleistung, dass das Ernährungsteam an Werktagen für mindestens sieben Stunden verfügbar ist.