Kann Dankbarkeit uns stärken?
Wo sonst ein Kreuz und Kerzen der einzige Schmuck sind, liegen Äpfel, Getreide, Gemüse, Kürbisse und Brot auf dem Altar. Erntedank ist ein Fest mit langer Tradition, um für die Früchte des Feldes zu danken, in der Regel am ersten Sonntag im Oktober. Doch Dankbarkeit ist ein viel weiteres Feld, das nicht nur Gläubige interessiert, sondern auch die Psychologie.
Nicht ausschließlich auf die Probleme blicken
Dankbarkeit, so sagen Fachleute, sei eine Ressource – also eine Kraftquelle. Wer Dankbarkeit übe, könne daraus Energie und Lebensmut schöpfen. Dahinter steckt kein spirituelles Geheimnis, sondern die Erkenntnis, dass es Menschen besser gehen kann, wenn sie stärker auf das Gute und Positive in ihrem Leben schauen als immer nur auf die Nachteile und Probleme. "Dankbarkeit ist der Schlüssel zum Glück", ist die Autorin Sabine Langenbach überzeugt. Sie wirbt dafür als "Dankbarkeitsbotschafterin".
Dankbarkeit als Lebenshaltung
Dankbarkeit könne man trainieren, sagt Sabine Langenbach. Sie spricht vom "Dankbarkeitsmuskel". Und wie gelingt das? In SWR1 Sonntagmorgen empfiehlt sie: "Indem ich mich immer wieder ganz bewusst entscheide. Weil unser Gehirn ist ja so gestrickt, dass wir eher die kritischen Sachen sehen. Wir merken uns auch viel besser die schlechten Sachen als die guten Sachen. Und da ist es wichtig, dass ich bewusst sage: Halt! Stopp! Ich will jetzt nicht weiter in dieser Negativspirale bleiben, ich möchte auf das gucken, wofür ich dankbar bin."
Dankbar für Familie, Freunde, Gesundheit
Das Meinungsforschungsinstitut Forsa befragte 2023 Menschen in Deutschland, wofür sie dankbar seien. Besonders dankbar, so das Ergebnis, waren sie für ihre Familie, ihre eigene Gesundheit und für ihre Freundinnen und Freunde. Auf die Frage, wem sie dankbar sind, nennen Menschen in Stuttgart in einer SWR-Zufallsumfrage die eigenen Eltern, Freundinnen und Freunde oder auch das Team der Kolleginnen und Kollegen.
Trainingstipps für Dankbarkeit
Sabine Langenbachs Trainingstipp Nummer 1: Dankbarkeit in Alltagssituationen üben. "Zum Beispiel, wenn ich morgens vor dem Spiegel stehe und die Zähne putze, da schon überlegen: Hey, wofür kann ich jetzt gerade dankbar sein? Ich habe es warm in meinem Badezimmer. Ich kann gleich einen Kaffee trinken. Solche Dinge. Oder beim Warten an der Kasse oder beim Stau nicht ärgern, sondern sagen: Okay, halt, stopp. Wofür kann ich denn jetzt gerade dankbar sein?"
Nicht die Hände in den Schoß legen
Für Langenbach hat ihre persönliche Dankbarkeit eine religiöse Dimension. "Gott sei Dank" ist für sie ein Satz aus Überzeugung. Zu Ihrer Botschaft von der Dankbarkeit gehört aber auch die Klarstellung, Dankbarkeit bedeute nicht, die Hände in den Schoß zu legen und alles zu akzeptieren: "Dankbarkeit heißt nicht, es ist alles so, wie es ist und ich darf mich nicht vom Fleck bewegen. Nein, wir haben einen Verstand geschenkt bekommen vom Schöpfer der Welt, den dürfen wir einsetzen und wir dürfen dankbar dafür sein. Wir dürfen doch unser Leben nicht nur so dahin plätschern lassen."
Dankbarkeit und Engagement
Aus Dankbarkeit könne vielmehr Engagement entstehen. "Die Dankbarkeit, dass wir zum Beispiel nach wie vor eine Demokratie haben und die auch hoffentlich lange bleibt. Das heißt auch, dass ich mich selber in meinem Umfeld engagiere und den Mund aufmache, wenn etwas dagegengesprochen wird."
Erntedank trotz magerer Bilanz
Dankbarkeit ist aber kein Selbstläufer. Schon das Erntedankfeiern in diesem Jahr ist durch die wochenlange Trockenheit im Sommer getrübt. Die Erntebilanz fiel laut Deutschem Bauernverband mager aus: Neun Prozent weniger Getreide als im letzten Jahr. Ebenso wird bei Kartoffeln und Äpfeln eine unterdurchschnittliche Ernte erwartet.
Auf dem Wochenmarkt
Auf dem Wochenmarkt im Freiburger Stadtteil Wiehre verkauft Magdalene Rueb aus Gundelfingen das Gemüse von ihrem Hof. Sie spricht von Ausfällen und Einbußen. Trotzdem zeigt sie sich dankbar: "Wir können schon dankbar sein für die guten Böden, die wir haben. Und vor allem auch für die Kunden, die die Produkte wertschätzen und auf die Märkte gehen."
Bedeutung des Erntedankfestes im Wandel
Für Sonja Jiménez vom Umweltbüro der Erzdiözese Freiburg hat sich die Bedeutung des Erntedankfestes mittlerweile verändert: "Früher war es vielleicht einfach, dass man auch gedankt hat vor allem für die Gaben von Seiten der Landwirtinnen und Landwirte. Und jetzt ist es auch so, dass wir auch auf die Probleme aufmerksam machen, dass wir eben auch verantwortlich sind für die Erde und die Schöpfung."
Dankbarkeit in Krisenzeiten?
Gerade in Zeiten persönlicher Unsicherheit und Herausforderungen fällt es Menschen schwerer, Dankbarkeit zu empfinden, weiß Sabine Langenbach: "Es ist auch gut und wichtig, mal eine Dankbarkeitsauszeit zu nehmen und zu sagen, nee, jetzt kann ich gerade nicht dankbar sein. Es gibt eben Dinge im Leben, die sind schrecklich und da kann ich nicht sagen, ach, da bin ich jetzt mal dankbar dafür."
Langenbach erzählt von einer Veranstaltung, bei der eine Frau erbost auf sie zugekommen sei. Sie hatte in ihrem Umfeld mehrere Todesfälle durch Krankheiten erlebt, auch den eines Kindes, das sie begleitet habe. Als sie davon erzählte, sei sie auf die tiefe Freundschaft gekommen, die zur Mutter des Kindes entstanden sei. Die Frau, so Langenbach, habe sie in diesem Moment angesehen und gesagt: "Oh, dafür kann ich dankbar sein." Das mitten im Schweren zu erkennen, nennt Sabine Langenbach die "Brille der Dankbarkeit".
Die "Brille der Dankbarkeit" setzt Langenbach ganz bewusst auch für das eigene Leben auf, erzählt sie im SWR1 Sonntagmorgen. "Wir haben eine mehrfach behinderte, blinde Tochter. Sie ist ohne Augen auf die Welt gekommen vor 28 Jahren. Da war mir auch nicht sofort nach Gott sei Dank sagen zumute. Aber gerade durch diese neue, besondere und manchmal auch schwere Lebenssituation habe ich entdeckt, wie wertvoll es ist, dass ich den Fokus auf das lege, was ist und was sich positiv entwickelt hat, das Gute, das ich sehe."
Welche Wirkung haben Dankbarkeitsübungen?
Zur psychologischen Wirkung von Dankbarkeit gibt es unterschiedliche Haltungen. In den Neunziger Jahren hat sich die sogenannte "Positive Psychologie" entwickelt. Einen Schlüssel zu Erfolg sieht sie in einer positiven Grundeinstellung, die sich unter anderem mit Dankbarkeitstagebüchern fördern lasse. Doch daran gibt es auch Kritik. Sie betrifft unter anderem die Messbarkeit und Erfolgsorientierung.
Die Psychologin Hannah Heckendorf hat für ihre Doktorarbeit 260 Versuchspersonen darauf untersucht, wie sich Dankbarkeit auf das Wohlbefinden auswirkt. Ihr Fazit: "Das Ergebnis war, dass die Trainingsgruppe sowohl nach dem Training als auch drei Monate später einen deutlichen Unterschied gezeigt hat im Durchschnitt zur Warte-Kontrollgruppe und die Personen über deutlich weniger Sorgen und Grübel-Gedanken berichtet haben, auch signifikant weniger Angstsymptome, weniger depressive Symptome, weniger Schlafbeschwerden."