„Kann nichts lernen“ - Psychologin kritisiert beliebten Erziehungstrend
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„Kann nichts lernen“ – Psychologin kritisiert beliebten Erziehungstrend
Von: Andreas Apetz
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Bei einem Erziehungstrend geht es darum, wie sich Eltern gegenüber Kindern während eines Wutanfalls verhalten sollen. Eine Expertin sieht die Methode kritisch.
Frankfurt – Das Kind schreit, wirft sich auf den Boden und ist kaum noch ansprechbar. Viele Eltern kennen diese Situation – etwa vor dem Zubettgehen oder wenn das Tablet weggenommen wird. In sozialen Netzwerken kursieren zahlreiche Methoden, mit denen Eltern erklären, wie andere Eltern in solchen Momenten richtig reagieren sollen. Eine der am weitesten verbreiteten ist die sogenannte „Safety-Breakdown-Method“. Sie soll dabei helfen, Wutanfälle von Kindern zu verstehen und angemessen darauf zu reagieren.
Die Methode gliedert sich grob in drei Schritte: Im ersten Schritt sollen Eltern verinnerlichen, dass Kinder sich nicht bewusst dazu entscheiden, wütend zu sein – die Wut sei ein Resultat des Gefühls von Unsicherheit. Im zweiten Schritt gehe es darum, einen ruhigen Rahmen zu schaffen: Kontrolle und Konsequenzen sollen vermieden werden, stattdessen soll Gelassenheit statt Autorität die Situation prägen. Im dritten Schritt stehe das Nervensystem des Kindes im Mittelpunkt – nicht das Verhalten. Das Kind müsse spüren, dass ein ruhiger Erwachsener die Situation im Griff habe, erst dann würde es wieder kooperieren.
Psychologin warnt: „Das Leben ist etwas komplexer“
Über Instagram, TikTok und Co. verbreiten sich Erziehungstrends schnell, ohne dass sie fachlich geprüft oder bestätigt sind. Bei der „Safety-Breakdown-Method“ handelt es sich um keine standardisierte Methode, erklärt Jette Blaschke, neurowissenschaftlich ausgebildete Diplom-Psychologin, der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.
„Jegliche Einordnung in gut beforschte psychologische Modelle fehlt“, sagt Blaschke über die „Safety-Breakdown-Methode“. Es gebe keine belastbaren wissenschaftlichen Publikationen oder Validierungsstudien. Laut der Psychologin handelt es sich um ein heuristisches Modell – nicht um eine Methode im fachlichen Sinn. Sie warnt davor, solche Erziehungsmethoden unhinterfragt zu übernehmen. Häufig würden dort komplexe Situationen stark vereinfacht dargestellt – „das Leben ist etwas komplexer“, betont Blaschke.
Die „Safety-Breakdown-Method“ erklärt Wutanfälle mit einem fehlenden Gefühl von Sicherheit. Inkonsistente Grenzen und fehlende erwachsene Führung seien demnach die Ursache. Blaschke sieht das kritisch: „Es scheint keine Unterscheidung zwischen Stress, Trauma, Konflikt oder auch Erschöpfung zu geben.“ Wer alle Wutausbrüche auf mangelnde Sicherheit reduziere, übersehe andere Auslöser – zum Beispiel den neurologischen Entzugseffekt, wenn Kindern das Handy oder Tablet weggenommen wird: „Bei Unterbrechung fällt die Dopaminaktivität ab, gleichzeitig steigen Cortisol und Noradrenalin. Das signalisiert dem Gehirn: ‚Belohnung ist weg, Zustand instabil‘.“
„Von einem wütenden Erwachsenen kann ein wütendes Kind nichts lernen“
Dennoch erkennt die Psychologin auch positive Aspekte an der Methode. „Jeder Ansatz, der als Reflexionshilfe dient und Eltern eine Hilfestellung bietet, ist natürlich Mehrwert“, sagt Blaschke. Einige Grundprinzipien seien wertvoll: „Kinder kooperieren, wenn sie sich sicher fühlen. Struktur und Zuverlässigkeit geben ihnen ein Gefühl von Sicherheit.“
Entscheidend sei, dass Eltern verstehen, was ihr Kind gerade fühlt oder braucht. „Die Motivation des Kindes ist nie böse sein, provozieren wollen oder Eltern ärgern“, betont Blaschke. Zudem sei es wichtig, dass Eltern ihre eigenen Gefühle regulieren können – denn genau hier liege der häufigste Fehler: Viele Eltern reagieren selbst emotional auf den Wutanfall ihres Kindes. „Von einem wütenden Erwachsenen kann ein wütendes Kind nichts lernen“, erklärt die Psychologin.
Stattdessen empfiehlt Blaschke einen Ansatz, der auf den Arbeiten des Psychiaters Daniel Siegel basiert. Dieser empfiehlt, dem Kind im Wutanfall zu zeigen, dass man die Gefühle versteht, um nicht in den totalen Melt-down zu gelangen. Als Beispiel könnten Eltern Folgendes sagen: „Das macht dich gerade richtig wütend. Du hast kein Eis bekommen, das ist frustrierend.“ Anders als: „Hör auf zu weinen, du hattest gestern schon ein Eis.“ Wer die Gefühle des Kindes benenne, schaffe Verbindung – und damit die Grundlage für Kooperation. (Quelle: eigene Recherche)