Kannibalismus: Forscher enthüllen, warum er eine evolutionäre Falle ist
KI-Stimme. Info Kannibalismus zählt zu den stärksten gesellschaftlichen Tabus und löst bei den meisten Menschen intensive emotionale Reaktionen aus. Dennoch war der Verzehr menschlichen Fleisches in verschiedenen Kulturen und Epochen aus unterschiedlichen Gründen Teil der Geschichte. Wissenschaftler haben dieses Phänomen nun mithilfe mathematischer Modelle untersucht. Warum war Kannibalismus ein Bestandteil der Menschheitsgeschichte? Dieser Frage widmete sich ein Forschungsteam der Universität Breslau in Polen und der Karlsuniversität in Tschechien. Mithilfe einer mathematischen Analyse untersuchten die Wissenschaftler, unter welchen Bedingungen Kannibalismus aus ernährungsphysiologischer Sicht einen Nutzen haben könnte. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie in der Fachzeitschrift „PNAS“, über die auch „Sciencealert“ berichtete. Obwohl Kannibalismus aus heutiger ethischer Sicht einen grundlegenden Tabubruch darstellt, zeichnet die Studie ein differenziertes wissenschaftliches Bild. Auch interessant Den Berechnungen zufolge kann Menschenfleisch den Körper grundsätzlich ebenso wie anderes Fleisch mit Energie und lebenswichtigen Nährstoffen versorgen. Unter extremen Überlebensbedingungen könnte es daher in Ausnahmefällen sogar das Leben retten. Nach Ansicht der Forscher existiert jedoch nur ein eng begrenztes Szenario, in dem Kannibalismus biologisch sinnvoll erscheint. Voraussetzung ist, dass keine anderen Nahrungsquellen verfügbar sind, die betroffenen Personen bereits verstorben sind und das Fleisch zur Verringerung gesundheitlicher Risiken ausreichend erhitzt wird. Archäologische Funde belegen, dass diese Praxis auch in Deutschland vorkam. In der rund 7000 Jahre alten jungsteinzeitlichen Siedlung Herxheim im heutigen Rheinland-Pfalz entdeckten Archäologen an den Überresten von mehr als 500 Menschen systematische Schnitt-, Zerlegungs- und Bissspuren. Nach Einschätzung der Forscher sprechen die Befunde für rituelle Handlungen im Zusammenhang mit einer Krisenphase der ersten mitteleuropäischen Ackerbaugesellschaften, wie das Magazin „Smithsonian“ berichtet. Spannende Achäologie-Artikel – für Sie recherchiert Kannibalismus ist für die menschlichen Populationen nicht tragbar Ein zentrales Ergebnis der Studie lautet, dass regelmäßiger Kannibalismus innerhalb einer menschlichen Gesellschaft langfristig nicht überlebensfähig wäre. Ausschlaggebend ist vor allem das hohe Risiko der Übertragung von Infektionskrankheiten und anderer Krankheitserreger, die innerhalb derselben Art zirkulieren. Besonders kritisch wird die Situation, wenn sogenannte Kannibalenketten entstehen, bei denen Menschen das Fleisch anderer Kannibalen verzehren. Dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass sich Krankheitserreger in der Bevölkerung ausbreiten und dauerhaft etablieren. Nach den Berechnungen der Forscher würde eine Gemeinschaft, die dauerhaft auf Kannibalismus angewiesen ist, deshalb innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit zusammenbrechen. Der theoretische und Evolutionsbiologe Petr Tureček von der Karlsuniversität fasst das Ergebnis zusammen: Das entwickelte Modell zeige eindeutig, dass regelmäßiger Kannibalismus für menschliche Populationen langfristig keine tragfähige Überlebensstrategie darstellt. Die gesundheitlichen Folgen durch die Ausbreitung unheilbarer Krankheiten würden den möglichen ernährungsphysiologischen Nutzen rasch überwiegen. Nach Ansicht der Wissenschaftler könnte das kulturelle Tabu gegen Kannibalismus daher eine wichtige evolutionäre Schutzfunktion erfüllt haben. Auch interessant Ein historisches Beispiel liefert das Volk der Fore in Papua-Neuguinea. Dort führte ritueller Kannibalismus zur Ausbreitung der tödlichen Hirnerkrankung Kuru, auch als Lachkrankheit bekannt. Dabei handelt es sich um eine Prionenerkrankung, die durch fehlgefaltete Proteine verursacht wird. Anders als Bakterien oder Viren lassen sich Prionen durch Erhitzen nicht unschädlich machen. Nachdem die medizinische Ursache der Erkrankung erkannt worden war, wurde der rituelle Kannibalismus eingestellt und die Zahl der Neuerkrankungen ging in den folgenden Jahren deutlich zurück. Letztlich kommen die Forscher ihren Berechnungen folgend zu dem Schluss, dass Kannibalen sich durch ihr Handeln möglicherweise tatsächlich selbst ausgelöscht haben.