Kartellamt-Bedenken: Zukunft der meisten Tegut-Märkte in Hessen ist unklar
160 Standorte hat die Supermarktkette Tegut in Hessen, mehr als im ganzen restlichen Deutschland. Rund 40 davon liegen laut dem Konzern im ländlichen Raum, in Ortschaften also mit weniger als 5.000 Einwohnern. Für die Menschen dort ist es wichtig zu wissen, ob sie auch zukünftig weiter an ihrem Wohnort einkaufen können. Denn Tegut soll in diesem Jahr noch aus Hessen und anderen Bundesländern verschwinden. Der Mutterkonzern Migros hat angekündigt, sich aus dem deutschen Markt zurückzuziehen. Ob Konkurrenten alle Standorte übernehmen und wer das im Einzelfall sein könnte, ist ungewiss. Bislang scheint nur festzustehen: Die Supermarktkette Tante Enso übernimmt 16 Tegut-Filialen in Hessen. Von den etwa 300 Tegut-Märkten im ganzen Bundesgebiet möchte der Edeka-Konzern rund 200 übernehmen. Doch darum steht es schlecht: Das Bundeskartellamt hat Bedenken. In Poppenhausen erreichte die Genossenschaft ihr Ziel In Poppenhausen (Fulda) war die Sorge groß, dass mit dem Tegut auch der Supermarkt an sich verschwinden könnte. 2.750 Einwohnern leben in dem Ort in der Rhön. Für die parteilose Bürgermeisterin Alexandra Ballweg gehört es zur kritischen Infrastruktur, fußläufig einkaufen gehen zu können. "Wenn wir überhaupt keine Einkaufsmöglichkeiten mehr hätten, wäre das natürlich wirklich fatal für einige Bürgerinnen und Bürger, die kein Auto haben und auch einen Treffpunkt vermissen würden", sagt Ballweg. Doch jetzt steht fest: Der Markt wird übernommen, und zwar von der genossenschaftlich organisierten Supermarktkette Tante Enso. Voraussetzung war, dass mindestens 600 Menschen in Poppenhausen sich mit einem Genossenschaftsanteil zu 100 Euro beteiligen. Diese Marke wurde nun überschritten. Ab September ändern sich der Name und das Konzept des Supermarkts, aber die Einkaufsmöglichkeit bleibt. Tante Enso will Versorgung auf dem Land anbieten Es sei seinem Unternehmen ein Anliegen, im ländlichen Raum die Versorgung zu sichern, sagt der Co-Geschäftsführer von Tante Enso, Thomas Gutberlet: "Poppenhausen ist ein wunderbarer Ort. In dem Fall kenne ich ihn auch sehr gut, weil ich hier mal in den Kindergarten gegangen bin." Auch Tegut kennt Gutberlet gut. Bis 2024 war er der Geschäftsführer der Supermarktkette. Er gehört sogar zu der Gründerfamilie von Tegut, von deren Namen sich der Name der Supermarktkette ableitet. Zwei Drittel der Landbevölkerung könnten nicht mehr fußläufig einkaufen, sagt der Tante-Enso-Geschäftsführer. Gutberlet bedauert das und will mit seinen kleineren Läden, in denen nur zeitweise Personal arbeitet, gegen den Trend hin zu immer größeren Lebensmittelmärkten gegensteuern. Bundeskartellamt bemängelt hohe Marktkonzentration Die zunehmende Konzentration unter deutschen Lebensmittelhändlern lässt das Bundeskartellamt vor einem Ja zur Edeka-Übernahme von 200 Tegut-Märkten zögern. "Nach der vorläufigen Bewertung bestehen gegen den angemeldeten Zusammenschluss in seiner derzeitigen Ausgestaltung erhebliche wettbewerbliche Bedenken", schreibt die Behörde auf ihrer Webseite: "Die bislang von Edeka angebotenen Zusagen reichen nach vorläufiger Einschätzung nicht aus, um diese vollständig auszuräumen." Mehr als 90 Prozent der Umsätze im Lebensmitteleinzelhandel entfallen auf vier Großkonzerne, wie das Bundeskartellamt darlegt. Laut dem Fachmagazin Lebensmittel Praxis hatte der Edeka-Konzern im vergangenen Jahr einen Marktanteil von mehr als einem Viertel und war damit Branchenprimus. "Angesichts der hohen Marktkonzentration untersuchen wir die Branche besonders intensiv", versichert Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamts. Mansoori: "Dann verkommt Kartellrecht zu lebensfremder Theorie" Der hessische Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori sieht die Einschätzung des Bundeskartellamts zur Edeka-Übernahme von Tegut-Filialen kritisch. Das Bundeskartellamt entscheide unabhängig, räumt der SPD-Politiker ein. Aber gleichzeitig müsse der Umgang mit Nahversorgern lebensnah sein, findet Mansoori: "Wenn Filialen im ländlichen Raum schließen, verlieren viele Menschen ihren Arbeitsplatz und die Bevölkerung teils ihren einzigen Nahversorger. Dann verkommt das Kartellrecht zu lebensfremder Theorie." Mansoori fordert die Bundesregierung dazu auf, sich in der Tegut-Frage zu positionieren: "Die Arbeitsplätze und die Bedeutung der Filialen für die Nahversorgung der Menschen müssen berücksichtigt werden." Übernahme durch Tante Enso genehmigt Immerhin: Die Übernahme der 16 Tegut-Märkte durch Tante Enso hat das Kartellamt bereits als unbedenklich eingestuft. Das neue Unternehmen von Thomas Gutberlet verfüge bislang über eine vergleichsweise geringe Marktstellung im Lebensmitteleinzelhandel, so die Wettbewerbshüter. Auch für zwei weitere Supermärkte in Nordhessen scheint eine Lösung gefunden. So werden die inhabergeführten Geschäfte in Lichtenfels-Sachsenberg und Haina-Löhlbach (beide Waldeck-Frankenberg) ab September von der Lüning-Gruppe übernommen, wie das Unternehmen am Donnerstag mitteilte.