Käufe von Staatsanleihen: Experte sieht „beispiellose Zins-Manipulation in den USA”
Gold über 4500 Dollar, Bitcoin wieder nahe 70.000 Dollar und ein schwächerer US-Dollar: Auslöser der jüngsten Marktbewegung ist eine überraschende Entscheidung der Trump-Regierung. Laut US-Finanzminister Scott Bessent will sein Ministerium ab 9. September das bisher geplante Volumen für Rückkäufe langlaufender Staatsanleihen mindestens verdoppeln. Bisher plant das Finanzministerium ja Operation zwei Milliarden Dollar ein, für den Zeitraum von September bis November sind insgesamt 14 Milliarden Dollar vorgesehen. Die Ankündigung ließ die Renditen langlaufender US-Anleihen leicht fallen – zugleich sorgte sie aber auch für starke Kursveränderungen bei anderen Anlageklassen. Die Wichtigsten Entwicklungen für Anleger im Überblick: Gold profitiert doppelt: fallende Anleiherenditen senken die Opportunitätskosten des zinslosen Edelmetalls, ein schwächerer Dollar macht es für internationale Käufer günstiger. Bitcoin reagiert wie ein Risiko-Asset und zugleich auf Dollar-Sorgen: Am Mittwoch legte die Kryptowährung rund sechs Prozent zu. Die Rückkäufe sind kein neues Gelddrucken: Anders als bei Anleihekäufen der US-Notenbank entsteht dabei kein zusätzliches Zentralbankgeld. Das Grundproblem bleibt: Die US-Staatsverschuldung hat erstmals 40 Billionen Dollar überschritten. Inflation und hohe Zinskosten setzen dem Anleihemarkt weiter zu. Warum Gold und Bitcoin gleichzeitig steigen Normalerweise werden Gold und Bitcoin unterschiedlich eingeordnet. Gold gilt als defensiver Wertspeicher, Bitcoin bleibt ein hochvolatiles Risiko-Asset. Der gemeinsame Nenner ist derzeit jedoch der Dollar. ANZEIGE ANZEIGE „Bessents Ankündigung schürt bei Anlegern die Angst vor einem schwächeren Dollar und einer dauerhaften und beispiellosen Manipulation der Zinsen“, erklärt FOCUS-online-Börsenexperte Clemens Schömann-Finck. „Der Debasement Trade, also die Flucht in knappe Vermögenswerte aus Sorge vor einer schleichenden Entwertung des Geldes, ist wieder auf der Tagesordnung.“ Der Experte sieht in der Maßnahme zwei Probleme: Erstens: Die USA refinanzieren die Aufkäufe der langlaufenden Staatsanleihen durch die Emission von Staatsanleihen mit kurzer Laufzeit. Damit verschärft sich ein Trend, der schon länger zu beobachten ist. Die USA begeben immer weniger Anleihen, die erst nach zehn Jahren und mehr zurückgezahlt werden müssen, weil bei den kürzeren Laufzeiten die Zinsen niedriger sind. Zinserhöhungen der Fed schlagen allerdings bei kurzulaufenden Anlehen voll durch. Eine glaubwürdige Inflationsbekämpfung wird damit für die Notenbank immer schwieriger. Mit jedem Zinsschritt riskiert sie eine Schuldenkrise. Zweitens: Die Märkte fürchten, dass Bessent einen zu starken Anstieg der Renditen bei Anleihen mit langer Laufzeit begrenzen will. Der Fachbegriff dafür lautet „Yield Curve Control“. Bekannt wurde diese Maßnahmen vor allem durch die japanische Notenbanken. Die Bank of Japan verhinderte über Jahre mit Käufen, dass die Rendite japanischer Staatsanleihen über ein gewünschtes Niveau stieg. Die Folge war eine deutliche Abwertung des Yen. „Bessent signalisiert mit der Ankündigung, dass der Anstieg der langfristigen Renditen unerwünscht, ist, die USA aber sind nicht bereit sind, das zugrundeliegende Problem anzugehen, nämlich die steigende Verschuldung und ein sehr hohes Defizit“, erklärt Schömann-Finck. „Das Opfer wird der Dollar sein.“ Warum die Rally trotzdem fragil bleibt Entscheidend ist: Die Käufe lösen das Schuldenproblem nicht. Reuters zufolge lag die gesamte US-Staatsverschuldung am 18. August bei rund 40 Billionen Dollar. Gleichzeitig hatten 30-jährige US-Anleihen zuvor Renditen von rund 5,34 Prozent erreicht – den höchsten Stand seit 2007. Ryan Swift, US-Anleihestratege bei BCA Research, warnt deshalb gegenüber Reuters, die Möglichkeiten des Finanzministeriums seien begrenzt. Seine Einschätzung: „Diese Maßnahmen bewegen die Anleiherenditen deshalb wohl nur vorübergehend.“ Auch Gold zeigt bereits, wie schnell Gewinnmitnahmen einsetzen können: Am Donnerstag fiel der Spotpreis zeitweise um 0,7 Prozent auf rund 4488 Dollar. ActivTrades-Analyst Ricardo Evangelista wertet dies gegenüber Reuters allerdings eher als kurzfristige Korrektur denn als Beginn eines größeren Abwärtstrends. Argumente für nachhaltigere Goldpreis-Erholung mehren sich Trotz der jüngsten Schwankungen mehren sich zugleich die Argumente für eine nachhaltigere Erholung des Goldpreises. Vor allem Notenbanken in Schwellenländern haben ihre in den vergangenen Jahren aufgebauten Goldbestände weitgehend gehalten. Hinzu kommt eine wachsende Nachfrage institutioneller Investoren, etwa aus Indien und China. Unterstützung könnte zudem von der Geldpolitik kommen: Bleibt der Ölpreis hoch und schwächt sich gleichzeitig die Konjunktur ab, könnten Notenbanken bei weiteren Zinserhöhungen vorsichtiger werden. Für Gold wäre das tendenziell positiv, weil der Nachteil gegenüber verzinsten Anlagen dann weniger stark zunimmt. Von einer gesicherten Trendwende kann allerdings noch keine Rede sein – dafür bleiben Inflation, Zinsen und geopolitische Risiken zu unberechenbar. Für Anleger heißt das: Gold bleibt vor allem eine Absicherung gegen Währungs-, Inflations- und Schuldenrisiken. Bitcoin kann vom gleichen Narrativ profitieren, schwankt aber deutlich stärker. Wer jetzt einsteigt, sollte deshalb weniger auf einzelne Kursmarken schauen als auf drei Signale: US-Anleiherenditen, Dollarentwicklung und den nächsten Kurs der US-Notenbank.