Kernenergie soll wieder auf das AKW-Gelände in Biblis kommen
Startseite Hessen Fusion statt Spaltung: Warum ausgerechnet das alte AKW Biblis zur Energie-Hoffnung Deutschlands wird Von: Annette Schlegl Uns auf Google folgen Auf dem Gelände des ehemaligen Atomkraftwerks in Biblis entsteht ein Zentrum für Laserfusion. Der Bund will das weltweit erste Fusionskraftwerk nach Deutschland holen. Auf dem Gelände des ehemaligen Atomkraftwerks Biblis gibt Kernkraft künftig wieder den Ton an: Dort wird das nationale Zentrum für die Laserfusionsforschung angesiedelt. Das Bundesforschungsministerium gab am Mittwoch bekannt, Biblis zum Schlüsselstandort für die Laserfusion zu machen – und Hessen damit zum „Leitstandort für die Energie der Zukunft“. Erstes kommerzielles Fusionskraftwerk bis Mitte 2030 in Biblis Auf dem Areal in Biblis soll, so heißt es in einer Mitteilung des Entwickler-Unternehmens Focused Energy, bis Mitte der 2030er-Jahre das weltweit erste kommerzielle Laserfusionskraftwerk errichtet werden. Seit Jahren liefern sich Start-ups aus den USA, Kanada, China und Europa einen Wettlauf um eine mögliche Kommerzialisierung der Fusionsenergie. Bei der Laserfusion wird ein winziges Kügelchen mit den Wasserstoffisotopen Deuterium und Tritium – ein sogenanntes Target – mit hochenergetischen Lasern beschossen. Leichte Atomkerne verschmelzen dabei zu schweren, eine große Menge Energie wird frei – ein Prozess, der so auch in der Sonne abläuft. Werden keine Laserstrahlen mehr geschickt, kommt die Kernfusion in Sekundenbruchteilen zum Erliegen – im Gegensatz zur Kernspaltung in Atomkraftwerken. Unternehmen Focused Energy aus Darmstadt ist Vorreiter der Laserfusion Die Bundesregierung will das weltweit erste Fusionskraftwerk nach Deutschland holen und hat deshalb mehr als zwei Milliarden Euro für die Fusionsforschung im Haushalt eingeplant. In Biblis soll nun das erste deutsche Laserfusions-Hub zur Erforschung und Weiterentwicklung der Kernfusion entstehen. Das Bundesforschungsministerium hat einem Konsortium aus der Firma Marvel Fusion aus München und dem Vorreiter-Unternehmen Focused Energy aus Darmstadt, das die TU Darmstadt und die GSI als regionale Partner hat, den Zuschlag erteilt. Das Land Hessen hatte die Bewerbung des Konsortiums mit einem Letter of Intent gegenüber der Bundesregierung unterstützt. Millionen von Euros flossen schon in Entwicklung der Laserfusions-Technologie Neben dem Knotenpunkt in Biblis entstehen bundesweit zwei weitere thematische Hubs – eines für Magnetfusion sowie eines für Brennstoffkreislauf und Materialentwicklung. Die Hubs sind Drehscheiben, um Unternehmen zusammenzubringen, Netzwerke zu bilden und Lieferketten aufzubauen. Der Bund fördert die drei nationalen Hubs nun in einer ersten Tranche mit 125 Millionen Euro. Hessen hat in den vergangenen fünf Jahren knapp 90 Millionen Euro in die Fusionsforschung investiert, Focused Energy plant nach eigenem Bekunden in den kommenden zwei Jahren private Investitionen von 200 Millionen Euro und will bis 2030 rund 500 Millionen Euro investieren. Das aus der TU Darmstadt heraus gegründete Unternehmen hatte erst vor wenigen Wochen 240 Millionen US-Dollar zur Weiterentwicklung seiner Technologie eingeworben. Umweltschutzorganisationen üben Kritik an der Kernfusion Umweltschutzorganisationen sehen die Laserfusion kritisch. Die Milliarden, die in die neue Technologie gesteckt werden, wären beim Ausbau bereits funktionierender erneuerbarer Energien besser investiert. „Wer die Kraft der Sonne für unser Energieproblem nutzen will, der nimmt nicht Kernfusion, sondern macht mit Photovoltaik Strom aus Sonnenlicht“, schreibt etwa Greenpeace. Zudem falle auch bei der Kernfusion strahlender Atommüll an – wenn auch laut Landesregierung „deutlich geringere Mengen langlebiger radioaktiver Abfälle als bei der Kernspaltung“. Der Naturschutzbund (NABU) bewertet die Laserfusion als „eine verfehlte und unnötige Zukunftsinvestition, die zu spät kommt, extrem teuer ist und die aktuellen Klimaziele nicht mehr rechtzeitig unterstützen kann“. Der Bundesverband für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Landesverband Hessen, sieht die Technologie nicht als Lösung für die Stromerzeugung der Zukunft. Kernfusionsanlagen würden fünfmal so viel atomare Abfälle pro Kilowattstunde erzeugen wie Kernspaltungsreaktoren. Außerdem seien für die Verschmelzung der Atomkerne bis zu 100 Millionen Grad im Reaktor nötig. Bisher sei es noch nicht gelungen, aus dem Kernfusionsprozess nutzbare Energie zu gewinnen, da man für die Erhitzung mehr Energie aufwenden musste, als durch die Fusionsreaktion entstanden sei.