DAX +1,18 % 25.478,68 Pkt 14:29:14 MDAX +1,50 % 30.324,30 Pkt 14:29:15 Euro Stoxx 50 +0,35 % 6.137,57 Pkt 14:29:15 Dow Jones +0,28 % 52.359,02 Pkt 14:44:15 S&P 500 +1,03 % 7.701,94 Pkt 14:44:15 Nasdaq +1,46 % 26.334,54 Pkt 14:44:12 Nikkei +1,73 % 63.268,37 Pkt 07:45:03 Gold +0,00 % 4.038,50 USD 14:34:13 Silber -0,31 % 53,94 USD 14:34:07 Brent -5,06 % 109,95 USD 14:34:03 WTI -0,84 % 100,91 USD 14:34:13 Bitcoin +0,13 % 80.111,51 USD 14:44:12 EUR/USD -0,61 % 1,11500 USD 14:43:43 EUR/GBP -0,20 % 0,83680 GBP 14:44:15 EUR/CHF -0,05 % 0,92360 CHF 14:44:16 EUR/JPY +0,01 % 175,926 JPY 14:44:15

KI-Agenten: Die Maschinen sind schon in der Mehrheit

Technologie

Irgendwann im Mai ist es passiert, und kaum jemand hat die Nachricht beachtet, dabei werden ihre Folgen gewaltig sein. Auf den Netzwerkrechnern (Servern) von Cloudflare, einem Unternehmen, über das ein Fünftel des Internetverkehrs abgewickelt wird, haben die Maschinen in Form von KI-Agenten oder Bots die Menschen überholt. Matthew Prince, der Vorstandschef des Unternehmens, machte es Anfang Juni in einem Brief öffentlich: 57 Prozent der Aufrufe von Websites in seinem Netz kamen nicht mehr von Menschen. Das Netz war zwar nie so menschlich, wie man es gedacht hätte. Bots sind schon lange unterwegs, nun aber breiten sich die KI-Agenten in rasender Geschwindigkeit aus.

Was ist konkret neu? Früher kam der Google-Bot vorbei, las eine Seite und schickte über die von ihm erzeugten Suchergebnisse anschließend Menschen dorthin. Das war die Geschäftsgrundlage: Inhalt gegen Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit gegen Werbegeld, so lässt sich die Formel knapp zusammenfassen. Die neuen zusätzlichen Besucher sind nun also Agenten, die von Künstlicher Intelligenz (KI) gestützt arbeiten. Auch sie lesen Tausende Seiten, fassen sie aber zusammen und antworten sich selbst oder menschlichen Nutzern, in der Folge schicken sie kaum noch Menschen an der Originalquelle vorbei. Und sie klicken nicht auf Werbung. Hält dieser Trend an, sind die Menschen in fünf Jahren ein Rundungsfehler im Internet.

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Thema auch auf der Buchmesse

Diese Feststellung passt gut zu einem Buch, über das auf der Frankfurter Buchmesse gesprochen wird: Es trägt den Titel „Die Regierung der Maschinen“. Geschrieben hat es die Harvard-Historikerin Jill Lepore, im englischen Original ist der Titel schärfer und verständlicher „The Rise and Fall of the Artificial State“. Lepore beschreibt darin den „Künstlichen Staat“ als Herrschaft über Menschen durch Maschinen, die Unternehmen gebaut haben. Auf die Monarchie, die sich auf Religion und Geheimnisse stützte, folgte in ihrem Denkmodell die Republik mit Vernunft und Fakten, und nun komme ein Staat, der auf Daten und Vorhersage setze. Warum das ein Problem ist? Auf Plattformen wie X, Facebook und Tiktok gibt es wohl auch mehr Bots als Menschen, Politiker halten diese Nutzer trotzdem für ein Spiegelbild der Wählerschaft.

Lepore betont, dass die bisherige Entwicklung nicht zwangsläufig gewesen sei: Der liberale Staat habe den „Künstlichen Staat“ ermöglicht, nicht erzwungen. Sie fordert nun aber sehr zu Recht, die technische Steuerung der Demokratie durch eine demokratische Steuerung der Technik zu ersetzen.

Bots dominieren soziale Netzwerke

Folgt man ihrem Rat, muss insbesondere Europa schnell aufwachen. Hier kontrollieren amerikanische Internetkonzerne rund 70 Prozent des Cloud-Marktes, europäische Anbieter kommen nur noch auf 15 Prozent. Das ist halb so viel wie vor zehn Jahren. Rechenleistung aber ist zur infrastrukturellen Produktionsgrundlage geworden wie Strom oder Straßen. Und wer unter den Anbietern keine Alternative hat, wie Europa in sehr vielen Fällen, verhandelt nicht, sondern bekommt nur Bedingungen gestellt.

Besonders unangenehm ist die Entwicklung für die Medienbranche, und das hat weitreichende Auswirkungen auf die Möglichkeiten zur Meinungsbildung in freien Gesellschaften. Die von Bots dominierten sozialen Netzwerke sind der häufigste Weg, auf dem Nachrichten zu den Menschen gelangen. Und nun kommen die KI-Agenten hinzu, die Artikel lesen, ohne dass ein Mensch sie je aufruft. Sie können keinen Vorstand konfrontieren und keinem Informanten in die Augen sehen. Versiegen diese Quellen, weil die Branche keine Einnahmen mehr erzielt, um Gehälter von Redakteuren zu finanzieren, bleibt den Agenten nur das Echo ihrer eigenen Texte. Das sollte die Leser stärker interessieren als bisher – und auch die Werbetreibenden, die in diesem Jahr auf dem deutschen Werbemarkt nach aktuellen Hochrechnungen mehr als die Hälfte der Ausgaben an drei Unternehmen überweisen werden: Meta, Google und Amazon.

Wer die Recherche bezahlt, aus der die Maschinen ihre Antworten gewinnen, ist keine Frage nur für die Verlagsbranche. Cloudflare arbeitet an einem System, in dem Agenten für jeden Abruf einen Bruchteil eines Cents zahlen. Ob daraus ein fairer Markt oder eine weitere Mautstelle würde, ist offen. Lepore fordert, den Maschinen niemals das letzte Wort zu überlassen und aktiv für eine von Menschen gestaltete Zukunft zu kämpfen. Anders ausgedrückt: Die Maschinen sind in der Mehrheit. Wer sie regiert, ist noch nicht entschieden. Dafür aber müssen die Menschen erst einmal bewusst die freie Wahl behalten wollen.

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