KI als Gesundheitsbegleiter: Was Ärzte entlastet - und wer entscheidet
Aktuelle Zeit:0:00Gesamtdauer:0:00 Jetzt neu bei t-online: Schriftgröße anpassen! Smartwatch, Glukosesensor, Gendaten: KI verknüpft immer mehr Gesundheitsdaten zu einem biologischen Gesamtbild. Was das für Patienten und Ärzte bedeutet. Der Jogger, der morgens an uns vorbeizieht, das Handy in einer Manschette am Oberarm befestigt, wurde noch vor nicht allzu langer Zeit als besessener Selbstoptimierer belächelt. Ebenso Sportbeflissene, die den Brustgurt anlegten, um Herz- oder Atemfrequenz zu ermitteln. Als übervorsichtig, wenn nicht gar leicht hypochondrisch galten Leute, die regelmäßig ihren Blutdruck kontrollierten, um – nicht selten auf ärztliches Anraten – darüber Buch oder Tabelle zu führen. Zur Person Dr. med. Yael Adler ist Fachärztin für Dermatologie, Venerologie, Phlebologie und Ernährungsmedizin (DGEM). Außerdem ist sie Präsidentin der German Society of Anti-Aging Medicine (GSAAM). Ihre Bücher "Haut nah" und "Darüber spricht man nicht" standen auf Platz 1 der "Spiegel"-Bestsellerliste. Ihr neuestes Buch "Genial ernährt! – Klüger essen, entspannter genießen, besser leben" wurde 2025 veröffentlicht. Mehr zu Yael Adler. Ob Fitnessarmbänder, Smartwatches, Kleidung mit Sensoren, Kopfhörer oder Datenbrillen – mittlerweile darf man das Sammeln persönlicher Gesundheitswerte auch gern als das Bedürfnis einordnen, tiefer in die eigene Biologie einzutauchen, um dort Inventur zu machen und zu wissen, wo man steht. Und dem Hausarzt ist übrigens mit einer über längere Zeit geführten Blutdrucktabelle mehr geholfen als mit der einen punktuellen Messung zum Behandlungstermin in seiner Praxis. Erst richtig interessant wird es, wenn der Mediziner bei der Beurteilung eines einzelnen Patientenfalls ähnlich gelagerte Werte vieler anderer Patienten zum Vergleich heranziehen kann. Früher war er dabei auf die eigene Berufserfahrung angewiesen, oder er musste sich kurz oder länger in die Fachliteratur vertiefen. Inzwischen kann das die Künstliche Intelligenz erledigen. KI wird seit Langem benutzt Die gegenwärtige Haltung zum Phänomen KI, das scheinbar urplötzlich in allen Lebensbereichen aufploppt, und so natürlich auch in der Medizin, reicht von restloser Begeisterung über berechtigten Optimismus bis hin zu Skepsis oder gar Angst. Dabei wird Künstliche Intelligenz bereits seit den 1990er- und 2000er-Jahren zunehmend für die Analyse von Patientendaten genutzt, etwa bei bildgebenden Verfahren, aber auch bei genetischen Informationen. Damals wurden die Rechner zunehmend leistungsstark. Seit rund fünfzehn Jahren beobachten wir eine rasante Entwicklung in der automatischen Mustererkennung aus riesigen Datenmengen durch sogenannte Deep-Learning-Technologien. Verborgene Risiken werden sichtbar Ein Beispiel macht es vielleicht deutlich: Im Jahr 2016 glichen Ärzte in Japan die DNA einer Patientin mit etwa 20 Millionen anderen Krebsfällen ab. Die KI brauchte dafür ganze zehn Minuten, dann erkannten die Ärzte, dass die Frau an einer seltenen, aber heilbaren Form der Leukämie litt, die sie bisher nicht auf dem Schirm hatten. Der Patientin konnte geholfen werden. Ein weiteres Beispiel kommt aus der Herzmedizin: In der ORFAN-Studie aus Oxford wurden die CT-Angiografien (detaillierte Darstellungen von Blutgefäßen) von rund 40.000 Patientinnen und Patienten ausgewertet. Die KI schaute dabei nicht nur auf sichtbare Engstellen der Herzkranzgefäße, sondern auch auf Entzündungszeichen im Fettgewebe rund um die Gefäße. Das ist deshalb so spannend, weil manche Menschen in der Routinebeurteilung zunächst gar nicht dramatisch krank wirken, aber dennoch ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt oder andere das Herz und seine Gefäße betreffende Ereignisse tragen. Die KI kann also helfen, verborgene Risiken sichtbar zu machen – nicht als Ersatz für die ärztliche Diagnose, sondern als zusätzlicher, sehr wachsamer Blick. Hinter jeder Diagnose steht ein Schicksal Auch bei seltenen Erkrankungen kann KI Türen öffnen. Forschende des Boston Children’s Hospital, der Harvard Medical School und von OpenAI analysierten 376 zuvor ungelöste pädiatrische Fälle erneut. Bei 18 Kindern konnten dadurch neue Diagnosen bestätigt werden. Das klingt zunächst nach einer kleinen Zahl, ist medizinisch aber enorm: Hinter jeder dieser Diagnosen steht eine Familie, die oft jahrelang nach einer Erklärung gesucht hat – und bei manchen Erkrankungen eröffnet erst die richtige Diagnose den Weg zu gezielter Therapie, Beratung oder Überwachung. Als Dermatologin arbeite ich in einem medizinischen Fach, das eines der ersten mit KI-Begleitung war. Wir diagnostizieren ja meistens bildbasiert – ideal für die KI, die so Hauttumoren, Pigmentstörungen oder Hautveränderungen erkennt, und das mittlerweile auch schon auf Facharztniveau. Sie hilft bei der Verlaufskontrolle und kann die Teledermatologie unterstützen, bei der der Patient sich nicht einmal mehr in die Praxis bemühen muss, sondern nur noch vor dem Bildschirm sitzt. Am Ende steht immer ein Arzt Jeder neue Patientenfall stellt eine weitere Vergrößerung des Datenvolumens dar, das für die Diagnose- oder Therapieentscheidung künftiger Patienten herangezogen wird. Diese Entscheidung trifft allerdings am Ende immer noch der Arzt. Das ist wichtig hervorzuheben, denn den Patienten darf nicht das Gefühl beschleichen, dass künftig irgendeine Software über sein Schicksal gebietet. Unter dieser Voraussetzung ist der wahre Umfang der Einsatzmöglichkeiten von KI vielleicht noch gar nicht vollständig zu ermessen. Bislang kann sie helfen, Röntgenbilder, CT- oder MRT-Aufnahmen zu analysieren und etwa Tumore oder Knochenbrüche schneller festzustellen. Dem Arzt stehen große Datenmengen zur Verfügung, um durch Vergleiche einen konkreten Patientenfall besser einschätzen zu können. Revolutioniert wird dadurch auch die Präventionsmedizin, weil sich Muster in Krankendaten finden lassen, die zur frühzeitigen Risikoerkennung beitragen – mitunter noch bevor sich die Symptome melden, Tumore entstehen oder Komplikationen eintreten. Aus vielen Puzzleteilen entsteht ein Bild Die Vision geht aber noch viel weiter: Künftig werden nicht mehr nur einzelne Messwerte nebeneinandergelegt, sondern miteinander vernetzt. Die Smartwatch misst Puls, Herzfrequenzvariabilität, Schlaf, Atemfrequenz, Bewegung und Sitzzeiten. Der Glukosesensor zeigt, wie der Körper auf Frühstück, Stress, Sport oder eine schlaflose Nacht reagiert. Dazu kommen Laborwerte aus der Praxis, die Dokumentation der Nachtschlafqualität, Blutdruckverläufe, Medikationspläne, Ernährungstagebuch, Hautbilder, Zyklusdaten, Urin-Tönung, Stuhlgang in Frequenz, Form und Farbe, Trainingsbelastung, Körperzusammensetzung und Vorsorgebefunde. Aus vielen kleinen Puzzleteilen entsteht dann ein biologisches Gesamtbild. Einspeisbar werden immer mehr Daten über Gene, Veränderungen der Genaktivität, Botenstoffe und den individuellen Stoffwechsel. Loading... Loading... Loading... Die KI wird zum Gesundheitsbegleiter Damit könnte die KI zu einer Art persönlichem Gesundheits-Cockpit und Personaltrainer/Koch/Begleiter werden: Sie erinnert an Vorsorgeuntersuchungen, erkennt ungünstige Muster, schlägt Trainingsanpassungen vor, warnt vor zu langen Sitzphasen, hilft beim Einkauf, prüft Eiweiß-, Ballaststoff- und Mikronährstoffzufuhr, sortiert Kalorien nicht nur nach Menge, sondern auch nach Qualität, und fragt vielleicht irgendwann freundlich, aber bestimmt: "Sie sitzen seit 90 Minuten. Jetzt bitte zehn Kniebeugen" und dann: "Bitte Achtung, noch ein Stück weiter runtergehen, Rücken gerade, Ausatmen!" Was heute noch wie Spielerei wirkt, kann morgen Teil einer individualisierten Präventionsmedizin sein – vorausgesetzt, die Daten sind sicher, die Algorithmen geprüft und der Mensch bleibt Herr über die Entscheidung. Auch das medizinische Personal wird entlastet: Im Praxisalltag helfen spezielle Programme bei der Dokumentation von Gesprächen, der Zusammenfassung langer Befunde oder der Erstellung von Arztbriefen. Weniger Bürokratie – mehr Zeit und persönliche Zuwendung für den Patienten, das ist auch hier das hauptsächliche Ziel. Und bei fortschreitendem Personalmangel auch die einzige Überlebensmöglichkeit für Arztpraxen. Das Wort Patient passt eigentlich nicht mehr In der medizinischen und pharmakologischen Forschung beschleunigt die KI die Suche nach neuen und effizienteren Wirkstoffen, weil sie sie schneller identifizieren und analysieren kann. Mittlerweile hat sie auch Einzug in die Operationssäle gehalten, wo sie, etwa in Kombination mit OP-Robotern, die chirurgischen Teams bei der Planung und im Ablauf bestimmter Eingriffe unterstützt. Natürlich verändert ein solches Instrumentarium auch die Lebens- und Arbeitswirklichkeit der Ärzte. Damit einhergehend ist aber auch eine Wandlung unter den Patienten zu beobachten. Der Begriff Patient kommt ja ursprünglich vom lateinischen patiens, was so viel wie "leidend" oder "erduldend" bedeutet – eigentlich nicht mehr ganz zeitgemäß, wenn man bedenkt, was Patienten heute mitunter leisten. Sie können uns Ärzte heute viel besser mit Informationen versorgen. Und die KI hilft ihnen, den eigenen Alltag genauer zu beobachten und eigene Schlüsse daraus zu ziehen. Wir stehen erst am Anfang Es versteht sich von selbst, dass wir – ob Arzt oder Patient – nie unsere kritische Distanz zur Künstlichen Intelligenz verlieren sollten. Das große Abenteuer für alle Beteiligten steht auf einigen Gebieten noch ziemlich am Anfang. Außerdem lässt sich medizinische Verantwortung nicht an die Technik auslagern, sie ist und bleibt in ärztlichen Händen. Und stressen lassen sollte man sich selbst durch die vielen Daten und Optimierungsmöglichkeiten jetzt auch nicht. Stress ist ja bekanntlich ein Krankmacher und Alterungsbeschleuniger. Erfahren Sie mehr zu unseren Affiliate-Links Wenn Sie über diese Links einkaufen, erhalten wir eine Provision, die unsere redaktionelle Arbeit unterstützt. Der Preis für Sie bleibt unverändert. Diese Affiliate-Links sind durch ein gekennzeichnet.