KI-Blase erst 2033? Tom Lee widerspricht Ray Dalio
Tom Lee verortet KI-Boom im Jahr 1997, verglichen mit der Dotcom-Blase, und erwartet Gipfel erst um 2033
Ray Dalio hält KI dagegen für eine klassische, schuldengetriebene Blase
Bei NVIDIA wuchsen 2026 Umsatz und langfristige Schulden gleichzeitig
Tom Lee, Mitgründer des Analysehauses Fundstrat Global Advisors, erwartet den Höhepunkt der viel beschworenen KI-Blase erst um das Jahr 2033 und verschiebt damit für Anleger in KI-Aktien wie NVIDIA die entscheidende Frage vom Ob zum Wann. In einem Gespräch mit Mark Newton äußerte sich Lee Anfang Oktober auf der Kryptokonferenz TOKEN2049 in Singapur, und zwar mit einer bewusst antizyklischen Pointe: Gerade weil fast alle von einer Blase sprechen, zweifelt er daran. "Ich habe noch nie eine Blase gesehen, wenn alle denken, es ist eine Blase", sagte Lee. Viele heutige Fondsmanager hätten weder die Dotcom-Blase noch die Finanzkrise 2008 als Vermögensverwalter erlebt, argumentiert er.
Warum Lee den KI-Boom im Jahr 1997 verortet
Den Kern seiner These bildet ein Kostenvergleich. Den Ausbau von Internet, Mobilfunknetzen und Endgeräten beziffert Lee auf rund 35 Billionen US-Dollar in Preisen von 2026, die Ausgaben für KI-Infrastruktur auf etwa 30 Billionen US-Dollar. Damit läge der KI-Ausbau in derselben Größenordnung wie die Digitalisierung der Neunzigerjahre. Wie hoch er greift, zeigt der Abgleich mit McKinsey: Die Unternehmensberatung bezifferte im April 2025 den Investitionsbedarf für KI-Rechenzentren bis 2030 auf 5,2 Billionen US-Dollar, also auf einen Bruchteil seiner Summe. Finanzierbar hält Lee den Ausbau trotzdem, weil weltweit jedes Jahr rund 7 Billionen US-Dollar an neuen liquiden Vermögenswerten hinzukämen.
Seinen Zeitplan leitet der Stratege aus früheren Technologiezyklen ab. Cisco habe sein Hoch erst im März 2000 erreicht und sei auf dem Weg dorthin zweimal um die Hälfte eingebrochen, gibt Lee zu bedenken. Nach diesem Raster stehe KI im Jahr 1997 und nicht im Jahr 1999. Den Zielpunkt 2033 begründet er mit dem Mobilfunk, der seiner Rechnung nach 25 Jahre lang exponentiell wuchs, während die zugehörigen Aktien schon nach zehn Jahren ihren Gipfel markierten. Wie teuer es werden kann, den Gipfel zu verpassen, zeigt ausgerechnet sein Kronzeuge: Die Cisco-Aktie verlor nach dem Hoch vom März 2000 zeitweise massiv an Wert.
Dalio sieht den Wendepunkt bereits nahen
Genau dieses Risiko sieht Ray Dalio, Gründer des Hedgefonds Bridgewater Associates, heraufziehen. Auf der Forbes Global CEO Conference in Singapur bezeichnete er KI am 7. Oktober als klassische Blase, die sich dem Platzen nähere, wie Bloomberg berichtete. Für den Ausbau werde enorm viel Geld geliehen, und steigende Zinsen seien der Moment, in dem eine Blase zu platzen beginne. "Wir befinden uns in dem Teil des Zyklus, der davor liegt, sich ihm aber nähert. Ich denke, wir sind nah dran", sagte Dalio. Als zweiten Auslöser nannte er den Zwang, Buchgewinne zu Geld zu machen, etwa durch Vermögensteuern. Rückenwind für diese Sicht liefern die Anleiherenditen, die Anfang Oktober weltweit auf den höchsten Stand seit Jahrzehnten gestiegen waren.
Wie nervös der Markt auf solche Warnungen reagiert, zeigte sich in den folgenden Tagen. Am 13. Oktober vernichtete ein Ausverkauf an Asiens Börsen mehr als 800 Milliarden US-Dollar an Börsenwert. Bis zum 15. Oktober griff die Verkaufswelle auf die wertvollsten KI- und Halbleiterwerte weltweit über, getrieben von Zinssorgen und Zweifeln an der Finanzierung des Ausbaus. In dieselbe Kerbe schlug der Chef von Broadcom, Hock Tan, der die Finanzierung als womöglich größeres Hindernis für den KI-Ausbau bezeichnete als knappe Chips oder fehlenden Strom.
Was der Streit für die NVIDIA-Aktie bedeutet
Für NVIDIA als einen der größten Profiteure des Ausbaus liefern die eigenen Zahlen zunächst Argumente im Sinne Lees. Im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2027, das am 26. Juli 2026 endete, steigerte der Chipkonzern den Umsatz auf 96,2 Milliarden US-Dollar und damit auf mehr als das Doppelte der 46,7 Milliarden US-Dollar des Vorjahresquartals. Die Rechenzentrumssparte allein wuchs um 117 Prozent auf 89,0 Milliarden US-Dollar, der Free Cashflow kletterte auf 21,3 Milliarden nach 13,5 Milliarden US-Dollar ein Jahr zuvor. Mit der Vorlage der Zahlen am 26. August stellte NVIDIA für das dritte Quartal einen Umsatz von 108 Milliarden US-Dollar plus/minus zwei Prozent in Aussicht. "Jetzt ist Rechenleistung Umsatz", kommentierte Firmenchef Jensen Huang.
Ein Blick in die Bilanz relativiert die Erfolgsgeschichte allerdings und führt zurück zu Dalios Einwand. Im selben Quartal flossen NVIDIA rund 24,9 Milliarden US-Dollar aus der Ausgabe von Schuldtiteln zu, die langfristigen Finanzschulden stiegen von 7,5 Milliarden US-Dollar Ende Januar 2026 auf 32,4 Milliarden US-Dollar Ende Juli. Zudem kündigte der Konzern Finanzierungsplattformen mit großen Finanzinvestoren an, die vorbehaltlich endgültiger Verträge mehr als 500 Milliarden US-Dollar an Drittkapital für den Bau von KI-Infrastruktur mobilisieren sollen. Der Ausbau, an dem NVIDIA verdient, stützt sich damit zunehmend auch auf geliehenes Geld. An genau dieser Stelle trennen sich die Lesarten: Lee sieht eine Frühphase mit Luft nach oben, Dalio den Hebel, der eine Blase kippen lässt.
Benedict Kurschat, Redaktion finanzen.net