KI-Boom: Konzerne häufen 2,7 Billionen Dollar „Schattenverschuldung“ an
Microsoft, Alphabet und Co. haben ihre finanziellen Verpflichtungen stark ausgeweitet. In den Bilanzen tauchen sie nicht auf. Eine Analyse zeigt, worauf Anleger achten sollten.
KI-Konzerne: Rasant steigende Zinsen machen künftige Finanzierungen teurer. Foto: Getty Images, PR [M]
Die fünf großen US-KI-Konzerne Microsoft, Meta, Alphabet, Amazon und Oracle haben ihre Verpflichtungen für Leasingverträge und weitere Investitionen auf insgesamt 2,7 Billionen Dollar erhöht, die bisher nicht in den Bilanzen erscheinen.
Die Finanzlage hat sich gedreht: Aus 209 Milliarden Dollar Nettoliquidität im Juni 2021 wurden 106 Milliarden Dollar bereinigte Nettoschulden, wobei Oracle mit 88 Milliarden Dollar den größten Anteil trägt.
Die Konzerne finanzieren sich zunehmend über Anleihen und zahlen dafür mit Kupons zwischen 5,25 und 5,7 Prozent deutlich höhere Zinsen als noch 2020, was die Finanzierungskosten erhöht und die Investitionstätigkeit erschweren könnte.
Die Investitionen in KI-Infrastruktur steigen: 2027 dürften sie Analystenschätzungen zufolge auf 1,1 Billionen Dollar ansteigen.
Die Zusammenfassung wurde mithilfe von KI erstellt und redaktionell geprüft.
Düsseldorf. Die fünf großen amerikanischen Unternehmen der Boombranche Künstliche Intelligenz (KI) haben ihre finanziellen Verpflichtungen drastisch ausgeweitet. Die Summe der rechtlich bindenden Leasingverträge stieg bei Microsoft, Meta, Alphabet, Amazon und Oracle binnen fünf Jahren von 68 Milliarden auf 1,1 Billionen Dollar.
Weitere Verpflichtungen, etwa für Software, Infrastruktur und Energie, wuchsen von 129 Milliarden auf 1,6 Billionen Dollar. Insgesamt stehen damit aktuell 2,7 Billionen Dollar an festen Zusagen für KI-Investitionen, die bisher nicht in den Bilanzen auftauchen.
Zugleich kehrte sich die Finanzsituation der Konzerne um: Aus 209 Milliarden Dollar Nettoliquidität per Ende Juni 2021 wurden insgesamt 106 Milliarden Dollar bereinigte Nettoschulden. Oracle trägt davon mit 88 Milliarden Dollar den größten Anteil.
Das zeigt eine Auswertung des Kölner Flossbach von Storch Research Institute. Grundlage sind die Berichte, die die Konzerne bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht haben, sowie Daten des Finanzspezialisten Bloomberg.
Die Bilanzpositionen der Hyperscaler und ihre künftigen finanziellen Verpflichtungen sind vor allem für Anleger relevant. Schon jetzt schrumpfen die Liquiditätsreserven, sodass die Unternehmen ihre Geschäfte nicht mehr aus eigener Kraft finanzieren können.
Leasingverträge tauchen erst spät in der Bilanz auf
Deshalb besorgen sie sich bei Investoren frisches Kapital über Anleihen. Die Folge sind rasant steigende Zinsen, die künftige Finanzierungen teurer machen. Das ist ein wesentlicher Grund dafür, dass die Aktienkurse vor allem mittelgroßer und kleinerer Technologiefirmen in der vergangenen Woche massiv eingebrochen waren.
„Die heutigen Investitionen werden in den kommenden Jahren zu Abschreibungen, Zinskosten und Leasingaufwendungen führen“, warnt Flossbach-Studienautor Christof Schürmann. Anleger müssten deshalb neben den klassischen Bilanzzahlen auch Vertragsverpflichtungen, Nutzungsdauern der Anlagen und komplexe Datencenter-Konstruktionen genauer analysieren. Das sei jedoch schwierig.
Bei den finanziellen Verpflichtungen handelt es sich unter anderem um langfristige, rechtlich bindende Verträge für zukünftige KI-Rechenzentren und Netzinfrastrukturen mit unterschiedlichen Laufzeiten. Üblich sind zehn bis 15 Jahre.
Nach den internationalen Bilanzierungsregeln IFRS und US-GAAP tauchen daraus resultierende Leasingverbindlichkeiten erst in der Bilanz auf, wenn die Gebäude oder Anlagen den Auftraggebern wie Alphabet oder Amazon zur Verfügung stehen. Bis dahin legen die Konzerne sie lediglich im Anhang des Geschäftsberichts als Fußnoten offen.
Zudem können solche Verträge Restwertgarantien enthalten. Dabei verspricht der Mieter dem Vermieter, dass die Anlagen am Ende der Laufzeit noch einen bestimmten Mindestwert haben. Ist das Rechenzentrum dann aber weniger wert, muss der Mieter die Differenz zahlen.
Rechenzentrum: Versteckte Kosten. Foto: REUTERS
Dabei gilt nach den US-GAAP-Regeln: Das Unternehmen muss nicht das maximale Risiko in die Bilanz eintragen, sondern nur den Betrag, den es am Ende wahrscheinlich zahlen muss. So entstehen versteckte finanzielle Verpflichtungen. Das tatsächliche Risiko im schlimmsten Fall ist oft größer als die Zahl in der Bilanz.
Analysten und Ratingagenturen beobachten diesen Trend zunehmend besorgt. So spricht die Ratingagentur Moody’s von einem „reporting deferral“, einer verzögerten Berichterstattung, und behandelt diese Verpflichtungen wirtschaftlich wie Verschuldung. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) warnt vor einer „Schattenverschuldung“.
Laufzeiten von bis zu 30 Jahren
Amazon, Alphabet, Microsoft, Meta und Oracle investieren in Rechenzentren, um ihre KI-Angebote auszubauen und daraus künftig Erlöse zu erzielen. Im Branchenjargon heißen sie „Hyperscaler“, weil sie Rechenzentren in großem Maßstab betreiben und ihre Kapazität rasch erweitern können.
Investoren sorgen sich, dass die Konzerne die jetzt vereinbarten Verträge in den kommenden Jahren erfüllen und zahlen müssen, und das unabhängig davon, ob sich die Rechenzentren später rentieren.
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„Steigende Abschreibungen dürften die Gewinndynamik in den kommenden Jahren dämpfen“, prognostiziert Birgit Henseler von der DZ Bank. Die Hyperscaler gehen damit eine enorme Wette ein. Sollte der weltweite KI-Boom abflachen oder die Nachfrage nach Cloud-Computing langsamer wachsen als gedacht, bleiben die Konzerne und damit ihre Aktionäre auf hohen, langfristigen Fixkosten für leer stehende Infrastruktur sitzen.
Die größte Position an noch nicht begonnenen Leasingverträgen hält Microsoft in Höhe von 329 Milliarden Dollar. Dabei geht es vor allem um Rechenzentren, deren Laufzeit noch nicht begonnen hat. Der Nutzungsbeginn ist für die Geschäftsjahre 2027 bis 2033 vorgesehen, die Vertragslaufzeiten betragen ein bis 20 Jahre.
Microsoft-Store in New York: Größte Position an noch nicht begonnenen Leasingverträgen. Foto: Corbis via Getty Images
Bei Meta sind 279 Milliarden Dollar vorgesehen für Rechenzentren, für das Mieten von Serverstellflächen in fremden Rechenzentren (Colocation) und für Netzwerkinfrastruktur. Der Leasingbeginn liegt zwischen 2026 und 2036, die Laufzeiten betragen bis zu 30 Jahre.
Alphabet hat 811 Milliarden Dollar an Kauf- und Vertragsverpflichtungen. Sie betreffen insbesondere technische Infrastruktur, langfristige Lieferverträge, Hardwarebestellungen, Energieabnahme und Lizenzen.
Amazon hat feste Verträge abgeschlossen, die das Unternehmen dazu verpflichten, künftig Waren und Dienstleistungen im Wert von 130 Milliarden Dollar abzunehmen.
Diese Summen schlagen sich früher oder später in den Bilanzen nieder. „Verpflichtungen, die heute noch nicht in den Bilanzen erscheinen, werden in den kommenden Jahren schrittweise zu tatsächlichen Verbindlichkeiten“, sagt Alexander Hirt, Finanzmarktexperte bei Allianz Research.
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Bestimmte Konstruktionen könnten es den Unternehmen zwar erlauben, zumindest einen Teil der Investments außerbilanziell zu führen, sagt Schürmann. Aber es kommt noch ein weiteres, schwerwiegendes Problem hinzu.
Niemand weiß, ob sich heute geplante Rechenzentren, für die feste Preise und Nutzungsdauern vereinbart werden, über solch lange Laufzeiten rechnen. Technisch ausgereiftere Modelle könnten sie überholen. „Wie schnell Investitionen abgeschrieben werden, kann niemand genau vorhersagen. Laufen die Geschäfte schlechter als erwartet, sind Sonderabschreibungen obligat“, sagt Schürmann.
Investitionen steigen auf eine Billion Dollar
Im Juli hatte die Google-Mutter Alphabet erstmals seit dem Börsengang 2004 einen negativen freien Mittelzufluss (Free Cashflow) ausgewiesen. Bei Analysten gilt der Free Cashflow als wichtigste Kennziffer für die Aktienbewertung, weil er zeigt, wie viel Barmittel ein Unternehmen nach Abzug aller Aufwendungen erwirtschaftet.
Ist der Cashflow negativ, sind die Konzerne gezwungen, Schulden aufzunehmen, zumal die Investitionen weiter rasant steigen. Alphabet-Chef Sundar Pichai will seine Investitionsausgaben im laufenden Jahr auf 180 bis 190 Milliarden Dollar erhöhen und damit gegenüber 2025 verdoppeln.
Amazon-Logo: Geplante Investitionen von rund 200 Milliarden Dollar. Foto: NurPhoto via Getty Images
Amazon plant, rund 200 Milliarden Dollar zu investieren, einen Großteil davon ebenfalls in KI. Der Facebook- und Instagram-Konzern Meta hat bis zu 145 Milliarden Dollar an Investitionen veranschlagt, Microsoft rund 190 Milliarden Dollar.
Insgesamt dürften die fünf Hyperscaler nach einer Analyse von Goldman Sachs im laufenden Jahr rund 800 Milliarden Dollar investieren. Das wäre zehnmal so viel wie im Jahr 2019. 2027 dürften die Investitionen Analystenschätzungen zufolge auf 1,1 Billionen Dollar steigen.
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Weil die Mittelzuflüsse dafür nicht reichen, leihen sich die Konzerne immer mehr Geld. Im ersten Halbjahr haben die fünf Hyperscaler Anleihen im Volumen von rund 200 Milliarden Dollar emittiert. Im Gesamtjahr wird die Summe nach Prognosen der US-Investmentbank Goldman Sachs auf fast 500 Milliarden Dollar steigen.
JP Morgan schätzt, dass der Rechenzentrumsausbau bis 2030 rund fünf Billionen Dollar kosten wird. Davon sollen etwa zwei Billionen Dollar über Anleihen und Bankkredite finanziert werden.
Tech-Konzerne zahlen mehr Zinsen als der US-Markt
Die hohe Kapitalnachfrage lässt die Zinsen kräftig steigen, was die finanziellen Belastungen der Schuldner erhöht. Alphabet, Amazon, Meta und Oracle platzieren Anleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren aktuell mit einem Kupon zwischen 5,25 und 5,7 Prozent im Markt. Das ist der Jahreszinssatz, den die Konzerne für neue Schuldscheine bezahlen müssen. Microsoft legt seit sechs Jahren keine Anleihen mit dieser Laufzeit auf.
2020 kamen dieselben Unternehmen noch für gut ein Prozent Jahreszins an frisches Kapital. Meta hat sich damals gar kein Geld geliehen und Alphabet gab in den vier Folgejahren 2021 bis 2024 keine Anleihe aus. Lange Zeit bestand dafür schlicht kein Bedarf.
Wie kritisch Investoren die Entwicklung inzwischen sehen, verdeutlicht die Zinsentwicklung. In den vergangenen zwei Jahrzehnten lagen die Zinsrenditen für Anleihen von Technologiekonzernen stets unter denen für Schuldscheine der gesamten US‑Unternehmenswelt. Grund dafür war der geringe Finanzbedarf der großen Tech-Konzerne. Sie hatten hohe Barreserven angehäuft und brauchten kaum Fremdkapital.
Das hat sich seit Anfang des Jahres umgekehrt. Aktuell notieren die Anleiherenditen der Tech-Konzerne im Schnitt bei 6,13 Prozent, die der US-Konzerne insgesamt bei 6,0 Prozent. Verantwortlich dafür sind die großen KI-Konzerne mit ihrem hohen Finanzierungsbedarf. Zwei Ökonomen der Europäischen Zentralbank (EZB) warnten kürzlich in einem Blogbeitrag, dass der hohe Kapitalbedarf der US-Technologiekonzerne die Finanzierungskosten für alle Sektoren erhöhen könnte.
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Alphabet wagte diesen Schritt trotzdem. Im Juni gab die Google-Mutter neue Aktien im Wert von 85 Milliarden Dollar heraus. Prominentester Investor ist Warren Buffetts Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway mit zehn Milliarden Dollar.
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Erstpublikation: 21.10.2026, 04:56 Uhr.
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