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KI hat „unlösbaren“ deutschen Funkspruch aus dem Ersten Weltkrieg entschlüsselt

Wirtschaft

Ein mehr als ein Jahrhundert alter deutscher Funkspruch aus dem Jahr 1918 ist mit Hilfe eines KI-Modells lesbar geworden. GPT-6 Astra nutzte dafür einen historisch dokumentierten Schlüssel und rekonstruierte eine Meldung über alliierte Schiffsbewegungen bei Sewastopol. Eine unabhängige Nachrechnung des publizierten Materials reproduziert die Entschlüsselung, nicht aber abschließend ihren Neuheitsanspruch.

Berlin (Deutschland). Die verschlüsselte Nachricht stammt vom 27. November 1918 und gehört zu einer Serie deutscher ADFGVX-Funksprüche von der Ostfront. Ein Autor, der unter dem Namen prinz veröffentlicht, berichtet, dass GPT-6 Astra aus den 170 Geheimtextzeichen einen verständlichen deutschen Klartext gewonnen hat. Der Befund ist ungewöhnlich gut überprüfbar, weil die rekonstruierte Meldung konkrete Schiffsbewegungen und Daten nennt.

ADFGVX war eine der anspruchsvollsten Feldchiffren des Ersten Weltkriegs. Das Verfahren ersetzt Buchstaben und Ziffern zunächst durch Paare aus den Zeichen A, D, F, G, V und X und ordnet diese anschließend mit einer Spaltentransposition neu. Dadurch werden die beiden Zeichen eines Paares auseinandergerissen, was einfache Häufigkeitsanalysen deutlich erschwert.

Bekannter Schlüssel öffnet den Geheimtext

Forscher der Universität Kassel um George Lasry haben bereits 2017 große Teile des erhaltenen ADFGVX-Funkverkehrs computergestützt analysiert. Sie entwickelten dafür ein Verfahren, das Spaltenreihenfolgen und Substitution mit statistischer Suche rekonstruiert. Trotz dieser Arbeiten blieben einzelne kurze oder beschädigte Nachrichten unlesbar, darunter auch ein 170 Zeichen langer Funkspruch auf Seite 217 der historischen Sammlung von J. Rives Childs.

Für genau diese Nachricht nutzte GPT-6 Astra das Schlüsselwort „TRUPPENVERSCHIEBUNG“, das in demselben historischen Material dokumentiert ist. Mit 19 Schlüsselbuchstaben lassen sich die 170 Geheimtextzeichen in acht vollständige Reihen mit je 19 Zeichen und eine letzte Reihe mit 18 Zeichen gliedern. Daraus entstehen 18 Spalten mit je neun Symbolen und eine Spalte mit acht Symbolen.

Nach dem Rücksortieren der Spalten lassen sich die ursprünglichen ADFGVX-Zeichenpaare wieder zusammensetzen und über das zugehörige Quadrat in Klartext überführen. Das Ergebnis meldet sinngemäß, dass ein englischer Kreuzer am 24. in Sewastopol eingelaufen sei und ein alliiertes Geschwader am 26. folge. Der ursprüngliche Modellbericht ließ bei der ersten Datumsziffer noch eine Unsicherheit offen.

Schiffslog bestätigt beide Datumsangaben

Gerade diese Datumsangaben liefern eine unabhängige historische Kontrolle. Das erhaltene Logbuch der HMS Canterbury verzeichnet für den 24. November 1918 die Einfahrt des britischen Kreuzers in den Hafen von Sewastopol. Für den 26. November hält dasselbe Logbuch um 11.30 Uhr die Ankunft eines alliierten Geschwaders fest. Die britischen Schiffslogs gehören zur amtlichen Archivserie ADM 53 der National Archives.

Eine inzwischen veröffentlichte unabhängige Nachrechnung hat den angegebenen Schlüssel erneut auf den publizierten Geheimtext angewendet und denselben deutschen Klartext erhalten. Dabei zeigte sich auch, dass eine schwer lesbare Ziffer im historischen Chiffrierquadrat als 4 statt 8 interpretiert werden muss, wenn die Schiffsbewegung vom 24. November korrekt wiedergegeben werden soll. Die Rechenfolge ist damit reproduzierbar, auch wenn die Nachprüfung selbst nicht alle Originalunterlagen im Archiv eingesehen hat.

Neuheitsanspruch bleibt offen

Offen bleibt allerdings, warum der verwendete Schlüssel überhaupt zu dieser Nachricht passt. „TRUPPENVERSCHIEBUNG“ ist in den herangezogenen Unterlagen für einen Zeitraum ab dem 9. Dezember 1918 dokumentiert, während der Funkspruch bereits zwölf Tage früher gesendet wurde. Ob die Datierung des Schlüssels unvollständig ist, der Funkspruch falsch eingeordnet wurde oder eine andere Erklärung vorliegt, ist bisher nicht geklärt.

Auch der Anspruch, dass die Nachricht zuvor noch nie gelesen worden sei, ist noch nicht unabhängig gesichert. Der ursprüngliche Bericht formuliert dies ausdrücklich nur nach Kenntnisstand des Autors. Eine externe Prüfung reproduziert zwar die rechnerische Entschlüsselung, weist aber darauf hin, dass bislang kein zuständiger Archivar oder etablierter Bearbeiter des historischen Chiffrenkorpus den Fund offiziell als neue Lösung bestätigt hat.

Damit liegt der wissenschaftliche Reiz weniger in einer völlig neuen kryptanalytischen Methode als in der Verknüpfung mehrerer Arbeitsschritte. Das KI-System wählte einen passenden historischen Schlüssel aus, wendete das bekannte Entschlüsselungsverfahren an und prüfte den entstandenen Klartext anschließend gegen unabhängige Schiffsaufzeichnungen. Der Fall zeigt damit vor allem, wie KI bei langwieriger Archiv- und Analysearbeit helfen kann, solange die Ergebnisse anschließend extern überprüft werden.

Quellen:

Originalstudie im Fachmagazin Cryptologia, doi: 10.1080/01611194.2016.1169461

Offizielle Hintergrundquelle von The National Archives (TNA)

Offizielle Mitteilung von PRINZ

20. September 2026 - Robert Klatt

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