DAX +0,15 % 25.410,84 Pkt 18:00:00 MDAX +0,67 % 30.287,68 Pkt 18:00:00 Euro Stoxx 50 +0,79 % 6.116,23 Pkt 18:00:00 Dow Jones -0,96 % 52.361,58 Pkt 21:43:41 S&P 500 +0,17 % 7.676,77 Pkt 21:43:43 Nasdaq +0,62 % 26.169,38 Pkt 22:15:59 Nikkei +1,88 % 63.356,83 Pkt 06:04:45 Gold -0,44 % 4.020,70 USD 06:09:45 Silber -1,23 % 53,45 USD 06:09:13 Brent -5,34 % 109,63 USD 06:09:28 WTI -1,09 % 100,65 USD 06:09:32 Bitcoin -0,33 % 79.744,22 USD 06:19:39 EUR/USD -0,44 % 1,11690 USD 06:18:46 EUR/GBP -0,12 % 0,83750 GBP 06:19:42 EUR/CHF +0,04 % 0,92450 CHF 06:19:44 EUR/JPY +0,03 % 175,970 JPY 06:19:46

KI im Studium: Copy, Paste, bestanden?

Technologie

Kay-Uwe Kasch steht vor einer großen dunkelgrünen Tafel, der Professor lächelt immer leicht, wenn er in dem altmodischen Hörsaal das Wort ergreift. "Was wir vereinbaren, ist Transparenz. Sagt mir, was ihr genutzt habt und wie ihr es genutzt habt und gebt die Prompts preis", sagt Kasch zu den etwa zwölf Studierenden in den Sitzreihen vor ihm. An der Decke hängen Leuchtstoffröhren, an der Tafel stehen mit weißer Kreide geschriebene Formeln: Medizinphysik. Im Kurs heute geht es um wissenschaftliches Arbeiten. Früher hieß das: Literaturverzeichnis und Lösungsweg aufzeigen. Heute bringt der Professor seinen Studierenden an der Berliner Hochschule für Technik (BHT) bei, wie sie auch Künstliche Intelligenz im Studium einsetzen können und dürfen.

Johannes Semmler passt mit seinen 1,95 Metern kaum auf einen der schmalen Stühle. Hier und da tauscht Semmler sich mit seiner Sitznachbarin aus und macht sich Notizen. Mit nur 21 Jahren steht er schon kurz vor seinem Bachelorabschluss. Er könne sich später gut vorstellen, in der Entwicklung von Medizintechnik zu arbeiten, zum Beispiel MRT-Geräten. Im Studium arbeitet er bereits viel mit Künstlicher Intelligenz, erzählt er. "Im Bereich der Recherche ist sie sehr stark, weil sie in der Lage ist, hunderte bis tausende Datenbanken in Sekundenschnelle durchzuarbeiten und Quellen zu suchen. Es ist ein sehr effizientes Mittel zum Zweck", sagt Semmler. Er sei froh, dass die Künstliche Intelligenz gerade sehr rudimentäre, einfache und redundante Aufgaben übernimmt und ihm damit viel Zeit erspart.

Damit sie ihm aber nicht hinten raus noch mehr Arbeit macht, darf er der KI keine komplizierteren Aufträge geben – diese Erfahrung hat der Medizinphysik-Student immer wieder gemacht: "Die KI halluziniert alte Links, die nicht mehr funktionieren oder denkt sich Quellen oder Autoren aus, die nie existiert haben", sagt Semmler.

Dass Studierende KI nutzen, ist inzwischen längst Alltag. Im Wintersemester 2025/26 hat das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) gut 28.000 Studierende zum Thema Künstliche Intelligenz im Studium befragt [che.de]. Demnach gaben 81 Prozent der Befragten an, KI wöchentlich oder täglich zu nutzen.

Kay-Uwe Kasch lehrt seit mittlerweile 20 Jahren an der Hochschule für Technik. Er erlaubt seinen Studierenden jede KI zu nutzen, die sie wollen. Er wolle aber von ihnen wissen, welche sie genutzt haben, was sie generiert hat und was sie die Künstliche Intelligenz gefragt haben. Das alles müssen die Studierenden detailliert im Quellenverzeichnis ihrer wissenschaftlichen Arbeit angeben. So gehe es für beide Seiten am fairsten zu, sagt der Professor.

Damit sich aber keiner seiner Studierenden einen unerlaubten Vorteil verschafft, setzt der Professor auf ein altmodisches Mittel. "Da gibt’s eigentlich nur einen validen Weg und das ist die mündliche Kommunikation. Also das stichpunktartige Abfragen der Fakten aus dem eingereichten Text. Heute ist die finale Leistungsüberprüfung eine mündliche Prüfung", sagt Kasch. Anders könne er nicht mehr kontrollieren, ob die Studierenden auch wirklich verstanden haben, worum es geht. Und das wird durch die dramatisch steigenden Möglichkeiten der KI schwieriger.

Barbara Wagner vom Hochschulforum Digitalisierung warnt vor einem zu lockeren Umgang mit der KI. Sie und ihr Team beraten Hochschulen dabei, wie sie die Möglichkeiten der KI in Lehre und Prüfungen berücksichtigen. "Dort, wo inhaltliche oder argumentative Vorschläge der KI, einfach übernimmt und kopiert, kommen wir in den Bereich, wo keine Eigenleistung mehr vorliegt." Da werde der Umgang mit der neuen Technologie dann kritisch, sagt die Expertin.

"Orientierung zu schaffen, ist Aufgabe der Hochschule", sagt Barbara Wagner. Die Regeln müssten Lehrende und Studierende gemeinsam erarbeiten, fordert sie. Und es müsse sich grundlegend etwas ändern. "Studierende müssen vielleicht zwischendrin den Prozess und ihre KI-Nutzung offenlegen. Am Ende gibt es häufig eine Art Präsenzprüfung, eine Präsentation oder eine Verteidigung: Ist bei der schriftlichen Arbeit wirklich Eigenleistung passiert?", sagt Wagner. Bewertet werde nicht allein das Produkt, sondern auch die Tiefe der Auseinandersetzung. Der Mensch rückt also wieder mehr in den Fokus - eigentlich.

Dass das in der Umsetzung aber oft noch nicht funktioniert, sagt die Studentin und Tutorin Sarah Fitterer von der TU Berlin. "Ein Beispiel aus der Informatik: Früher durften die Leute in 'Home Exams' zuhause ihre Prüfungsleistungen machen. Weil das mit KI aber nicht mehr zu kontrollieren ist, wurde auf Präsenzprüfungen umgestellt. Es gab aber überhaupt nicht genug Räume, also musste die Uni extern welche anmieten und die Studierenden mit Laptops ausstatten“, sagt Fitterer.

Sie engagiert sich im "AiAiAi"-Kollektiv, einer Gruppe von Studierenden der TU, die sich kritisch mit KI auseinandersetzt. "Wir haben das Gefühl: Alle reden über die Studierenden. Keiner redet mit Ihnen. Es heißt nur: Ihr betrügt doch sowieso mit KI. Aber niemand fragt uns: Was können andere Formen sein, mit denen Ihr das Gefühl habt, Euer Studium ist sinnvoll und ihr lernt etwas?", sagt Fitterer. Sie erlebe, dass Studierende durch die Abkürzung KI weniger aufeinander zugingen, obwohl gerade dieser Austausch an der Uni so wichtig sei. "Man will nicht dumm dastehen und wenn man dann was nicht verstanden hat, fragt man lieber Chat GPT, als den Kommilitonen neben sich. Das ist sehr problematisch."

Mohammad Fahl studiert Wirtschaftsinformatik an der TH Wildau. Er sitzt in einem etwas heruntergekommenen Gebäude auf dem Campus. Kabel hängen von den Wänden, es ist dunkel und muffig. Hier findet einer der aufregendsten Kurse von Fahls Studium statt: "Standortplanung" bei Ralf Szymanski.

Der Professor ist 64 Jahre alt, wirkt freundlich und aufgeweckt. Sein Herz schlage für exakte mathematische Verfahren, sagt er immer noch mit der Begeisterung eines jungen Forschers. Den Kurs Standortplanung gibt er besonders gerne, sagt er.

In Szymanskis Planspiel steuert der 28-jährige Mohammad Fahl von der Brandenburger Provinz aus ein fiktives internationales Unternehmen. Das Ziel: Auf alle Kontinente der Welt expandieren und nicht insolvent gehen. Dabei konkurriert er gegen die anderen Teilnehmenden seines Kurses. Scheitert Fahls Unternehmen, besteht er den Kurs nicht. Szymanski möchte es so real und hart wie möglich haben. Eine Besonderheit: Der Professor fordert seine Studierenden bewusst auf, die Künstliche Intelligenz einzusetzen. Alles, was legal ist, dürfen sie in seinem Kurs verwenden. "Ich bereite Sie auf den harten Wettbewerb draußen in den Unternehmungen vor. Das bedeutet auch, dass sie mit der KI ausloten, was alles möglich ist", sagt er.

Lange hat er nicht mehr bis zu seiner Pension. Trotzdem zeigt sich Szymanski begeistert von der neuen Technologie, er wolle sie durchdringen. Nicht alle Professoren an der TH Wildau sind da so offen wie er, sagen Studierende. "Es gibt einige Kollegen, die eine Blockadehaltung haben, die es unfair finden. Das ist noch dieses alte Denken. Technischen Fortschritt kann man nicht verbieten", sagt der Professor.

Mit KI kenne er sich selbst nicht so gut aus, wie seine Studierenden, sagt Ralf Szymanski. Damit sie in den Arbeiten aber nicht betrügen können, hat er umgedacht. 150 Seminararbeiten kontrolliert Szymanski nach eigenen Angaben pro Jahr. "Ich sorge für eine gerechte Beurteilungsmöglichkeit, indem ich die Aufgabenstellung so anpasse, dass die KI ins Leere läuft." Das gelingt ihm, indem er Aufgaben stellt, deren Antworten im Internet nicht verfügbar sind. So kann die Künstliche Intelligenz die Denkleistung der Studierenden nicht ersetzen, sondern lediglich in Fleißarbeiten unterstützen.

Dann fängt der Mann mit der weichen Stimme an zu lachen und sagt: "Wenn ich die Seminararbeiten korrigiere, freue ich mich, weil sie sich heutzutage gefälliger lesen lassen als früher." Ihm sei klar, dass Studierende heimlich mit KI nachhelfen. Diesen Etappensieg schenkt er ihnen. Er ist in anderen Disziplinen stärker.

Man könne mit der KI betrügen, das wissen auch Mohammad Fahl und seine Kommilitoninnen und Kommilitonen. Sie tun es aber nicht, sagt er, weil sie Angst haben, dass die technischen Möglichkeiten in Zukunft so gut werden, dass man eines Tages eben doch beweisen kann, dass der Hochschulabschluss oder die Masterarbeit damals nur durch KI-Betrug zustande gekommen ist.

Fahl hat auf seinem Computer verschiedene KI-Modelle miteinander verknüpft. Gibt er etwas ein, spuckt das Programm ellenlange Antworten aus. Fahl lässt sich in den Antworten sogar die Gedankenprozesse der KI anzeigen. So will er möglichst gut verstehen, wie sie zu welchem Ergebnis kommt. Er hat kein bevorzugtes Modell. Die Auswahl sei, so ehrlich ist er, auch eine Frage des Portemonnaies: Je teurer, desto leistungsstärker. Wer sich gar kein KI-Abo leisten kann, hat einen Nachteil – falls die Uni keine kostenlosen Zugänge anbietet.

Fahl schiebt die Ärmel seines schwarzen Rollkragenpullovers hoch und erklärt: "Leicht gesagt übernimmt die KI hier einfach meine Fleißarbeit. Wenn ich hier durch einen großen Haufen Daten gehen muss, um zu erkennen, wie gut sie für mein Unternehmen geeignet sind, lasse ich das die KI machen." Das fiktive Unternehmen, das er führt, läuft aktuell wie geschmiert. Auch dank der Künstlichen Intelligenz.

Durch die KI studiere er produktiver, über den Weg traue er ihr trotzdem nicht, sagt Fahl. "Natürlich muss ich immer als Aufseher da drüber bleiben und schauen, ob wir auf dem richtigen Weg sind", fasst er zusammen. "Man muss mit dem eigenen Fachwissen überprüfen können, ob das, was mir die KI sagt auch wirklich stimmt. Als Techniker muss ich nämlich sagen: Die KI ist noch ziemlich dumm."

Die KI sei wie der Hammer für den Handwerker, sagt Mohammad Fahl. "Nicht der Hammer erledigt die Arbeit, sondern der fähige Handwerker."

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