KI löst "Rätsel des Jahrtausends" - das sagt ein Mathe-Professor dazu
Mathematik
Künstliche Intelligenz löst "Rätsel des Jahrtausends"
Stand: 11.09.2026 21:49 Uhr
In der Welt der Mathematik gab es ein Problem, an dem sich die Experten seit 200 Jahren die Zähne ausgebissen haben – die Navier-Stokes-Gleichungen, benannt nach einem französischen Ingenieur und einem englischen Physiker. Bewegungen der Luft werden damit beschrieben oder wie Gase und Flüssigkeiten sich ausbreiten. Doch die bisher nicht geklärte Frage war: Stimmen die Gleichungen so überhaupt?
von MDR AKTUELL
Bisher wusste das niemand. Darum wurden die Navier-Stokes-Gleichungen auch "Rätsel des Jahrtausends" gennant. Jetzt aber gibt es einen Durchbruch, mit Hilfe von künstlicher Intelligenz. Das Unternehmen OpenAI hat das Problem mit seinen Hochleistungsrechnern wohl geknackt. Wie das zu bewerten ist, hat MDR AKTUELL bei Joachim Escher vom Institut für angewandte Mathematik an der Leibniz-Universität in Hannover nachgefragt.
MDR AKTUELL: Herr Professor Escher sind Sie überrascht, dass KI die Richtigkeit der Gleichungen bestätigt hat?
Escher: Ja, wie gesagt, es geht um die Grundgleichungen der mathematischen Strömungsmechanik, die beschreiben, wie Flüssigkeiten und Gase sich bewegen. Dass das jetzt geklappt hat, war schon ein Paukenschlag, das darf man so sagen. Das hat die Fachcommunity doch ordentlich in Betrieb gesetzt. Ich hatte Mittwochfrüh die ersten E-Mails in meiner Inbox; und dann ging es eigentlich den ganzen Tag, man hat darüber diskutiert, sich ausgetauscht. Und ich hab' auch in die Arbeit reingesehen, die Open AI zur Verfügung stellt. Das sind 160 Seiten einer ziemlich komplizierten Konstruktion. Ich bin da noch weit weg, das vollständig durchgearbeitet zu haben. Aber ich darf sagen, eine erste Einschätzung zeigt schon ein Bild, dass das schon sehr viel Substanz hat.
Ich nehme da so eine gewisse Aufregung bei ihnen wahr. Aber versuchen sie es mal zu übersetzen, was bedeutet dieser Fortschritt, auch mit Hilfe der künstlichen Intelligenz für unseren Alltag?
Escher: Die Bedeutung in der Community ist der eine Aspekt. Wie sich das auswirkt, muss man noch sehen. Der finanzielle Aufwand – ich habe eine Zahl von 80 Millionen US-Dollar gelesen – zeigt natürlich, dass man nicht alle Probleme mit Open AI lösen kann. Was das dann für das tägliche Leben bedeutet, ist nicht so ganz klar. Das ist mathematische Grundlagenforschung, die zunächst einmal frei ist. Die Gleichungen werden verwendet im Ingenieurswesen, in der Strömungsmechanik, im Maschinenbau. Nur die Modelle, die man da verwendet, um Näherungslösungen zu generieren, sind von dieser Millenniumsfrage relativ weit entfernt.
Das heißt also, mit dem, was man da hat, kommt man sehr gut zurecht und jede weitere Kommastelle danach ist jetzt nicht so relevant für den Alltag?
Escher: Die Bedeutung und auch vielleicht eine Erklärung, warum das jetzt auch in den Schlagzeilen ist, ist eher die Tatsache, dass KI hier Möglichkeiten hat, die Menschen nicht haben. Man darf das durchaus vergleichen mit dem Schachspiel. Vor 30 Jahren haben sich die besten Schachspieler noch mit den Maschinen gemessen. Da hat man den besten Schachspieler gegen die beste Maschine angesetzt und lange Zeit war das ein Patt, ein Unentschieden. Heute ist die Messe gelesen, heute hat kein Schachspieler der Welt auch nur einen Hauch einer Chance gegen einen Schach-Computer und in diesem Bereich muss man diese Nachricht einordnen.
Das Gespräch führte Sven Kochale. Es wurde aus Gründen der besseren Verständlichkeit und Lesbarkeit redaktionell bearbeitet.
MDR AKTUELL