KI schreibt Texte unter Namen von Journalisten
Startseite Meinung Kolumnen Tagesspiegel täuscht Leserschaft: KI schreibt Texte unter Namen von Journalist:innen Von: Tanjev Schultz Uns auf Google folgen Die Zeitung veröffentlichte Artikel, die eine Maschine verfasst hatte – mit Autorenzeile eines leibhaftigen Reporters. Experten fordern nun ein Qualitätsversprechen der Redaktionen. Die Kolumne. Möchten Sie, dass dieser Text von einem Menschen oder von einer „Künstlichen Intelligenz“ geschrieben wurde? Welchen Unterschied macht das, und was ist Autorschaft in der Zukunft überhaupt noch wert? Über diese Fragen diskutieren derzeit viele – auch Journalistinnen und Journalisten. Letztlich geht das aber alle an, auch und gerade die Leserinnen und Leser. Sie müssen sich darüber klar sein, was sie wollen. Sie müssen entscheiden, ob es ihnen egal ist, wer etwas sagt und wie viel menschliche Mühe in einem Werk steckt, gedanklich und sprachlich. Anlass dieser Fragen und Debatten sind Vorfälle in den Medien, unter anderem im Tagesspiegel. Wie sich herausstellte, steckte hinter einigen Zeitungstexten nicht ein Mensch, sondern eine Maschine. Ohne Hinweis – und trotz einer Autorenzeile, die den Namen eines leibhaftigen Journalisten auswies. Autorschaft ist gekoppelt an Identität und Verantwortung. Wo sie erodiert, will es am Ende niemand gewesen sein. Die Maschine weiß angeblich alles, kann aber für nichts. Dass Menschen auch in der Zukunft noch immer erfahren möchten, mit wem sie es zu tun haben und ob jemand wirklich weiß und meint, was er oder sie sagt, ist zwar keineswegs sicher – aber doch wahrscheinlich. Zwar gab es schon immer Texte, die keinen benennbaren Autor benötigten, um gut und erfolgreich zu sein. Vor dem Zeitalter der Aufklärung war das sogar gang und gäbe. Viele Sagen und Märchen verbreiteten sich, obwohl oder weil sie weder an einen festen Text noch einen bestimmten Autor gebunden waren. Auch im modernen Journalismus gibt es Beispiele: „Das Streiflicht“, die Glosse, die jeden Tag auf der Titelseite der Süddeutschen Zeitung erscheint, hat keine Namenszeile. Ihr Mythos lebt auch davon, dass sich die Autorinnen und Autoren bedeckt halten. Könnte nicht gleich eine KI ihren Job übernehmen? Das wäre nicht dasselbe. Selbst wenn die KI denselben feinen Sprachwitz hinbekäme, es wäre ein seelenloser und verantwortungsloser Text. Authentizität ist ein Grund, warum von Menschen geschriebene denen der KI überlegen sind Es gibt weitere Gründe, warum das Publikum für journalistische und literarische Beiträge menschliche Autorschaft verlangen wird. Sie hängen weniger mit den Idealen der Aufklärung und mehr mit dem Kult ums Ich und mit einer Sehnsucht nach Authentizität zusammen, die für die Gegenwart so prägend sind. Menschen interessieren sich für andere Menschen. Sie möchten sich darstellen und etwas übereinander erfahren. Sie wollen sich als Personen mit einer bestimmten Erfahrung, Perspektive und Identität ausdrücken. Die KI kann dabei ein hilfreiches Werkzeug sein, aber am Ende zählen die eigene Stimme, die eigene Meinung und die eigene Formulierung. Daher zur Beruhigung: Diesen Text hat der Autor persönlich verfasst (nur die Überschrift lag nicht in seiner Hand). Da dieses Eigene und Authentische wertvoll sind und womöglich noch wertvoller werden, wächst zugleich für viele die Versuchung, etwas vorzutäuschen und sich auf KI zu verlassen, wo der eigene Gedanke und die eigene Textarbeit gefragt gewesen wären. Deshalb könnte und sollte es das Qualitätsversprechen ernst zu nehmender Redaktionen sein, ihren Leserinnen und Lesern zu garantieren: Hier schreiben noch Menschen für Menschen.