KI: So profitieren Anleger von der zweiten Welle
BörsenWoche 575: Analyse: So profitieren Anleger von der zweiten KI-Welle
Sprachmodelle waren nur der Anfang, nun soll physische KI die Weltwirtschaft transformieren. Diese zwei deutschen Unternehmen spielen vorn mit.
Ein KI-gesteuerter Roboterarm auf der Hannover Messe. Foto: picture alliance / Noah Wedel
Wer wissen will, wo die nächsten Anlagechancen im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) warten, der findet bei Nvidia ziemlich deutliche Hinweise. Das Unternehmen gilt als das Epizentrum der KI. Ohne seine Chips hätte der bisherige Boom nicht in diesem Ausmaß stattfinden können. Doch während große Teile der Finanzwelt weiter darüber diskutieren, wie lang all das anhalten kann oder ob Nvidia nicht eher der Auslöser für die nächste Krise ist, konzentriert sich der Konzern längst auf die Zukunft.
In der zurückliegenden ersten KI-Welle ging es schließlich vor allem um Sprachmodelle, mit denen zahlreiche Techunternehmen die Welt geflutet haben. Doch die zweite Welle könnte noch einmal deutlich größer werden – und vor allem einen breiteren Markt erreichen.
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Von Schöpfern und Zerstörten
Die Rede ist von physischer KI. Damit ist die Verbindung mit der realen Welt gemeint, etwa in der Produktion durch Maschinen, die sich mithilfe von neuronalen Netzen flexibel an ihre Umgebung anpassen, darauf reagieren und laufend dazulernen können. Die Anwendungsgebiete sind breit: So lässt sich physische KI etwa in der Medizin einsetzen, genauso wie in der Landwirtschaft, bei Rüstungsunternehmen oder im Straßenverkehr.
Das 50-Billionen-Dollar-Potenzial
Auf schier unglaubliche 50 Billionen Dollar beziffert Nvidia-Chef Jensen Huang das Potenzial physischer KI. Und auch im eigenen Konzern hofft er, in der kommenden Dekade die Umsätze aus dem Segment zu verzehnfachen. Bislang sind es rund zehn Milliarden Dollar jährlich, gerade etwas mehr als drei Prozent der gesamten Umsätze. Und obwohl Anleger diese mehr oder weniger willkürlichen Zahlen mit größter Vorsicht genießen sollten, ist die Richtung trotzdem klar erkennbar.
Immerhin ist der Nvidia-Chef mit dieser Einschätzung nicht allein. Auch KI-Pionier Anthropic hofft, durch physische KI künftig höhere Umsätze zu erzielen. Erst in der vergangenen Woche veröffentlichte das Unternehmen seine neueste Errungenschaft: Mit dem Model Hardware System (MHS) sollen vorerst Wissenschaftler Roboterarme oder Laborinstrumente mit KI-Agenten verbinden können. Für Anthropic ist es vor allem ein Testlauf: Hat MHS in diesem Umfeld Erfolg, dürften sie es schon bald auf die Industrie ausrollen.
Längst stürzen sich aber auch Investoren auf die Branche, wie sich an den Zahlen der privaten Finanzierungen zeigt. Laut der Datenbank Crunchbase haben sich die Investitionen von Risikokapitalgebern in Entwickler von physischer KI allein zwischen 2024 und 2025 auf fast 40 Milliarden Dollar verdoppelt. Im ersten Halbjahr 2026 waren es hingegen schon 47 Milliarden Dollar. Geht der Trend so weiter, könnten sich die Investitionen auf Jahressicht noch einmal mehr als verdoppeln.
Wie heiß auch Privatanleger auf diesen Trend sind, zeigte sich erst kürzlich in China. Das Land gilt als Vorreiter bei humanoiden Robotern. Vor wenigen Wochen ging das Robotikunternehmen Unitree an die Börse in Shanghai. Privatanleger versuchten wie verrückt, die Aktien des Konzerns aus Hangzhou im Vorhinein zu kaufen. Laut Berichten der Nachrichtenagentur Reuters waren die Anteile 8300-fach überzeichnet. Die Chance, ein Stück vom Kuchen abzubekommen: 0,018 Prozent.
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Doch gehypten Unternehmen nachzulaufen, kann schnell nach hinten losgehen. Das zeigt auch der Fall Unitree: Wer Aktien des chinesischen Robotikunternehmens zeichnen konnte, sitzt zwar aktuell auf einem satten Plus von 265 Prozent. Wer die Aktien hingegen erst nach dem Börsengang erwarb, hat bisher rund 35 Prozent verloren.
Siemens als deutscher Gewinner
Wenn Anleger auf den Hype setzen wollen, müssen es jedoch nicht gleich tanzende Roboter sein. Insbesondere vorsichtigere Anleger sind besser damit bedient, indirekt in physische KI zu investieren – etwa über etablierte Unternehmen wie Siemens. Unter Roland Busch, der das Unternehmen seit 2021 leitet, arbeitet der Konzern am Übergang zur „One Tech Company“. Nach Siemens-Angaben läuft jede dritte Maschine der Welt mit der eigenen Software – ein enormer Wettbewerbsvorteil, der nun auch bei der Entwicklung von KI-Systemen helfen soll.
Bereits seit 2022 arbeitet Siemens dafür mit Nvidia zusammen, seit Anfang 2026 aber in einem deutlich größeren Umfang. Gemeinsam wollen die beiden Unternehmen den digitalen Zwilling entwickeln, also virtuelle Versionen etwa von Fabriken oder konkreten Produkten. Dabei helfen soll auch das Metaverse. Einst von der Welt verschmäht, könnte die virtuelle Welt für Unternehmen tatsächlich Vorteile bringen. So lassen sich dort Produktionsabläufe simulieren, bevor die reale Fabrik überhaupt existiert. Und bei vorhandenen Fabriken müssen zumindest keine realen Abläufe unterbrochen werden. Für Unternehmen spart das Zeit und Aufwand, die sich Siemens entsprechend bezahlen lässt.
Die Anleger sehen die Siemens-Ambitionen bislang positiv. Seit Jahresbeginn konnte die Aktie der Münchener um knapp zwölf Prozent zulegen. Damit notiert die Aktie aktuell beim 28-fachen Gewinn je Aktie aus dem laufenden Geschäftsjahr. Das wirkt zwar teuer, doch nur auf den ersten Blick. Für die Aktien des Schweizer Konkurrenten ABB müssen Anleger derzeit das 35-fache des Gewinns auf den Tisch legen. Ähnlich bei der französischen Konkurrenz: Auch das Kurs-Gewinn-Verhältnis von Schneider Electric liegt auf diesem Niveau. Womit die Siemens-Aktie noch Luft nach oben hätte.
Kion als riskantere Wette auf physische KI
Wer doch ein wenig mehr Risiko sucht, kommt womöglich beim Logistiker Kion auf den Geschmack. Vor 20 Jahren durch die Abspaltung der Gabelstapler-Sparte von Linde entstanden, sieht sich das Unternehmen heute viel mehr als digitaler Logistikdienstleister. Auch hier soll es der digitale Zwilling sein, der das Unternehmen fit für die Zukunft macht. Denn was Siemens für Fabriken vorhat, plant Kion im Logistikbereich.
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Helfen soll dabei – mal wieder – der Chipgigant Nvidia. Mit dem arbeitet das Frankfurter Unternehmen seit rund zwei Jahren zusammen. Nvidia liefert die Chips und damit die Rechenleistung, damit das Logistikunternehmen die virtuellen Lager oder auch autonome Gabelstapler entwickeln kann.
Bei Anlegern kam das bislang eigentlich gut an, die Aktie notierte zum Jahresanfang so hoch wie seit fast vier Jahren nicht mehr. Doch mit dem Iran-Krieg und seinen Risiken für den Welthandel rauschte die Kion-Aktie in die Tiefe, wie auch die von zahlreichen Konkurrenten. Für risikoaffine Anleger ist das eine günstige Chance. Das Potenzial ist hoch, noch dazu erholt sich die Kion-Aktie momentan leicht, wenn auch langsam und stark schwankend.
Außerdem spannend für Anleger: 46,5 Prozent der Kion-Anteile liegen bei Weichai Power, zu dessen Eigentümern wiederum der chinesische Staat gehört. Für den aus den USA stammenden Kion-Chef Rob Smith sei das ein Vorteil, da man so einen Zugang zum chinesischen Markt habe. „Wir haben ein Heimspiel in China, ein Heimspiel in Europa, ein Heimspiel in Amerika“, sagte der Geschäftsführer erst vor wenigen Monaten gegenüber der WiWo.
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