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Kieler Forscher zeigen: Meeresboden hält Eisschmelze auf

Wissenschaft

Stand: 08.10.2026 20:11 Uhr

Ein riesiger Hügel unter Wasser könnte helfen zu erklären, warum sich das Eis der Antarktis nicht überall gleich schnell zurückzieht. Forscher aus Kiel zeigen, welche Rolle der Meeresboden dabei spielt.

von Robert Bittig

Ein 65 Kilometer langer Hügel aus Sand, Schlamm und Gestein am Meeresboden vor der Antarktis gibt Forschern neue Einblicke in die Entwicklung des Eisschildes. Wissenschaftler der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) haben die gewaltige Ablagerung untersucht. Ihre Ergebnisse zeigen: Nicht nur das Klima und die Temperatur des Meerwassers beeinflussen, wie schnell sich das Eis zurückzieht. Auch Form und Beschaffenheit des Meeresbodens können entscheidend sein.

Ein Sedimentkeil erzählt die Geschichte des Eises

Der untersuchte Sedimentkörper entstand nach Angaben der Wissenschaftler vermutlich nach dem Höhepunkt der letzten Eiszeit vor ca. 20.000 Jahren und liegt in der Vincennes-Bucht in der Ost-Antarktis. Er ist rund 260 Meter hoch und hat ein Volumen von mehr als 580 Kubikkilometern. Damit ist er der größte bislang bekannte isolierte Sedimentkörper auf einem vergletscherten Kontinentalschelf.

Fest steht: In der Antarktis liegt das Eis zunächst auf dem Meeresboden. Weiter draußen Richtung Meer verliert es den Kontakt zum Boden und schwimmt auf dem Wasser. Dieser Punkt wanderte nach der letzten Eiszeit immer weiter Richtung Festland. An einer Stelle aber wurde dieser Rückzug gebremst: durch Sand, Schlamm und Gestein. In rund 4.000 Jahren entstand dort ein riesiger Hügel auf dem Meeresboden. Der stabilisierte das Eis. Dadurch verlagerte sich der Übergang zwischen aufliegendem und schwimmendem Eis wieder Richtung Meer - 65 Kilometer weiter draußen.

Wir sehen deutlich, dass sich ein Eisschild nicht einfach gleichmäßig über alle Buchten zurückzieht. Je nach Beschaffenheit des Untergrunds kann sich die Aufsetz-Zone über lange Zeit lokal räumlich stabilisieren und durch Sedimentablagerungen sogar wieder seewärts verlagern." Chiara Tobisch, Erstautorin der Studie, Uni Kiel

Wichtige Erkenntnisse für Klimamodelle

2024 konnten die 45 Forscherinnen und Forscher auf dem Expeditionsschiff "Polarstern" mithilfe moderner Messungen die inneren Schichten des Sedimenthügels detailliert sichtbar machen. Die zeigen, wie Material unter dem Eis herantransportiert und abgelagert wurde, etwa durch eine veränderte Neigung und Zusammensetzung des Meeresbodens. Die entstandende Schicht, also der wachsende Sedimenthügel, sorgte dann dafür, dass sich das Eis dort stabilisieren konnte.

Die Auswertung der Messdaten dauerte rund zwei Jahre. Die Erkenntnisse, die die Forscher zuerst in der Fachzeitschrift "Geophysical Research Letters" veröffentlicht haben, sind auch für Vorhersagen wichtig, wie sich die Antarktis künftig entwickelt. Bisher bilden Klima-Modelle solche örtlichen Besonderheiten des Meeresbodens noch nicht ausreichend ab, sagen die Kieler Forscher. Ihre neuen Erkenntnisse sollen dabei helfen, diese Modelle zu verbessern.

Der Beitrag der Antarktis zum Meeresspiegelanstieg ist sehr groß. Wie er genau stattfindet, da gibt es noch sehr viele Unbekannte. (...) Das ist nicht nur die Temperatur, da spielen noch ganz viele anderen Faktoren eine Rolle - und dazu können wir beitragen." Prof. Dr. Sebastian Krastel, Professor für Marine Geophysik und Hydroakustik Uni Kiel

Der Ostantarktische Eisschild ist die größte Eismasse der Erde. Würde er vollständig abschmelzen, stiege der globale Meeresspiegel um rund 52 Meter an. Wie stark und wie schnell es zurückgeht, das können auch die Kieler Forscher mit ihrer Studie nicht voraussagen. Ihre Daten zeigen aber, dass Faktoren wie Bodenbeschaffenheit und -neigung bei der Berechnung künftiger Veränderungen zusätzlich berücksichtigt werden müssen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 08.10.2026 | 17:00 Uhr

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