Kimi K3: Chinas neues KI-Schwergewicht sorgt für Aufsehen - und volle Server
Moonshot AIs Kimi K3 ist das größte offen zugängliche KI-Modell der Welt. Die Nachfrage überrollte die Server binnen 48 Stunden. Was kann das neue Modell? Nut wenige Wochen nach Anthropics Durchbruch mit "Fable" gibt es bereits einen neuen aufsteigenden Stern am KI-Himmel: Mit Mit 2,8 Billionen Parametern ist Kimi K3 nach eigenen Angaben von Moonshot AI das größte KI-Modell, das bislang als Open-Weight (bei dem die Modellparameter frei verfügbar sind) veröffentlicht wurde. Das in Peking ansässige Startup hat damit eine Welle ausgelöst, die an den Finanzmärkten ebenso spürbar ist wie in der KI-Branche selbst. Weiterlesen nach der Anzeige Die Nvidia-Aktie gab am Freitag um 2,2 Prozent nach, die Papiere von Applied Materials verloren sogar mehr als fünf Prozent – ein Echo des sogenannten "DeepSeek-Moments" Anfang 2015, als das chinesische Modell R1 den Marktwert von Nvidia an einem einzigen Tag um fast 600 Milliarden US-Dollar einbrechen ließ. Doch was kann das neue Modell wirklich? Starke Leistung, hohe Nachfrage Moonshot AI gibt in einem Beitrag auf seinem technischen Blog an, dass Kimi K3 alle Konkurrenzmodelle mit Ausnahme von Anthropics "Claude Fable 5" und OpenAIs "GPT-5.6 Sol" übertreffe. In der unabhängigen Entwickler-Plattform Arena, die Modelle in Blindtests bewertet, erreichte K3 mit 1.679 Punkten den ersten Platz in der Kategorie Frontend-Code-Entwicklung – noch vor Claude Fable 5. In der agentischen Disziplin (also beim autonomen Lösen komplexer Aufgaben) belegt K3 den vierten Platz, hinter GPT 5.6 (Sol) und vor Claude Sonnet 5. "Trotz anhaltender Einschränkungen bei der Hardware- und Rechenkapazität in China zeigt K3, dass eine Skalierung des Vortrainings in Verbindung mit architektonischen Innovationen nach wie vor erhebliche Leistungssprünge für chinesische Vorzeigemodelle bewirken kann", kommentierten Analysten der Bank of America in einer von Alex Liu verfassten Analyse. Die Veröffentlichung des Modells hat indes einen kleinen Hype ausgelöst: Die Nachfrage überstieg innerhalb von 48 Stunden nach der Veröffentlichung die verfügbaren GPU-Ressourcen. Auf der Plattform X teilte Moonshot mit, die Kapazitätsgrenzen seien "fast erreicht". Um bestehende Nutzer zu schützen und Qualitätseinbußen zu vermeiden, wurden neue Abonnements vorübergehend gestoppt. Bestehende zahlende Kunden seien nicht betroffen. Weiterlesen nach der Anzeige Einen konkreten Zeitplan für die Wiederaufnahme neuer Abonnements nannte das Unternehmen nicht. Parallel dazu kündigte Moonshot eine Neustrukturierung seiner Tarife an. Kein zweites DeepSeek – aber ähnliche Wirkung Der Vergleich mit DeepSeek, das ebenfalls frei zugänglich ist, liegt nahe, greift aber nur bedingt. DeepSeek R1 hatte Anfang 2025 vor allem deshalb für Aufruhr gesorgt, weil es Training und Betrieb von KI-Modellen deutlich kostengünstiger machte und damit die Annahme erschütterte, dass für leistungsstarke KI zwingend enorme Rechenleistung nötig sei (Telepolis berichtete). Kimi K3 verbessert zwar ebenfalls die Recheneffizienz – die sogenannte Sparsity-Rate, also der Anteil der pro Aufgabe tatsächlich aktivierten Parameter an der Gesamtgröße des Modells, und erreicht laut Bloomberg-Daten einen Rekordwert –, tut dies jedoch auf Basis eines deutlich größeren Modells. Pro Token werden lediglich 16 der insgesamt 896 sogenannten "Experten" aktiviert, was rund 1,8 Prozent entspricht. Dennoch muss jeder der 2,8 Billionen Parameter im Arbeitsspeicher vorgehalten werden. Selbst nach Komprimierung belegt das Modell noch rund 1,4 Terabyte Speicherplatz. Für den produktiven Einsatz empfiehlt Moonshot AI Cluster aus mindestens 64 Hochleistungsbeschleunigern. Das bedeutet: Anders als DeepSeek dürfte Kimi K3 die Nachfrage nach leistungsstarker KI-Hardware nicht dämpfen, sondern eher aufrechterhalten – insbesondere nach Hochbandbreiten-Speicher von SK Hynix, nach Nvidia-KI-Systemen der neuesten Generation sowie nach fortschrittlicher Chipfertigung von TSMC. Technische Besonderheiten und offene Fragen Moonshot AI beschreibt zwei zentrale architektonische Neuerungen: "Kimi Delta Attention", ein hybrides lineares Aufmerksamkeitsverfahren, sowie "Attention Residuals", die verändern, wie Informationen zwischen den Schichten des Modells weitergegeben werden. Das Modell verfügt über ein Kontextfenster von einer Million Token und unterstützt nativ die Verarbeitung von Bildern. Für das Training wurde ein sogenanntes quantisierungsbasiertes Verfahren eingesetzt, das auf MXFP4-Gewichten und MXFP8-Aktivierungen basiert – eine Kombination, die laut Moonshot auf möglichst vielen Hardware-Plattformen lauffähig sein soll. Ein Benchmarking der Kernel-Optimierung führte Moonshot auf Nvidias H200 sowie auf einem nicht namentlich genannten "GPGPU eines alternativen Herstellers" durch. Daneben kommt MiniTriton zum Einsatz, ein von Moonshot selbst entwickelter Compiler, der auf dem quelloffenen Triton-Framework basiert. Bemerkenswert ist, dass Moonshot für Vergleichstests auch die Nvidia L20 nutzt – eine abgespeckte Grafikkarte, die unter den US-amerikanischen Exportbeschränkungen nach China verkauft werden darf. Sämtliche bisher veröffentlichten Leistungswerte stammen von Moonshot selbst oder basieren auf API-Zugängen und lassen sich derzeit nicht unabhängig überprüfen. Die vollständigen Modellgewichte sollen am 27. Juli öffentlich zugänglich gemacht werden. Unternehmen, die das Modell dann selbst lokal betreiben möchten, benötigen weiterhin umfangreiche KI-Hardware. Die API-Preise liegen bei 0,30 US-Dollar pro Million Cache-Treffer-Eingabe-Token, 3 US-Dollar bei Cache-Fehltreffern und 15 US-Dollar pro Million Ausgabe-Token. Anthropic hatte Moonshot im Februar vorgeworfen, 3,4 Millionen Konversationen mit Claude-Modellen genutzt zu haben, um eigene Modelle durch sogenannte Destillation zu trainieren. Kimi K3 erreicht in Benchmarks nun Werte, die nahe an den Modellen liegen, die in diesem Vorwurf genannt wurden. Derartige Vorwürfe sind in der Branche allerdings keine Seltenheit, auch OpenAI-Ingenieure sollen sich bereits bei Anthropic bedient haben. Geplanter Börsengang Moonshot AI nutzt die Aufmerksamkeit rund um Kimi K3, um den eigenen Börsengang voranzutreiben. Das Unternehmen hat den entsprechenden Aktionärsbeschluss an seine Investoren verteilt und bittet um Zustimmung zu einem Börsengang in Hongkong. Laut Bloomberg könnte eine laufende Finanzierungsrunde das erst drei Jahre alte Startup mit mehr als 30 Milliarden US-Dollar bewerten. Als Grundlage dient ein jährlicher wiederkehrender Umsatz, der im Juni 300 Millionen US-Dollar erreicht haben soll. Für US-amerikanische KI-Unternehmen wie OpenAI und Anthropic, die selbst Börsengänge erwägen, ist das eine ungünstige Entwicklung: Sollte Moonshot AI trotz der Größe seines Modells kostengünstigere Dienste anbieten können, dürfte das auf die Bewertungen der amerikanischen Konkurrenz drücken.