Kinderärzte: Neue U-Untersuchung für Neun- bis Zehnjährige kommt
Neun- bis Zehnjährige sollen künftig eine neue Vorsorgeuntersuchung, bekannt als U-Untersuchung, beim Kinderarzt als Kassenleistung bekommen. Das hat der Gemeinsame Bundesausschuss jetzt festgelegt. Bei der sogenannten U10 werden Heranwachsende noch mal durchgecheckt, vor allem mit Blick auf mögliches Übergewicht, die körperliche Aktivität, die Bildschirmzeit und psychische Gesundheit. Lücke im gelben Untersuchungsheft Bisher klaffte zwischen dem Ende des Kita-Alters und dem Pubertätseintritt eine Lücke bei den Untersuchungen, die die gesetzliche Krankenkasse extra für Kinder vorsieht, um das gesunde Aufwachsen zu begleiten. Eltern kennen das gelbe Untersuchungsheft, in dem ab der Geburt bis zum 18. Lebensjahr diverse Untersuchungen und deren Ergebnisse erfasst werden. Die neue Untersuchung - genannt U10 für Neun- und Zehnjährige - soll den großen Leerraum zwischen der Untersuchung im Alter von fünf Jahren und der nächsten mit zwölf Jahren nun schließen. Denn dazwischen liegt ja ein wichtiger Zeitraum für Heranwachsende. Übergang zur weiterführenden Schule In der Regel steht der Wechsel an die weiterführende Schule an, viele Kinder bekommen ihr erstes Smartphone und sind mehr in den Sozialen Medien unterwegs. Das zu thematisieren scheint wichtig: 25 Prozent aller Zehn- bis 17-Jährigen haben laut einer Studie der Krankenkasse DAK und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf einen problematischen Medienkonsum. Kinderpsychotherapeutin Kerstin Paschke forscht am Uniklinikum in Hamburg und sagt: "Wir sehen in aktuellen Studien, dass tatsächlich schon jeder zweite Acht- bis Neunjährige ein eigenes Smartphone hat." Das Thema sei in Grundschulen präsent, "und gleichzeitig wissen wir, dass Kinder gerade in Übergangssituationen, also dann von der Grundschule in die weiterführende Schule, zum Beispiel auch mit besonderen Stressoren konfrontiert sind". Paschke hält es für wichtig, Eltern und ihre Kinder in diesem Alter auf problematische Mediennutzung hinzuweisen. Ganz praktisch setzt das Kinderarzt Martin Schwenger aus Koblenz heute schon um: "Wenn ich weiß, dass die Kinder das Handy in der Tasche haben, frage ich: Komm, lass uns doch mal gucken, wie viel jetzt die Medienzeit in der letzten Woche war. Manchmal ist es realistisch, manchmal gibt es aber auch große Überraschung, weil dann tatsächlich die Medienzeit deutlich unterschätzt wurde." Weniger Bewegung ab dem Grundschulalter Weitere Studien zeigen, dass Kinder sich ab dem Grundschulalter auch in ihrer Freizeit deutlich weniger bewegen. Hier lauert das Risiko für Übergewicht. Auch das soll in der neuen U10 nun frühzeitig erkannt werden. Denn laut dem Robert Koch-Institut (RKI) sind etwa 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen von Übergewicht betroffen, etwa sechs Prozent haben starkes Übergewicht. Bei starkem Übergewicht fehlten jedoch Therapieplätze, sagt Susanna Wiegand von der Adipositasambulanz der Charité Berlin: "Da müssen wir ehrlich sein und sagen, was können wir denen wirklich anbieten, die wir da in der Vorsorgeuntersuchung U10 rausfischen? Wenn wir die nicht mit allgemeiner Lebensstilberatung erreichen, sondern die Kids wirklich eine Behandlung brauchen, dann sieht es nämlich finster aus." Teufelskreis aus Kilos und Medienabhängigkeit Umso wichtiger sei es, möglichst früh die Tendenz zu Übergewicht zu erkennen. Denn zu viele Kilos, eine beginnende Medienabhängigkeit oder Mediensucht und möglicherweise auch psychische Belastungen führen ganz rasch in einen Teufelskreis. Deshalb sei die neue Untersuchung wichtig und biete zumindest eine Möglichkeit, diese Risiken mit den Neun- oder Zehnjährigen und ihren Eltern zu besprechen, findet Andreas Schlaudt vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte: "Wir merken auch in unserem täglichen Alltag, dass auch in dem Alter schon einige seelische Probleme auftauchen oder emotionale Probleme." Da sei es gut, mit Kindern und Eltern nochmal ins Gespräch zu kommen. Einzelne Krankenkassen bieten seit mehreren Jahren freiwillig eine U10 an, sie wird aber deutlich seltener genutzt als die gesetzlich vorgeschriebenen Untersuchungen bis zum fünften Lebensjahr. Immerhin kommen aber 98 Prozent der Kinder laut RKI zu allen bisher vorgeschriebenen Untersuchungen. Sorge um Vergütung in den Praxen Kinderärztinnen und -ärzte halten die neue U10 auf jeden Fall für sinnvoll, auch wenn weitere Vorsorgeuntersuchungen für Kinderarztpraxen aufwändig sind. Ärgerlich sei allerdings, dass sie in Zukunft schlechter vergütet werden sollen, sagt Andreas Schlaudt vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte Koblenz: "Bisher wurden die regulären Vorsorgen nicht in unser Praxisbudget eingerechnet. Aber da gibt es jetzt die Ankündigung der Krankenkassen, dass die zur Senkung der Beiträge nun ins Budget reingerechnet werden." Für die Ärzte werde es so wirtschaftlich schwierig, denn bei gleicher Leistung würde weniger verdient. "Und bei weniger Verdienst haben wir natürlich auch weniger Zeit, Vorsorgen anzubieten. Das sehe ich als großes Fragezeichen für die nächsten Monate und Jahre." Bis die U10 in die Praxis umgesetzt wird und von den Kinderärzten angeboten werden kann, wird es wohl noch ein paar Monate dauern. Vielleicht wird bis dahin auch geregelt, dass die neue Vorsorge für die Praxen nicht zu einem wirtschaftlichen Problem wird. Denn die U10 soll und kann ein gutes Frühwarnsystem sein, um rechtzeitig Übergewicht, Mediensucht und andere psychische Belastungen bei Heranwachsenden zu erkennen und zu behandeln.