Kinofilm "Alte Liebe": Was bleibt nach 40 Jahren Ehe?
Stand: 07.10.2026 11:51 Uhr
Der neue Film vom Meister des realistischen, tragikomischen Kinos handelt von einer Ehe, die nach 40 Jahren ins Wanken gerät. Eine Adaption des gleichnamigen Bestsellers "Alte Liebe" von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder.
von Anna Wollner
Was bleibt von der Liebe, wenn man seit vierzig Jahren verheiratet ist? Wenn man die Sätze des anderen kennt, seine Macken, seine Schwächen - und ziemlich genau weiß, womit man ihn auf die Palme bringen kann?
Andreas Dresen macht daraus in seinem neuen Film "Alte Liebe" kein großes Ehedrama, sondern beobachtet ein Paar über vier Jahreszeiten hinweg. Dagmar Manzel und Joachim Król spielen Lore und Harry, nach dem gleichnamigen Roman von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder.
So klingt 40 Jahre Ehe
Lore: Sie ist unsere Tochter, Harry.
Harry: Warum muss sie eigentlich ständig heiraten? Wie spießig ist das denn?
Lore: Na, wir haben doch auch geheiratet.
Harry: Ja, einmal. Damals. Aus Liebe.
Lore: Liebe?
Harry: Ach, jetzt war es nicht mal mehr Liebe... Lore und Harry
So klingt sie also, die alte Liebe. Lore und Harry sind seit vierzig Jahren verheiratet. Er ist pensioniert, kümmert sich um seinen Garten und hat sich mit dem Leben ziemlich gut arrangiert. Sie arbeitet noch als Bibliothekarin und fragt sich zunehmend, ob das wirklich schon alles gewesen sein soll.
Inneres Kammerspiel eines Paares mit Grundsatzdiskussionen
Andreas Dresen und Laila Stieler erzählen ihre Ehe über vier Jahreszeiten. Große Ereignisse bleiben meistens draußen. Es ist ein inneres Kammerspiel zwischen den beiden, ob in der Küche, im Garten, im Schlafzimmer oder beim Einkaufen. Zwei Menschen, die sich so gut kennen, dass aus einer Bratwurstschnecke problemlos eine Grundsatzdiskussion werden kann.
Lore: Zwei Bratwurstschnecken.
Harry: Wieso denn nicht vier?
Lore: Na, da bleibt die Hälfte übrig. Dann ist wieder ein Schwein umsonst gestorben.
Harry: Deine Bratwurstschnecke war ja auch mal ein Tier.
Lore: Nee, die war immer schon Bratwurstschnecke. Lore und Harry
Das klingt wie ein Sketch von Loriot. Aber die Drehbuchautoren Dresen und Stieler führen die beiden nie vor. Hinter kleinen Reibereien wie diesen liegen vierzig gemeinsame Jahre, unterschiedliche Lebensentwürfe und die Frage, was aus den eigenen Hoffnungen geworden ist.
Romanvorlage von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder
Die Romanvorlage von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder haben sie dafür in den Osten verlegt. Das schwingt mit, ohne dass "Alte Liebe" daraus eine große historische Abrechnung macht.
Harry: Sag mal, wenn du nicht zu Hause bist und ich habe eine Meinung, habe ich dann immer noch Unrecht?
Lore: Es kann spät werden heute.
Harry: Ja, bei mir auch. Lore und Harry
Es sind messerscharfe Dialoge für Schauspielende, die nicht auf die Pointe zielen. Dagmar Manzel und Joachim Król sind großartig in ihren Rollen. In einem Blick können vierzig Jahre Enttäuschung und Verletzung liegen, im nächsten vierzig Jahre stille Liebe.
Lore ist ungerecht und manchmal verbittert
Vor allem Manzels Lore ist keine gemütliche Identifikationsfigur. Sie ist spitz, ungerecht, manchmal verbittert. Aber auch voller Sehnsucht nach einem Leben, von dem sie nicht weiß, ob sie es verpasst hat. Harry wirkt dagegen zufrieden mit dem Erreichten.
"Alte Liebe" zeigt, was Liebe nach vierzig Jahren auch sein kann, nämlich ein gemeinsam entwickeltes System aus Ritualen, Kränkungen, Fürsorge und Sätzen, die man schon hundertmal gesagt hat.
Lore: Früher haben wir oft zusammen gebadet.
Harry: Wann hat das eigentlich aufgehört? Und warum?
Lore: Ja. Man wird alt, müde, langweilig.
Harry: Ich will aber nicht müde, alt und langweilig werden.
Lore: Bist du auch nicht.
Harry: Nee?
Lore: Noch nicht. Lore und Harry
Lore und Harry sind Sprachrohr für ganz normale Menschen
Das ist großes Schauspielerkino, gerade weil es sich klein macht. Laila Stieler und Andreas Dresen sind wieder das Sprachrohr ganz normaler Menschen. "Alte Liebe" ist ein Film, bei dem man sich nach dem Abspann neu verlieben kann, oder sich scheiden lässt. Ein größeres Kompliment kann man einem Film über vierzig Jahre Ehe kaum machen.