DAX -0,12 % 26.169,89 Pkt 09:25:38 MDAX -0,31 % 32.459,11 Pkt 09:25:37 Euro Stoxx 50 +0,49 % 6.508,58 Pkt 09:25:30 Dow Jones +2,20 % 54.349,12 Pkt 23:22:16 S&P 500 +1,62 % 7.723,55 Pkt 22:41:45 Nasdaq +1,73 % 26.363,44 Pkt 23:15:59 Nikkei -0,93 % 65.683,26 Pkt 08:45:03 Gold +1,76 % 4.320,70 USD 09:30:18 Silber +0,00 % 62,10 USD 09:30:34 Brent +0,24 % 79,64 USD 09:30:11 WTI -0,03 % 75,20 USD 09:30:31 Bitcoin +0,29 % 64.786,20 USD 09:40:35 EUR/USD +0,12 % 1,15460 USD 09:39:57 EUR/GBP +0,06 % 0,85780 GBP 09:40:37 EUR/CHF +0,04 % 0,93340 CHF 09:40:40 EUR/JPY +0,19 % 182,206 JPY 09:40:38

Kinostarts der Woche: Was man von einem Huhn über das Leben lernen kann

Unterhaltung

Zugegebenermaßen haben Hühner nicht gerade den Ruf, die intelligentesten Geschöpfe zu sein. Doch manchmal lohnte es sich, genauer hinzusehen (und dabei unsere menschliche Überheblichkeit abzulegen). Genau das macht György Pálfi mit dem Film „Lebensansichten eines Huhns“, der uns Zuschauer:innen tiefere Einsichten über das Leben schenkt. Sandra Wollner’s „Everytime“ und Nicoangelo Gelorminis „La Gioia – Süchtig nach dir“ behandeln jeweils eigene große Themen des Lebens: Trauer und Freude. Was diese Woche außerdem sehenswert ist, lesen Sie hier. 1 Everytime Der Tod kommt so schnell, dass man ihn verpasst. Eben noch hatte Jessie (Carla Hüttermann) mit ihrem Freund Lux (Tristan López) auf dem Hochhausdach den Sonnenaufgang und einen Vogel im Sturzflug bestaunt. Und dann stürzt sie selbst in die Tiefe, bedröhnt von einer durchtanzten Nacht und Substanzen, die sie mit Lux genommen hat. Ein Bild, kurz wie ein Wimpernschlag. Der Freund merkt nichts, der Himmel über Berlin leuchtet. Die Trauer kommt langsam. Ein Jahr ist seit dem Tod der 17-Jährigen vergangen. Die Friedhofsbesuche ihrer Mutter Ella (Birgit Minichmayr) mit Melli, der kleinen Schwester (Lotte Shirin Keiling), sind Routine. Eines Tages kommt Lux mit. Keiner sagt was, aber die anderen geben ihm die Schuld an Jessies Tod. So fing „Everytime“ an, mit banalem Geschwisterstreit, einer genervten Mutter. Eigentlich wollten sie am nächsten Tag auf die Kanaren fliegen. Die Trauer macht Ella, Melli und Lux einsam, aber paradoxerweise verbindet die Einsamkeit sie auch. Mehr und mehr suchen sie die Nähe zueinander. Aus Erinnerungsfragmenten kreieren die drei eine Welt, in der der Tod nichts zu suchen hat. Everytime oder die Gleichzeitigkeit von Diesseits und Jenseits: ein Trip, pure Halluzination? In ihrer dritten Regiearbeit erweist sich die Österreicherin Sandra Wollner („The Trouble with Being Born“) als Meisterin der Zeitschleifen und Parallelwelten. Sie nimmt sich nicht nur die Freiheit, elliptisch zu erzählen, sie lässt auch den Schmerz Regie führen. Wirkliche und virtuelle Welt, Gegenwart, Vergangenheit, die verwehrte gemeinsame Zukunft beginnen sich zu mischen. (Christiane Peitz) Die vollständige Rezension können Sie hier lesen. 2 La Gioia – Süchtig nach dir Alles an diesem Film ist unangenehm: die Geschichte des 17-jährigen Alessio, der von einem Freund der Mutter in die Sexarbeit gedrängt wird und der nur mit seinem potenziellen Betrugsopfer Gioia kurze Zeit Nähe findet. Unangenehm ist aber auch, wie Valeria Golino („Rain Man“, „Porträt einer jungen Frau in Flammen“) in der Rolle einer unscheinbaren Lehrerin, die mit fast 50 noch bei ihren religiösen Eltern lebt, nach einer weiteren Auszeichnung schielt. Doch eine falsche Nase, Brille und unvorteilhafte Klamotten verwandeln sich nur in eine Trophäe, wenn die Verkleidung zum Charakter wird. Warum gelingt Golino das nicht? Ihr Charakter hat ein ungelebtes Leben lang Träume, Leidenschaften, Obsessionen angehäuft, aber auch eine entwaffnende Unvoreingenommenheit, dass es ein Schauspielfest sein müsste. Die besten Momente hat sie mit Saul Nanni. Ihm scheint der Filmtitel („La Gioia“ – „die Freude“ oder „das Glück“) auf den Leib geschrieben zu sein. Es ist eine große Freude, ihm zuzuschauen. Unglaublich differenziert wechselt sein Spiel zwischen Abgezocktheit und Verletzlichkeit, Zärtlichkeit und Brutalität, Hoffnung und Unsicherheit. Preisverdächtig! (Ingolf Patz) 3 Flieg steil Romeo-und-Julia-Geschichten gehen immer. Zumindest scheinen das die Macherinnen von „Flieg steil“ zu denken: Die Sängerin einer Neonazi-Band und ein frustrierter Punk, der ihre Stammkneipe, einen Nazitreffpunkt, in die Luft jagen will, verbünden sich darüber, dass sie beide Außenseiter in ihren Gruppen sind. Konnie, weil ihren Bandkollegen ihre Texte zu „feministisch“ sind („Die Zukunft des Nationalsozialismus ist weiblich“), und Rudi, weil sein Plan seinen trantütigen Genossen zu radikal ist. Vom verzweifelten Bedürfnis, dass „endlich was passiert“ Er selbst ist allerdings auch ein ziemlicher Jammerlappen (und ein Alkoholiker am Rande zur Psychose), der weniger von seiner politischen Überzeugung als vielmehr vom verzweifelten Bedürfnis, dass „endlich was passiert“, geleitet zu sein scheint. Der Film strotzt vor Klischees und unglaubwürdigen Storylines: Dass sich auch in der extremen Rechten Frauen gegen Sexismus auflehnen, mag vorkommen. Aber dass sich eine Person, die sich sonst für Rassenreinheit ausspricht und ihre Kameraden mit „Sieg Heil“ begrüßt, plötzlich für Transrechte und „Körperpositivität“ einsetzt, erscheint an den Haaren herbeigezogen. Ein weiterer misslungener deutscher Hufeisen-Film. (Emma Rotermund) 4 Der Klang der Stradivari „Damit ein Quartett richtig klingt, muss jeder ein bisschen falsch spielen“, sagt Komponist Charlie Beaumont (wunderbar: Frédéric Pierrot). Die reiche Erbin Astrid hat ihn geholt. Er soll helfen, den großen Wunsch ihres verstorbenen Vaters zu erfüllen. Das von Beaumont komponierte Streichquartett soll auf vier Stradivaris uraufgeführt werden. Damit wollen sie Musikgeschichte schreiben. Doch den vier von Astrid engagierten Solisten stehen ihr Ego und ihr Verständnis der Interpretation des Werks im Weg. Als das Projekt zu scheitern droht, kommt zunächst widerwillig der eigenbrötlerische Beaumont hinzu. Das Kammerspiel von Regisseur Grégory Magne erzählt von der Suche nach Harmonie – musikalisch und zwischenmenschlich. Die Darsteller der Musiker können ihre Instrumente spielen, was ihr Spiel glaubwürdig macht. Das Streichquartett wurde von Grégoire Hetzel eigens für den Film komponiert. Trotz vorhersehbarem Ende ist „Der Klang der Stradivari“ eine charmante Komödie, in der wunderbar über Musik diskutiert wird. Der Originaltitel „Les Musiciens“ (Die Musiker) ist allerdings passender. (Frank Weiss) 5 Lebensansichten eines Huhns In Großaufnahme sieht man zu Beginn, wie ein Ei aus dem Geflügelkörper gepresst wird, auf ein Fließband plumpst und im Brutkasten landet. Aus ihm schlüpft ein schwarzes Küken, das heraussticht aus Tausenden gelber Artgenossen, die in der Hühnerfabrik durch Trichter und Sortieranlagen geschleust werden. Als aus ihm ein stolzes, schwarzes Huhn herangewachsen ist, büxt das aufgeweckte Tier aus und beginnt eine abenteuerliche Reise durch das ländliche Griechenland. Geflüchtete von Schleusern wie Vieh behandelt Auch wenn in György Pálfis „Lebensansichten eines Huhns“ die titelgebende Heldin im Fokus des Geschehens steht, beobachtet der Film aus dem Augenwinkel die Menschen in der Umgebung, die nicht nur dem Huhn, sondern auch einander Leid antun. Die Analogien sind eindrücklich, wenn Geflüchtete von Schleusern wie Vieh behandelt werden und ein falsch abgelegtes Ei eine Katastrophe auslöst. Was als scheinbar harmloser Tierfilm beginnt, der ohne Kommentarstimmen auskommt und nur über Musik und Schnitt Bezüge herstellt, entwickelt im letzten Drittel unerwartete dramatische und lebensphilosophische Tiefe. (Martin Schwickert) 6 Nightborn „Scheiß auf London!“ – Saga (Seidi Haarla) nimmt eine berufliche Auszeit, um mit Jon (Ex-Harry-Potter-Star Rupert Grint) eine Familie zu gründen. Drei Kinder stehen auf der Wunschliste. Zuvor muss das morsche Haus von Sagas Großmutter in finnischer Einöde auf Vordermann gebracht werden. Gewöhnungsbedürftig ist dann auch das Baby. Es ist sehr behaart und beim Stillen weniger an der Muttermilch als am Mutterblut interessiert. Während sich Saga allseits anhören muss, dass sie das Problem sei, kommt sie zur Überzeugung, dass es zwischen dem von ihr als „es“ bezeichneten Kuure und dem umliegenden Wald eine Verbindung geben muss. Body-Horror der härteren Sorte. Die Idee mit dem monströsen Baby, auch als Spiegel überzogener Erwartungen sowie einer entfremdeten Mutterrolle, ist griffig. Aber wenn es fast 60 Jahre nach Roman Polanskis Horror-Klassiker „Rosemaries Baby“ einer trashigen Aufwärmung der okkulten Monster-Baby-Story bedarf – schwangere Frau wird an satanischen Kult verraten, um den Antichristen auszutragen –, wäre weniger (zeigen) mehr gewesen. (Markus Ehrenberg)

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