Klartext nach deutscher EM-Enttäuschung: "Ein Thema, über das nicht viele Sportler sprechen"
20.08.2026 • 14:15 Uhr Robert Farken wollte bei der EM um Gold kämpfen, am Ende wurde es Platz neun. Im SPORT1-Interview spricht er über das taktisch komplizierte Finale und sein ungebrochenes Selbstvertrauen. Robert Farken war mit großen Zielen nach Birmingham gereist. Nach seinen deutschen Rekorden über 1500 Meter und die Meile und einer Saison, in der er sich endgültig in der Weltspitze etabliert hatte, wollte der 28-Jährige bei der EM um Gold kämpfen. Am Ende wurde es Platz neun – eine Enttäuschung, die Farken allerdings nicht an seinem neu gewonnenen Selbstvertrauen rütteln lässt. Im SPORT1-Interview spricht Farken über ein taktisch kompliziertes Finale, warum er das Rennen nicht „zerdenken“ will und weshalb er trotzdem weiter an seine Stärke glaubt. Außerdem blickt er auf die restliche Saison und den Aufschwung der deutschen Leichtathletik. Leichtathletik-EM: Robert Farken geht leer aus SPORT1: Herr Farken, mit ein paar Tagen Abstand: Haben Sie inzwischen eine logische Erklärung dafür, was im Finale passiert ist? Robert Farken: Im Prinzip braucht man das Rennen nicht zu überanalysieren. Ich glaube, wir können es noch zehnmal laufen und werden zehn unterschiedliche Ausgänge sehen. Es war einfach sehr, sehr ausgeglichen. Die Jungs, die als Favoriten gehandelt wurden – unter anderem ich –, haben natürlich aufeinander geschaut. Als es richtig ernst wurde, waren wir alle mehr oder weniger ausgebrannt. Wir haben versucht, auf jede Reaktion des anderen zu reagieren, waren dadurch überreaktiv und haben vorher einfach zu viele Körner gelassen. SPORT1: Würden Sie mit diesem Wissen heute eine andere Taktik wählen? Farken: Hätte, hätte, Fahrradkette. Darüber denke ich gar nicht nach, wenn ich ehrlich bin. Ich glaube, ich habe über das gesamte Rennen eine sehr gute Position gehalten. Leider ist dafür zu viel Energie draufgegangen, aber ich kann es nicht ändern. Ich bin in das Rennen gegangen, um es zu gewinnen. So habe ich versucht, es zu gestalten – und am Ende hat es leider nicht funktioniert. „Ich muss mich jetzt nicht dafür rechtfertigen“ SPORT1: Vor dem Rennen haben Sie sehr selbstbewusst gesagt: „Ich bin hier, um zu gewinnen.“ Wie schwer ist es, diese Ansage und Platz neun jetzt zusammenzubringen? Farken: Ich stehe nach wie vor dazu. Wir können das Rennen noch zehnmal laufen und werden wahrscheinlich zehn unterschiedliche Ausgänge bekommen. Es wird sicherlich auch einen geben, bei dem ich das Rennen gewinne. Es waren zwölf Leute im Rennen, die sich Medaillenchancen ausgerechnet haben. Die anderen, die leer ausgegangen sind, sind genauso enttäuscht, weil sie ebenfalls dachten, sie könnten eine Medaille gewinnen. Für mich wären Platz vier und Platz neun am Ende ähnlich gewesen. Ich muss mich jetzt nicht dafür rechtfertigen, dass ich Neunter geworden bin, obwohl ich gewinnen wollte. SPORT1: Hätte Ihnen ein anderes Renntempo mehr in die Karten gespielt? Farken: Das Rennen war vielleicht einen Tick zu langsam für mich. Ein schnelleres Rennen hätte mir möglicherweise noch mehr in die Karten gespielt. Es kann aber auch sein, dass ein noch langsameres Rennen besser für mich gewesen wäre, weil ich eigentlich endschnell bin. Man kann das Rennen letztlich nur überanalysieren, ohne eine wertvolle Konsequenz daraus zu ziehen. Farken: „Ein Thema, über das nicht viele Sportler sprechen“ SPORT1: Sie haben in dieser Saison mit deutschen Rekorden ein völlig neues Niveau erreicht. Hat dieses außergewöhnliche Niveau auch neue Erwartungen an Sie selbst geschaffen? Farken: Auf alle Fälle. Aber ich muss auch ehrlich sagen: Das war wahrscheinlich die erste Meisterschaft in meinem Leben, bei der ich zu 100 Prozent an mich geglaubt habe. In der Vergangenheit waren Zweifel am eigenen Können manchmal doch präsenter. Ich glaube, das ist ein Thema, über das nicht viele Sportler sprechen, das aber die meisten kennen. Bei dieser Meisterschaft habe ich wirklich zu 100 Prozent in mich und auf mein Können vertraut und bin deshalb auch mit diesem großen Ziel ins Rennen gegangen. Das ist für mich ein großes Take-away, dieses Selbstbewusstsein zu haben. Das möchte ich mir gerne bewahren, weil es sich damit doch schöner lebt. SPORT1: Das Rennen in Birmingham erzeugt also keine neuen Zweifel? Farken: Nein. Ich habe es mir angeschaut und am Ende gesagt: Wir können das Ganze noch zigmal durchspielen und werden einen anderen Ausgang bekommen. Deshalb ist dieses Rennen für mich abgehakt. Wenn man sich hinsetzt und versucht, es zu überanalysieren, sucht man natürlich auch nach Fehlern, die man vielleicht gar nicht gemacht hat. Dann zerdenkt man das Ganze. Häufig ist man besser beraten, die Dinge auf sich beruhen zu lassen. SPORT1: Blicken Sie trotzdem schon auf die nächste Saison und fragen sich, ob Sie noch einen weiteren Schritt machen können? Farken: Damit habe ich mich tatsächlich noch gar nicht beschäftigt. Wir haben in diesem Jahr noch Rennen auf der Agenda. Ich habe schon ein paar Mal gesagt, dass ich gerne von Rennen zu Rennen denke. Ich habe auch gelernt, die Feste zu feiern, wie sie fallen, und den Moment ein bisschen zu genießen. Vom Alter her bin ich jetzt sicherlich allmählich auf meinem Peak und genieße es, in dieser Form und Wettbewerbsfähigkeit zu sein. Und vor allem möchte ich gesund bleiben. Denn gesund zu sein, ermöglicht es, konstant zu trainieren und sich weiterzuentwickeln. Das ist das Allerwichtigste. Wenn man jetzt schon über nächstes Jahr nachdenkt, macht man gedanklich Schritt drei und vier vor Schritt eins und zwei. Das ist, glaube ich, kontraproduktiv. Leichtathletik-Boom in Deutschland SPORT1: Richten wir den Blick auf die gesamte deutsche Leichtathletik. Die hat in den vergangenen Jahren einen enormen Schritt gemacht und bei der EM die Früchte eingefahren. Wie nehmen Sie das als Teil des Teams wahr? Farken: Ich finde es schön, dass dieser Ruck jetzt durch das Land gegangen ist. Es hat natürlich ein bisschen gedauert, bis das bei der nächsten Generation gefruchtet hat und jetzt Früchte trägt. Es ist schön, die Energie in der Nationalmannschaft zu sehen. Auch die Breite und die Größe der Mannschaft waren beeindruckend. Wir haben uns ein Hotel mit Italien, Spanien und Frankreich geteilt. Das sind große Nationen mit großen Mannschaften. Es war schon cool, sowohl bei der Größe der Mannschaft als auch bei der Ausbeute gegen unsere Nachbarn mithalten zu können. Das macht einen natürlich stolz. Schade ist nur, dass ich meinen Teil dazu in Birmingham nicht beitragen konnte. Am Ende ist Leichtathletik zwar eine Einzelsportart, jeder kämpft für sich selbst. Aber es ist trotzdem schön, diese Energie für sich zu nutzen und selbst einen Teil dazu beizutragen. SPORT1: Sie haben jetzt noch einige Rennen vor sich. Was steht auf dem Programm? Farken: Ich werde jetzt noch Zürich, das ISTAF Berlin und wahrscheinlich das Diamond-League-Finale in Brüssel bestreiten. Danach noch die Ultimate Championships in Budapest, bei denen ich wahrscheinlich qualifiziert sein werde. Und zum Abschluss Kopenhagen mit der Straßenlauf-Weltmeisterschaft, wo ich die Meile laufe.