Klaus Kinski wäre 100 geworden: Das verstörende Vermächtnis eines Wahnsinnigen
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Berlin – Der Wahnsinn im Scheinwerferlicht wäre jetzt 100 Jahre alt geworden. Klaus Kinski (†65) konnte mit einem einzigen Blick ganze Kinosäle in Angst versetzen. Als Besessener marschierte er durch den Dschungel („Fitzcarraldo“, 1982), als Vampir („Nosferatu“, 1979) erweckte er die Dunkelheit zum Leben. Der Schauspielstar war wie ein Naturereignis: faszinierend, unberechenbar, zerstörerisch. In seinen Filmen spielte er, als ginge es um Leben und Tod. Und hinterließ auch im wirklichen Leben (drei gescheiterte Ehen, drei Kinder) eine Spur der Verwüstung.
Am 18. Oktober 1926 wird Klaus Günter Karl Nakszynski in Zoppot bei Danzig geboren. Ein Junge aus einfachen Verhältnissen. Vater Apotheker, Mutter Krankenschwester. Er muss in den Krieg, wird 1944 mit 18 zum Kriegsgefangenen der Briten (Nummer: 543286). Nach den traumatischen Erfahrungen wird aus Nakszynski der Schauspieler Kinski, weil es einfacher zu buchstabieren ist.
Seine ersten Sporen verdient er sich als Quereinsteiger auf kleinen Theaterbühnen. In Verfilmungen der Abenteuer Karl Mays taucht er später in die Welt von Winnetou und Old Shatterhand ein. In italienischen Spaghetti-Western spielt er Männer, denen man besser nicht im Dunkeln begegnet. Bei den Edgar-Wallace-Klassikern sorgt er in den 60er-Jahren für das flaue Gefühl im Magen der Zuschauer. Nervöses Zucken und eine Stimme, die harmlose Sätze gefährlich klingen lässt. Kinski ist oft Schurke. Er verschlingt seine Figuren. Die Augen funkeln, seine Lippen zittern. Vor der Kamera ist er irre gut.
Doch wo endet die Kunst – und wo beginnt das Leid anderer?
Pierre Brice (†86), der als Winnetou Millionen Zuschauer begeisterte , schilderte BILD einmal eine Szene, die Kinskis dunkle Seite beleuchtete. „ Klaus Kinski war kein guter Mann. Er war wild und böse und feige.“ Einmal habe Kinski seinen Frust an einem angebundenen Pferd ausgelassen. Brice packte die Hand seines Kollegen und drohte: „Wenn du das Tier noch einmal schlägst, wirst du blutig im Staub liegen.“ Kinski habe gezittert, angefangen zu weinen und sich selbst in den Staub geworfen. Ein Mann, der nach außen den Unbezwingbaren gab, bricht bei Gegenwind zusammen.
1971 kommt er mit Regisseur Werner Herzog (84) zusammen. Zwei Besessene finden einander. Sie brauchen sich – und ertragen sich trotzdem kaum. Gemeinsam drehen sie bis 1987 fünf Filme, die Kinogeschichte schreiben: „Aguirre, der Zorn Gottes“, „Nosferatu“ , „Woyzeck“, „Fitzcarraldo“ und „Cobra Verde“. Herzog sieht in Kinski ein „Weltwunder“, nennt ihn aber auch die „ultimative Pest“.
Am Set von „Aguirre“ (1972) droht Kinski, das Team zu verlassen. Herzog denkt darüber nach, ihn zu erschießen. Bei den Dreharbeiten zu „Fitzcarraldo“ bietet ein indigener Helfer dem Regisseur sogar an, Kinski umzubringen. Die Zusammenarbeit ist ein permanenter Ausnahmezustand. Schon im November 1971 war eine Selbstinszenierung in der Berliner Deutschlandhalle eskaliert. Vor rund 5000 Menschen will Kinski „Jesus Christus Erlöser“ aufführen. Zwischenrufe aus dem Publikum: „Kinski ist nicht Jesus.“ Der Schauspieler tobt.
Als ein Zuschauer mahnt, Jesus sei duldsam gewesen, brüllt der Star: „Nein, er hat nicht gesagt: Halt die Schnauze. Er hat eine Peitsche genommen und hat ihm in die Fresse gehauen! Du dumme Sau!“
Im TV spricht er über Alida Gundlachs Po
Auch im Fernsehen wird Kinski zum Schrecken seiner Gesprächspartner. Eine ZDF-Reporterin herrscht er an: „Von einer Analphabetin muss ich mir so einen Quatsch erzählen lassen!“ In der „NDR Talk Show“ lobt er den Po von Moderatorin Alida Gundlach (heute 83).
Kinski kokettiert mit dem Exzess, sein Kokainkonsum gehört dazu. Öffentliche Ausbrüche werden zum Markenzeichen. Doch die Erzählung vom „verrückten Genie “ ist auch gefährlich. Sie sollte nichts entschuldigen dürfen. 2013 erschüttern die Vorwürfe seiner Tochter Pola (74) sein Bild. Sie schildert in ihrer Autobiografie „Kindermund“ jahrelangen sexuellen Missbrauch durch den Vater. Es habe begonnen, als sie noch ein kleines Kind war. Auch seine jüngere Tochter Nastassja Kinski (65) sprach über ihre Angst vor ihm.
Seine letzten Jahre lebt er zurückgezogen. Am 23. November 1991 stirbt Kinski mit 65 Jahren an einem Herzinfarkt in seiner abgeschiedenen Blockhütte in Kalifornien. Der Mann, der auf der Leinwand ganze Welten zusammenschrie, geht leise. BILD liegt ein letztes Fax vor – versendet zwei Tage vor seinem Tod an seine italienische Agentin. Darin schrieb er in verzweifeltem Ton: „Ich brauche Geld, Geld, Geld!!!“ Drei Ausrufezeichen.
Es ist die Forderung eines Mannes, der immer mehr wollte: Rollen, Aufmerksamkeit, Geld, Kontrolle. Vielleicht auch etwas, das er nie fand – Ruhe.