Kleinkinder brauchen liebevolle Zuwendung
Das dürften die meisten Vielflieger schon einmal erlebt haben: Der Abflug verzögert sich, die Luft ist stickig – und dann legen die Babys los. Neulich sass ich im akustischen Epizentrum der Kabine – hinter mir ein rund einjähriger Nörgler und neben mir ein etwa gleichaltriger Schreihals mit besonders durchdringender Stimme. Jeder Versuch, etwas zu lesen, scheiterte am ohrenbetäubenden Gebrüll dieser winzigen, aber stimmgewaltigen Passagiere. Besonders nervig, weil fast pausenlos am Heulen, war das Baby neben mir. Seine Eltern taten indes wenig, um es zu besänftigen. Der Vater trug es immerhin einmal im Gang auf und ab, was den Lärmpegel sofort senkte. Keinerlei Fürsorglichkeit zeigte dagegen die Mutter: Ihre Mimik, ihre Körpersprache, ihr Verhalten – alles an ihr vermittelte den Eindruck von Gleichgültigkeit. Sie sah ihren Sohn, der verzweifelt an ihren Kleidern zog und zu ihr hochblickte, nicht einmal an. Die einzige Zuwendung bestand darin, dem Kind gelegentlich Brei in den Mund zu löffeln. Die übrige Zeit beschäftigte sich die junge Frau mit ihrem Handy. Ich schilderte diese Szene, die mich zutiefst erschütterte, Andreas Jud, der an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) über Misshandlung und Vernachlässigung von Kindern forscht. «Was Sie beschreiben, gleicht dem Verhalten von Babys im bekannten ‹still face experiment› des amerikanischen Psychologen Edward Tronick», sagt der Wissenschafter. Darin wurden Mütter gebeten, ihr Kind drei Minuten lang völlig reglos anzusehen und dessen Kommunikationsversuche nicht zu beantworten. Als Reaktion versuchten die Babys zunächst, mit Lächeln, Gestikulieren und Fingerzeigen die mütterliche Aufmerksamkeit zu erhalten. Als dies nicht gelang, wurden sie immer verzweifelter, begannen zu strampeln und schliesslich laut zu schreien. Frühe Bindungsstörungen haben lebenslange Folgen «Emotionale Vernachlässigung ist die häufigste Form von Gefährdung des Kindeswohls», so Jud. Sie sei noch verbreiteter als körperliche Misshandlung oder sexueller Missbrauch. Begünstigt werde sie etwa durch finanzielle Sorgen, psychische Belastungen oder eigene Vernachlässigungserfahrungen der Eltern. «Wenn ein Baby nicht erlebt, dass eine Bezugsperson verlässlich und feinfühlig auf seine Signale reagiert, ist seine Bindungsentwicklung beeinträchtigt. Solche Kinder sind emotional bedürftiger und laufen daher Gefahr, auf Menschen hereinzufallen, die diese Bedürftigkeit ausnutzen», so Jud. Sie werden zum Beispiel eher Opfer von sexuellem Missbrauch. Mögliche Gegenmassnahmen müssten sich nach den Ursachen der Kindesvernachlässigung richten. «Ein Feinfühligkeitstraining ist kaum nachhaltig, wenn Jobverlust, Wohnungskündigung und Inkassoverfahren die mentalen Kapazitäten auslasten. Bei lebensgeschichtlich verzerrten Vorstellungen von Fürsorge und Erziehung hat sich eine Förderung des Verständnisses kindlicher Signale als hilfreich erwiesen.», sagt der Forscher. So oder so erfordert es Geduld. Denn was lange falsch verdrahtet war, lässt sich nicht innert kurzer Zeit richten. Für den kleinen Jungen im Flugzeug kann ich nur hoffen, dass sich solche Szenen nicht zu oft wiederholen und in diesem Fall dem Stress der Mutter zuzuschreiben waren. Oder, falls nicht, dass seine Mutter die nötige Unterstützung erhält. Bereits erschienene Texte unserer Kolumne «Hauptsache, gesund» finden Sie hier.