Klimaanpassung an Schulen: Grüne Utopie, graue Finanzierungsaussichten
Es klingt wie der Pitch eines nachhaltigen Stadtplanungs-Start-ups: Dachbegrünung, Zisternen, um Regenwasser zu sammeln, kleine Bäume, die zu großen heranwachsen und Kindern Schatten spenden werden. Doch es handelt sich nicht um eine ferne Utopie, sondern um einen real existierenden Schulhof in Rheinland-Pfalz. Man sieht es etwa am Acker, den die Schüler*innen selbst bestellen. Vor drei Jahren war der Hof der Gesamtschule Remagen noch deutlich grauer. Asphalt bedeckte das Gelände. Das ist zum einen nicht so schön zum Spielen. Zum anderen heizt sich Asphalt schnell auf, wenn es heiß ist. Die Stadt sah Handlungsbedarf. Die Gesamtschule Remagen und zwei Grundschulen sollten klimaresilienter gestaltet werden. Davon profitiert nicht nur das Klima: „Es ist einfach toll, morgens an einen Ort zu kommen, der lebenswert gestaltet ist“, erzählt Schulleiter Markus Wald. Bereits sein Vorgänger setzte sich für eine Entsiegelung des Hofes ein, doch das Geld fehlte. Erst durch eine Förderung des Bundes wurde das Projekt möglich. „Die Idee ist, dass andere Schulen sehen: So kann man es machen“, sagt Wald. Die meisten Schulen im Land können von einer klimagerechten Sanierung nur träumen. Trotzdem macht der Klimawandel vor ihnen nicht Halt – die Hitze betrifft alle Schulen. Bereits im Juli zeigte eine Recherche der taz, dass die Anzahl der Hitzetage und Hitzeperioden steigt. Damit steigt auch die Anzahl der Tage, an denen Lernen nicht mehr möglich ist. Das belastet alle. An heißen Tagen sinkt die Leistungsfähigkeit der Schüler*innen, ihre Gesundheit ist bedroht, Unterricht ist oft nicht möglich. Neues Schuljahr, alte Herausforderungen? In vielen Bundesländern beginnt nun wieder die Schule. Diese Woche starten Schüler:innen unter anderem in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Hamburg, nächste Woche folgen Brandenburg, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Für die nächsten Wochen ist zwar etwas kühleres Wetter angesagt. Doch mit dem Klimawandel wird die Anzahl der heißen Tage in den nächsten Monaten und Jahren steigen. Klimaanpassung wird damit immer relevanter. Sind die Schulen vorbereitet? Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Eine Umfrage der taz in den Bundesländern zeigt, dass viele Ministerien keine konkrete Einschätzung zur Lage an den Schulen geben können. Für die Schulgebäude sind die Schulträger, konkret die Kommunen verantwortlich. Doch viele Länder entwickeln zumindest Hitzeschutzpläne oder Richtlinien: Ganz vergessen ist das Thema also nicht. An der Gesamtschule Remagen ist die Frage der Vorbereitung eine ganz praktische. So schön auch ein klimaangepasster Außenbereich ist – wenn sich Räume aufheizen und es Streit um die Belegung gibt, wird schnell klar, dass es eben eine Schule und keine Skizze eines Architektenbüros ist. „Letzte Woche hatten wir Sprechstunden. Da mussten wir Kollegen in Kellerräume umquartieren, damit sie klimatisch bessere Bedingungen haben“, sagt Wald. Auch die Bundesjugendspiele hätten verschoben werden müssen – dieses Jahr zum ersten Mal geplant und angepasst an die Wettervorhersage anstatt spontan, wegen der Hitze. Das Ziel von Schulleiter Wald: „Wir möchten unsere Ankündigungen zu Hitzemaßnahmen mehrere Tage im Vorfeld und verlässlich machen.“ Ab wann gibt’s hitzefrei? Das ist nicht immer einfach bei unklarer Wettervorhersage und unklaren Vorgaben. Die Deutsche Allianz für Klima und Gesundheit veröffentlichte im Juni einen Musterplan für Hitzeschutz, der den Schulen als Orientierung dienen soll. Hitze lässt sich demnach kurzfristig managen: dafür muss klar sein, wer verantwortlich ist und welche Bereiche des Gebäudes besonders betroffen sind. Zudem ist wichtig, dass Lehrkräfte, Eltern und Schüler*innen wissen, wie sie mit Hitze umgehen. „Viele Schulleitungen sind überfordert“, sagt Juri Haas, Leiter der Rechtsschutzstelle der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Sachsen. Oft seien sie sich unsicher, was erlaubt sei und was nicht, wann hitzefrei in Ordnung sei und wann nicht. „Die Schulen brauchen Entlastung durch Orientierung“, sagt Haas deswegen. „Ich würde mir vom Land klare Richtlinien wünschen.“ Nicht alle Länder geben vor, wann hitzefrei gegeben werden muss. Viele, die keine oder keine verbindlichen Regelungen haben, weisen darauf hin, dass Schulleitungen flexibel entscheiden können müssten. „Aufgrund der Vielfältigkeit von Gebäudestrukturen, der Außenbereiche und der individuellen Bedürfnisse von Mitarbeitenden und Schülerinnen und Schülern setzen wir keine starre, pauschale Hitzebeschränkung um“, schreibt etwa Patricia Brandt, Pressesprecherin des Senators für Kinder und Bildung in Bremen. Manche Länder reagieren auf die Hitze mit konkreten Angeboten: Seit dem Schulstart bietet das Land Hessen zum Beispiel eine Hotline an, an die sich Lehrkräfte und Schulleitungen wenden können, wenn sie sich fragen, wie sie mit Hitzesituationen umgehen können. Niedersachsen steuerte nach, indem es klarmachte, dass bei Hitzefrei kein Distanzunterricht angeordnet werden sollte. „Die Temperaturbelastung ist für Schülerinnen und Schüler zu Hause zum Lernen nicht unbedingt besser“, schreibt das Bildungsministerium. Baden-Württemberg möchte künftig verpflichtende Regelungen festlegen, wann es Hitzefrei geben sollte. Viele Milliarden für Schulsanierung nötig Doch kurzfristige Maßnahmen wie Hitzefrei haben ihre Grenzen. Auch die Schulgebäude müssen langfristig angepasst werden. Flächenentsiegelung, Begrünung und Beschattung der Außenanlagen – all das, was überall beim Hitzeschutz hilft, hilft auch an Schulen, wie das Beispiel der Gesamtschule Remagen zeigt. Auch die Unterrichtsräume müssen vorbereitet und eventuell umgebaut werden. Doch solche Maßnahmen brauchen lange Planung und große Investitionen. Und sie sind in der Verantwortung der Schulträger, also in der Regel der Kommunen. Die kämpfen im Moment aber sowieso mit Haushaltslücken – nicht nur beim Hitzeschutz: Das Kommunalpanel 2025 der KfW-Förderbank beziffert den Investitionsrückstand bei Schulgebäuden auf 67,8 Milliarden Euro. „Seit Jahren weist die Klimagerechtigkeitsbewegung die Bundesregierung darauf hin, dass es teuer wird, wenn sie nichts tut“, sagt Rahel Meier. Sie forscht an der Fakultät der Erziehungswissenschaften der Universität Hamburg und ist Co-Vorsitzende des Vereins Klimabildung e. V., der das Thema Klimagerechtigkeit in Schule, Universität und Gesellschaft tragen will. Es sei auch Aufgabe des Bundes, finanzielle Mittel für den Hitzeschutz an Schulen zur Verfügung zu stellen. Der Bund bietet im Rahmen des Programms „Nationale Klimaanpassung“ Förderungen für sozialen Einrichtungen und in Kommunen an. So ist auch die Klimaanpassung der Schule Remagen ermöglicht worden. Eine flächendeckende Finanzierung vom Bund gibt es aber nicht. Wegen des sogenannten Kooperationsverbots im Grundgesetz darf der Bund Schulen grundsätzlich nicht direkt finanzieren. Meier wünscht sich, dass nicht nur Modellprojekte unterstützt werden. Überall sollten Menschen die Möglichkeit haben, sich vor Hitze zu schützen. „Wenn es in einer Pilotschule toll ist, aber im Umkreis an anderen Schulen nicht mehr gelernt werden kann, ist das keine Lösung.“ Sie fordert eine bedarfsgerechte Finanzierung, die zuerst die Schulen unterstützt, die es am dringendsten brauchten. Lehrerverband fordert Geld aus Sondervermögen Bereits im vergangenen Sommer forderte der Deutsche Lehrerverband, dass Teile des Sondervermögens in die hitzeangepasste Sanierung von Schulgebäuden fließen sollen. Theoretisch wäre das möglich: Sowohl der Teil des Vermögens, über das der Bund verfügt, als auch der, der an die Länder geht, kann für Investitionen in Bildungsinfrastruktur verwendet werden. Wie das geht, hat die Bundesregierung Anfang des Jahres gezeigt, als sie vier Milliarden Euro für „Sofortinvestitionen“ in die Sanierung von Hochschulen frei machte. Auch einzelne Projekte an Schulen werden mittlerweile aus dem Sondervermögen gefördert. Juri Haas von der GEW Sachsen ist kritisch: „Wir haben beim Digitalpaket gesehen, dass es nicht reicht, schnell Geld auf Probleme zu werfen. Jetzt stehen in vielen Schulen Geräte, die gar nicht genutzt werden können. Angesichts knapper Kassen bin ich daher etwas skeptisch, wenn die Forderung nach Finanzierung an erster Stelle steht.“ Die Wahrscheinlichkeit, dass der Bund bald noch mehr Geld zur Verfügung stellt, ist auch eher klein. Auf eine schriftliche Frage der Grünen-Bundestagsabgeordneten Anja Reinalter antwortete die Bundesregierung, sie habe „die Folgen der Hitzerekorde in Kalenderwoche 26 des Jahres 2026 für Bildung und Betreuung zur Kenntnis“ genommen, wie die Onlinezeitung „Schwäbische“ berichtet. Zusätzliches Geld zu den Fördertöpfen und dem Sondervermögen, das den Ländern bereits zusteht, will der Bund nicht in die Hand nehmen. Dabei ist Hitzeschutz auch eine Frage der Chancengleichheit: „Wir haben diesen Sommer gesehen, wie schnell Klimawandel zur Bedrohung werden kann“, sagt Rahel Meier von der Universität Hamburg. Der Bericht des Weltklimarates weise seit Jahren darauf hin, dass marginalisierte Gruppen besonders von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen seien. „Die Hitzewellen treffen Menschen in Deutschland ganz unterschiedlich“, sagt Meier. „Insofern ist davon auszugehen, dass die Hitze andere Risikofaktoren verstärkt.“ Bildungsungleichheit hänge zwar von vielen verschiedenen Faktoren ab. „Aber es ist davon auszugehen, dass sich die Hitze auch darauf auswirken wird“, sagt sie. „Es macht einen Unterschied, wo eine Schule liegt, wie kühl die Räume sind.“