Klimahistoriker über Parallelen zur Megadürre 1540: „Das ist das Schlimmste“
Im Jahr 2014 sprach er nicht weniger als eine Warnung aus. Doch ernst genommen hat ihn vor zwölf Jahren kaum jemand. Es war das Jahr, als der Klimahistoriker Christian Pfister mit einem internationalen Forscherteam an der Universität Bern eine umfassende Datensammlung zur größten Naturkatastrophe Europas veröffentlichte. Die Megadürre 1540. Ein Jahr praktisch ohne Regen. Elf Monate blieb der Himmel über Mitteleuropa blau. Die Sonne brannte gnadenlos. Flüsse trockneten aus, Landwirte fuhren Missernten ein, Mühlen standen still, Mensch und Vieh verdursteten, Wälder brannten. Bislang, sagt Pfister, übertraf dieses Ereignis alle Trockenjahre der folgenden Jahrhunderte. Bislang. Schon 2014 warnte das Forscherteam: Diese Megadürre, diese Katastrophe, könnte sich wiederholen. „Und heute sind wir so weit“, sagt Pfister. Ist 2026 schlimmer als der Jahrhundertsommer 2003? Christian Pfister ist inzwischen 81 Jahre alt. Er sitzt täglich vor dem Computer in seinem Haus bei Bern in der Schweiz. In seinem Büro sind es 26 Grad. Aushaltbar, kommentiert Pfister. Blickt er aus dem Fenster in seinen Garten, sieht er eine braune Steppe: „Mein Rasen ist staubtrocken. Ich kämpfe nur noch um meine Bäume. Sonst um nichts mehr.“ Ein Zustand, vor dem der Forscher seit Jahrzehnten warnt. Vor der Dürre, die schlimmer ist als die Hitze, wie er betont. „Was ich nicht gieße, geht ein. Das wird dürr.“ Viele würden sich aktuell zurückversetzt fühlen in den Jahrhundertsommer 2003. Aber das war ein Hitzesommer und kein Dürrejahr, sagt Pfister. Im Gegensatz zu 2026. „Wir haben schon jetzt ein Dürrejahr.“ Experte erwartet Missernten und damit steigende Lebensmittelpreise Ein Hitzesommer bleibt ein Temperaturereignis, solange es genug regnet. Ein Dürrejahr nicht. Dürre, sagt Pfister, ist ein schleichender Prozess. „Dürre schreibt lange keine Schlagzeilen, die Leute reagieren nicht.“ Dabei führt sie zu einer Wassermangellage, die die Bevölkerung und die Wirtschaft massiv in Mitleidenschaft zieht. So wie es in diesen Tagen in Mitteleuropa der Fall ist. Erst die Hitzewelle Ende Juni, dann die verheerenden Waldbrände in Spanien, Frankreich, aktuell in Griechenland. Erste Städte wie München schränkten die Wassernutzung der Bevölkerung ein. Auf dem Rhein werden historisch niedrige Wasserstände gemessen. Schiffe können kaum noch laden, Ungarn hat erstmals seit 44 Jahren sein einziges Atomkraftwerk abgestellt, weil das Kühlwasser fehlt. Felder vertrocknen, die Kartoffeln, der Mais sind zerstört. Pfister rechnet mit Einbußen in der Land- und Viehwirtschaft und deshalb mit steigenden Nahrungsmittelpreisen. Doch kein Regen in Sicht. In Deutschland starben laut Schätzungen des RKI in diesem Jahr bereits 10.000 Menschen an den Folgen der Hitze. Ein warmer und trockener April: So hat die Megadürre 1540 auch angefangen Dass 2026 ein Dürrejahr werden würde, ahnte Christian Pfister bereits im April. Der April, sagt der Klimahistoriker, war ein extrem warmer und trockener Monat. Genau so hatte es 1540 auch begonnen. Dabei hatte damals nichts auf die Katastrophe hingedeutet. Mitteleuropa hatte zu Beginn des 16. Jahrhunderts regenreiche, milde Jahre hinter sich, die üppige Ernten lieferten. Das Jahr 1539 endete mit einem regnerischen und stürmischen Dezember. Und dann kam die Trockenheit. Im April regnete es kaum. „Das ist das Schlimmste“, sagt Pfister. Der Experte erkennt Parallelen zwischen 1540 und 2026. Er spricht von einer Dürre, die es in Europa so seit knapp 500 Jahren nicht mehr gegeben habe. Niederschläge gebe es nur noch in Form von Gewittern. Das könne zwar punktuell viel Regen bringen, aber flächenmäßig nützt das wenig. Was es dringend bräuchte, wäre eine Kaltfront, die eine Woche kühles und regnerisches Wetter bringt. „Dann ist der Spuk vorbei“, sagt Pfister. Doch die Dürre schafft ihr eigenes Wetter. „Das wird mindestens bis Mitte August so weitergehen“, so seine Prognose. Täglich wirft der 81-Jährige einen Blick auf die Wetterkarten, auf die Dürremonitore. Sie verheißen nichts Gutes. Die Waldbrände bereiten Christian Pfister am meisten Sorge Wenn sich die mittelfristigen Temperaturen langfristig erhöhen, führt das häufiger zu Hitzewellen und schweren Dürren. Vor den Folgen des Klimawandels warnt Christian Pfister schon seit den 1990er Jahren. Nur richtig zugehört hat ihm da keiner. Doch jetzt sehen die Menschen die Auswirkungen, jetzt spüren sie sie unmittelbar. „Man lernt. Aber man verlernt auch wieder“, sagt Pfister.