Klimamythen in Deutschland: Warum "Klimaschutz bringt nichts" so gut verfängt
"Nicht wir, nicht jetzt"
Warum sind Klima-Falscherzählungen so erfolgreich?
Stand: 18.09.2026 12:06 Uhr
Moderne Anti-Klimaschutz-Narrative haben klassische Klima-Leugnung ersetzt. Studien zeigen, welche Falscherzählungen in Deutschland besonders verbreitet sind, warum unsere Psyche sie so bereitwillig annimmt und wie fossile Interessen diese Muster gezielt verstärken.
von Judith Kösters (hr)
"Klimaschutz – ja. Aber
… nicht ich!
… nicht jetzt!
… nicht so!
… zu spät!"
So lauten einer Studie von 2020 zufolge die häufigsten Anti-Klimaschutz-Argumente. Die Organisation "Klimafakten" hat diese Argumentationslinien auf einem Poster anschaulich zusammengefasst.
Unter "…nicht ich!" oder in dem Fall "…nicht mein Land!" fällt zum Beispiel das immer wieder gern genutzte Argument, Deutschland "allein" könne beim Klimaschutz ja gar nichts ausrichten, alias "Aber China …/Aber Indien …/Aber die USA …". Das Argument läuft ins Leere. Denn niemand verlangt ja, dass Deutschland allein das Klima rettet. Die Idee des Pariser Klimaabkommens ist gerade, dass in Bezug auf Klimaschutz jedes Land seinen Teil macht (und in vielen Bereichen machen andere Länder inzwischen deutlich mehr als Deutschland). Davon abgesehen gilt: Deutschland ist immer noch eins der größten Industrieländer der Welt, die größte Volkswirtschaft der EU und die EU global trotz allem immer noch ein ziemlich großer Player.
Warten auf Technologien der Zukunft
Eine "… nicht jetzt!"-Strategie ist es zum Beispiel, in einer Diskussion über Klimaschutz auf Technologien zu verweisen, die entweder a) noch gar nicht erfunden oder b) noch im Stadium der Grundlagenforschung sind. Nach dem Motto: "Wir sollten jetzt nicht auf Klima-Lösungen wie Photovoltaik und Windräder setzen, wenn wir doch in 30 Jahren (vielleicht) Kernfusionskraftwerke bauen können." Ein Physikerwitz besagt übrigens: "Fusionskraftwerke sind schon seit 100 Jahren immer 30 Jahre vor der Marktreife."
Mehrere europäische NGOs haben kürzlich in einer gemeinsamen Studie untersucht, welche aktuell die jeweils gängigsten Anti-Klimaschutz-Narrative in verschiedenen Ländern sind. Dafür haben sie, auch mithilfe von KI, tausende Stunden Fernsehberichterstattung und Talkshows ausgewertet. Für Deutschland sind die drei am häufigsten gefundenen Falscherzählungen:
1) "Die Energiewende ist der Grund für die hohen Energiepreise und gefährdet die Versorgungssicherheit."
2) "Der deutsche Atomausstieg ist schuld an den hohen Strompreisen; der Wiedereinstieg in die Atomenergie würde wieder für günstige und klimafreundliche Energiepreise sorgen."
3) "Deutschlands Klimaschutzmaßnahmen bringen nichts, weil große Emittenten wie China ohnehin weiter Treibhausgase ausstoßen."
Und warum funktionieren diese Anti-Klimaschutz-Erzählungen so gut?
Darauf gibt es zwei große Antworten:
Klima-Psychologie: Weil unsere Gehirne sie so gern glauben wollen.
Anti-Klimaschutz-Lobbyismus: Weil Unternehmen und Staaten, die mit fossiler Energie noch möglichst lang Gewinne machen wollen, gern wollen, dass wir sie glauben – und in entsprechende PR-Kampagnen und Lobbyismus investieren.
Der Klimawandel überfordert unsere Gehirne
Zur Psychologie: Der Klimawandel überfordert unser Gehirn in vielerlei Hinsicht. Oder, wie die Psychologin Lea Dohm und ihre Mitautorinnen in einem Leitfaden schreiben, er ist ein Problem, für das "unsere Gehirne evolutionär nicht gut ausgestattet sind", denn:
Er ist ein globales und vor allem komplexes Problem
Es gibt nicht, wie bei anderen Problemen, DEN Schuldigen oder Bösewicht in der Geschichte
Er ist bedrohlich und zugleich als einzelne Person nicht zu bewältigen, was zu Ohnmachtsgefühlen, Vermeidung und Nichtwahrhabenwollen, aber auch zu Reaktanz oder Trotz führen kann
Hinzu kommt noch: Menschen unterschätzen fatalerweise systematisch die Bereitschaft ihrer Mitmenschen, etwas gegen die Klimaerwärmung zu unternehmen – was die Ohnmachtsgefühle und Abwehrreaktionen und den Hang zur Passivität noch verstärkt.
All das erklärt, warum Klima-Falscherzählungen sich ihren Weg bahnen. Und wo Anti-Klimaschutz-Lobbyismus ansetzen kann.
Wobei die Anti-Klimaschutz-Narrative der Neunziger und Zweitausender ("Es gibt keinen menschengemachten Klimawandel" oder "So schlimm wird es schon nicht werden") zumindest in Deutschland und Europa inzwischen weniger gut funktionieren. Dazu sind dann zu viele Menschen doch (zum Glück) zu gut informiert. Deren Platz in der öffentlichen Debatte nehmen stattdessen die oben beschriebenen "Klimaschutz? Ja, aber…"-Erzählungen ein.
Nicht alle Bevölkerungsgruppen sind gleich anfällig
Die Klima-Falscherzählungen werden offenbar nicht von allen Bevölkerungsgruppen gleich stark aufgegriffen. Dennis Eversberg, Professor für Umweltsoziologie an der Frankfurter Goethe-Universität, erforscht Einstellungen zu Umwelt- und Klimaschutz in der deutschen Bevölkerung.
Für die Erzählung von den vermeintlich unwirtschaftlich teuren erneuerbaren Energien etwa, sagt er, seien zwei Gruppen besonders anfällig: Erstens Menschen, die stark wirtschafts- und wachstumsorientiert denken, sagt Eversberg, und "da geht es gar nicht so sehr um die Fakten, sondern um die Vorstellung ‚Wir haben das immer so und so gemacht, und jetzt alles umzustellen, das kommt gar nicht in Frage.‘" Die zweite Gruppe seien ärmere Menschen – dass man bei ihnen leichter Panik mit Märchen von vermeintlich teurer Wind- und Solarenergie schüren kann, liegt auf der Hand.
Und es gibt aus Sicht von Dennis Eversberg noch einen zentralen kritischen Punkt in der deutschen Diskussion über Klimapolitik: die Tatsache, dass der Umbau hin zu einer klimaneutralen Wirtschaft tatsächlich auch eine Veränderung von Lebensweisen bedeutet, dass er den Alltag der Menschen verändert. Dass er hinter das für viele Menschen in Deutschland alltägliche Lebensmodell "Haus und zwei Autos davor" zumindest ein Fragezeichen setzt:
"Meiner Analyse nach ist das ein zentraler Teil des Problems: Dass eigentlich die ganzen Merkel-Jahre über immer erzählt worden ist, wir können das eine machen und das andere nicht lassen. Wir können grün werden und an eurem Leben ändert sich gar nichts, wir managen das politisch alles für euch, und es hat mit euch nichts zu tun."
Das Problem ist, dass immer erzählt wurde, wir könnten grün werden und das Leben würde sich nicht ändern Prof. Dennis Eversberg, Goethe-Universität Frankfurt
Ohne eine Veränderung der Lebensweise geht es nicht
Dazu spricht Eversberg etwas an, um das sich viele Klimaökonomen und Klimaforschende eher drücken: Die Forschung zu Möglichkeiten des Klimaschutzes, sagt Eversberg, sei sich ziemlich einig, dass "Lebensweisen, die primär auf privatem Eigentum beruhen (…) weniger nachhaltig sind, als solche, die auf öffentlicher Infrastruktur beruhen."
Das bedeute natürlich nicht Enteignung von Häusern, fügt er hinzu, aber "das heißt, dass man sich schon mit dem Gedanken auseinandersetzen muss, vielleicht statt zwei Autos ein E-Auto zu haben plus die Möglichkeit, autonome Shuttles zu benutzen.
Also, woher kommt der Erfolg der Klima-Falscherzählungen? Die Psychologie macht uns anfällig dafür, fossile Lobby-Kräfte nutzen das aus – und politische Entscheider, die sich vielleicht selbst nicht trauen, der Realität ins Auge zu sehen und Tatsachen klar zu benennen, bieten dem einen Boden.