Klimaschutz in Gefahr: Sind Klimaziele nicht mehr zu erreichen?
Es ist ein düsteres Bild, das die Experten des Klimasachverständigenrats in Stuttgart zeichnen. In ihrem jährlichen Bericht betrachten sie einerseits Klimaveränderungen im Land und bewerten andererseits das, was die Landesregierung dagegen tut. Beides sieht dem Gremium zufolge nicht gut aus. Die Experten befürchten, dass die Anstrengungen um den Klimaschutz immer mehr verwässert werden.
Jahresbericht 2025: Baden-Württemberg wird wärmer und schmutziger
2025 sind die Treibhausgasemissionen in Baden-Württemberg laut Jahresbericht gestiegen - um 4,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Gleichzeitig stiegen auch die durchschnittlichen Temperaturen an. 2025 war ein überdurchschnittlich warmes Jahr, der Juni mit 4,4 Grad mehr als der langjährige Mittelwert der zweitwärmste seit 1961. Der Sommer in diesem Jahr hat das noch getoppt mit einem Plus von 4,9 Grad. 35 Hitzetage mit Temperaturen über 30 Grad haben die Experten 2026 gemessen. 3.600 Hitzetote hat das Land zu beklagen.
All das gibt Anlass zur Sorge und schreit eigentlich nach einem schnellen Einschreiten. Dem wird die Landesregierung nach Aussage des Klimasachverständigenrats allerdings nicht gerecht. Eigentlich will Grün-Schwarz, dass Baden-Württemberg bis 2040 klimaneutral wird, also, dass sich Treibhausgasemissionen und die Aufnahme von Treibhausgasen ausgleichen. Bis 2030 sollen die Emissionen im Vergleich zu 1990 um 65 Prozent sinken. Laut Maike Schmidt, der Vorsitzenden des Klimasachverständigenrats, wird das kaum zu schaffen sein: "Ohne erhebliche zusätzliche Klimaschutzanstrengungen und ein mutiges und konsequentes Umsetzen von wirksamen Maßnahmen ist die Zielerreichung aber inzwischen faktisch ausgeschlossen."
Klima-Experten haben unangenehme Wahrheiten sichtbar gemacht
Wie konnte es so weit kommen? Schmidt hat darauf eine einfache Antwort: "Wir haben den Spiegel vorgehalten, auch wenn nicht jeder bereit war, hineinzusehen." Gemeint ist damit, dass das Gremium aus den sechs unabhängigen und ehrenamtlichen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Landesregierung in jährlichen Monitorings die Defizite in der politischen Arbeit gegen den Klimawandel immer wieder vorgelegt hat. Damit hatte bereits die vorherige Landesregierung unter Winfried Kretschmann (Grüne) die für fünf Jahre berufenen Fachleute beauftragt. Offensichtlich ist diese Kritik nicht bei allen in der grün-schwarzen Koalition gut angekommen. Vielmehr noch: Empfohlene Maßnahmen wurden teilweise schlicht ignoriert.
Und das, obwohl die Fachleute immer wieder sehr konkrete Vorschläge für Gegenmaßnahmen gemacht haben. Auch jetzt schlagen sie beispielsweise vor, den Mobilitätspass attraktiver auszugestalten, die Ladeinfrastruktur für E-Mobilität schneller auszubauen und Vorgaben hinsichtlich klimaneutraler Baustoffe zu machen. Das Gegenargument, dass solche Maßnahmen teuer seien, lassen die Experten nicht gelten. "Nicht Klimaschutz ist zu teuer, sondern das Unterlassen oder Abschwächen von Klimaschutz verursacht hohe volkswirtschaftliche Kosten und Gefahren für Arbeitsplätze, Wohlstand und Gesundheit", so Schmidt. Das Aufweichen und ständige Zur-Disposition-Stellen von Klimazielen sei "wirtschaftspolitisch kontraproduktiv", weil es Unternehmensinvestitionen entwerte und verzögere.
Koalitionsvertrag: Aufgaben des Klimasachverständigenrats sollen "neu definiert" werden
Im aktuellen Koalitionsvertrag steht, der Aufgabenbereich des Klimasachverständigenrats solle "neu definiert" werden. Seine beratende Funktion solle zwar erhalten bleiben, seine Berichtspflichten sollen aber reduziert werden. Es könnte also sein, dass jährliche Monitorings wie bisher wegfallen. Die Berufungsperiode der Expertinnen und Experten endet naturgemäß am 31. Dezember dieses Jahres. Ob danach für sie oder andere unabhängige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Arbeit weitergeht, sei noch nicht kommuniziert worden.
Ministerpräsident Cem Özdemir (Grüne) sprach am Dienstag in Stuttgart davon, dass die Landesregierung selbst wisse, wie ihre Situation beim Klimaschutz sei. "Ich meine, wir sind ja jetzt auch nicht alle auf den Kopf gefallen. Wir kriegen ja mit, ob wir irgendwo im Zeitplan sind, ob wir irgendwo nicht im Zeitplan sind." Der Bericht des Klimasachverständigenrats sei wichtig. Es gebe Dinge, die in der Hand der Landesregierung seien und andere, die nicht in ihrer Hand seien. Beim Verkehr sei man beispielsweise davon abhängig, wie schnell der Hochlauf der Elektromobilität laufe.
Umweltministerin mahnt: Klimaschutz muss Schwerpunkt der Regierung bleiben
Das Umweltministerium drückt sich diplomatischer aus: "Auch zukünftig soll der Klimasachverständigenrat eine wertvolle Rolle im Land spielen. Über Details befinden wir uns aktuell in regierungsinternen Abstimmungsgesprächen", heißt es auf SWR-Anfrage. In Bezug auf den vorgelegten Bericht mahnt Umweltministerin Thekla Walker (Grüne), Klimaschutz müsse ein Schwerpunkt der Regierung bleiben. Die Anstrengungen der vergangenen Jahre zeigten Früchte. "Der Anteil der Erneuerbaren an der Bruttostromerzeugung ist so hoch wie nie. Diese gute Dynamik darf der Bund jetzt nicht mit schlechten Rahmenbedingungen ausbremsen", so Walker. Beim Ausbau erneuerbarer Energie wolle man weiter "aufs Tempo drücken", 200 Millionen Euro würden zudem in den kommenden Jahren in die energetische Sanierung von kommunalen Gebäuden investiert.
In der Tat: Nicht alles, was den Klimaschutz im Land angeht, laufe schlecht, so Schmidt vom Klimasachverständigenrat. Man sehe einen Strukturwandel bei Heizungen - Wärmepumpen hätten Gasheizungen überholt. Auch der Ausbau von Photovoltaik und Windenergie sei positiv. Selbst im Bereich Verkehr, dem Sorgenkind, was hohe Treibhausgasemissionen angeht, seien die Werte zurückgegangen. Es sei jedoch keine komplette Trendwende erkennbar.
Experten hoffen, künftig weiterarbeiten zu können
Für die Zukunft hofft Schmidt, dass die Arbeit und Bemühungen des Klimasachverständigenrats nicht eingedampft werden. Klimaschutz dürfe nicht gegen Klimawandelanpassungen ausgespielt werden. Wenn man Klimaschutz vernachlässige, würden die Schäden so stark steigen, dass Anpassungen allein weder bezahlbar noch ausreichend seien. "Das Gremium muss weiter mutig Fakten benennen können."