Klimawandel Hitze gefährdet zunehmend die Trinkwasserversorgung
Seit einem Monat kämpft die Landeshauptstadt München gegen die Wasserknappheit. Erst mit Appellen an die Bevölkerung, seit dem 14. Juli sogar mit Verboten. Klein- und private Gärten dürfen nur zwischen 19 und 9 Uhr morgens bewässert, Pools gar nicht mehr befüllt werden, die städtischen Brunnen sind teils abgestellt, wie zum Beispiel am Marienplatz. Experte warnt vor eingeschränkter Wasserversorgung Für Jörg Drewes ist die Situation in München auch so etwas wie eine Blaupause für das, was in Deutschland in Zukunft an vielen Orten passieren könnte. "Ich würde es tatsächlich als das neue Normal beschreiben, was wir hier sehen", sagt der Experte für Siedlungswasserwirtschaft an der Technischen Universität München. Er ist auch Co-Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats für Globale Umweltveränderungen der Bundesregierung. "Wir kennen das aus anderen Ländern, wo die Wasserversorgung nicht 24 Stunden gewährleistet ist." Alte Leitungsnetze, neue Bedingungen Die Wasserversorger sind mit Problemen konfrontiert, an die beim Bau der Leitungsnetze und der Infrastruktur zum Teil vor mehr als 100 Jahren nicht zu denken war. Die Zahl der heißen Tage, also mit Temperaturen von über 30 Grad, hat deutlich zugenommen - in Zukunft könnten es laut Prognosen noch mehr werden. Damit steigt laut Experten auch der Wasserverbrauch. "Die Spitzen werden größer, aber die Leitungen, die Pumpen, die Behälter sind auf eine bestimmte Spitzenleistung ausgelegt und die können Sie nicht von Tag zu Tag ändern", sagt Jörg Felmeden, Professor für Siedlungswasserwirtschaft an der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe dem ARD-Politikmagazin Report Mainz. Viele Wasserversorger pessimistisch Eine Report Mainz-Umfrage unter Wasserversorgern in den 50 größten und den 50 bevölkerungsreichsten Kreisen und kreisfreien Städten zeigt: Ein erheblicher Teil der Unternehmen zweifelt daran, die Trinkwasserversorgung in Zukunft mit der bestehenden Infrastruktur noch zuverlässig sichern zu können. Von den gut 140 Unternehmen, die auf die nicht repräsentative Befragung geantwortet haben, halten fast 19 Prozent die Versorgung angesichts zunehmender Hitzetage mit der heutigen Infrastruktur für "kaum noch" oder "gar nicht" zu bewältigen. 45 Prozent sagen, es gehe "gerade noch", 36 Prozent sehen sich "gut" gerüstet. Hohe Investitionssummen nötig Wie groß der Anpassungsbedarf ist, zeigt ein Gutachten im Auftrag des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU) aus dem Jahr 2025. Demnach kämen auf die kommunale Wasserwirtschaft in den nächsten 20 Jahren rund 800 Milliarden Euro an Investitionskosten zu, 80 bis 120 Milliarden seien für die Anpassung an den Klimawandel notwendig. Vor drei Jahren beschloss die damalige Bundesregierung die sogenannte Nationale Wasserstrategie, die auch die Anpassung des Wassernetzes an den Klimawandel als eines der wichtigsten Ziele beschreibt. Doch in der Umsetzung hapert es bisher, zeigt die Umfrage. Demnach gaben 63 Prozent der antwortenden Unternehmen an, dass es "kaum" oder "gar nicht" vorangehe. Nur 37 Prozent bewerteten den Fortschritt als "gut" oder "sehr gut". Kritik an Umsetzung der Nationalen Wasserstrategie Auch Drewes von der Technischen Universität München hält die Umsetzung für viel zu langsam, angesichts der sich rasant verändernden Klimabedingungen. Der bisher angedachte Finanzrahmen sei nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Stattdessen lägen die erforderlichen Maßnahmen im mehrfachen Milliardenbereich. Solche Investitionen seien nicht mit dem Regelbudget eines öffentlichen Wasserversorgers zu stemmen: "Da sehe ich den Bund eindeutig in der Pflicht." Das Bundesumweltministerium erklärte auf Anfrage, man habe im Koalitionsvertrag erstmal vereinbart, eine preisstabile und bedarfsgerechte Versorgung beim Wasser sicherzustellen: "Deshalb wird zu schauen sein, wie groß die Infrastrukturinvestitionsaufgabe im Wasser/Abwasserbereich ist und ob und wie Lasten zwischen Bund, Ländern und Kommunen verteilt werden können." Der Bundesregierung lägen bislang keine belastbaren Zahlen zur notwendigen Investitionshöhe vor, so das Ministerium. In München gelten die Einschränkungen fürs Wasser noch bis zum 1. August. Der Verbrauch sei in den vergangenen Tagen zurückgegangen, heißt es von den örtlichen Stadtwerken, die sich auch Hoffnung machen, dass mit dem Start der bayerischen Sommerferien viele Bürger verreisen und damit der Wasserverbrauch zurückgehen könnte.