Kolostrum wird als Wundermittel verkauft, doch Belege bleiben dünn
Kolostrum-Supplemente werden in sozialen Medien gerade fast wie ein kleines Wundermittel gehandelt. Sie sollen den Darm unterstützen, das Immunsystem stärken, die Regeneration verbessern und sogar mental leistungsfähiger machen. Schon dieser Tonfall macht stutzig. Denn verkauft wird hier nicht menschliches Kolostrum, sondern bovines Kolostrum, also die erste Milch der Kuh nach der Geburt. Hier lohnt sich aber ein genauerer Blick. Der Ruf als „flüssiges Gold“ stammt ursprünglich aus der Säuglingsernährung und bezieht sich auf menschliches Kolostrum. Es gilt dort als besonders wertvoll, weil es Neugeborene in den ersten Lebenstagen mit wichtigen Immunstoffen und weiteren bioaktiven Bestandteilen versorgt. Diese besondere Bedeutung scheint nun auf Produkte aus Kuh-Kolostrum abzufärben. Nur weil etwas für ein neugeborenes Kalb biologisch hochrelevant ist, wird daraus aber noch lange kein wirksames Gesundheitsprodukt für Erwachsene. Jessica Klein ist Ernährungsberaterin und BFB bindungsorientierte Familienbegleiterin®. Sie ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle. Wissenschaftliche Belege reichen für viele Werbeversprechen nicht aus Ja, bovine Erstmilch ist nährstoffreich und es gibt durchaus Hinweise darauf, dass sie bestimmte Effekte haben könnte. So deuten einzelne Studien darauf hin, dass Kuh-Kolostrum das Risiko für Infekte der oberen Atemwege senken könnte. Daraus jedoch gleich große Aussagen über Haut, Haare, Konzentration, allgemeine Darmgesundheit oder sportliche Leistung abzuleiten, geht deutlich zu weit. Die vorhandenen Daten sind bislang eher klein, uneinheitlich und für viele Werbeversprechen schlicht nicht belastbar genug. ANZEIGE ANZEIGE Dazu kommt ein zweites Problem, das in der Vermarktung solcher Produkte oft untergeht. Viele Anbieter arbeiten mit Begriffen wie Immunfaktoren, Lactoferrin, Wachstumsfaktoren oder schnellerer Erholung nach Belastung. Das klingt wissenschaftlich und modern, ist aber rechtlich längst nicht automatisch abgesichert. Im EU-Register finden sich für typische Aussagen zu bovinem Kolostrum und bovinem Lactoferrin keine zugelassenen Claims, etwa zur Regeneration nach intensiver Belastung oder zu den natürlichen Abwehrkräften. Genau daran kann man erkennen, wie groß die Lücke zwischen werblicher Inszenierung und tatsächlich gesicherter Aussagekraft sein kann. Tierwohl: Was bedeutet „Überschuss-Kolostrum“ wirklich? Besonders sensibel ist außerdem der Tierwohlaspekt. Auf den Websites der Hersteller fällt oft der Begriff „Überschuss-Kolostrum“. Tatsächlich ist das kein klar definierter Verbraucherbegriff. Gemeint ist meist schlicht Kolostrum, das nach der Versorgung des Kalbes gesammelt und gelagert wird. Das klingt harmlos, sagt aber erstaunlich wenig aus. Denn die Versorgung eines Kalbes ist eben nicht mit ein paar Schlucken direkt nach der Geburt erledigt. Nach EU-Recht muss jedes Kalb bovines Kolostrum so schnell wie möglich und spätestens innerhalb der ersten sechs Lebensstunden erhalten. Fachstellen empfehlen darüber hinaus eine zweite Gabe nach sechs bis zwölf Stunden und anschließend Kolostrum, Übergangsmilch oder eine Mischung daraus für mindestens vier Tage. Und wie sieht die Realität in der Milchviehhaltung aus? Dort ist eine frühe Trennung von Kuh und Kalb üblich. Eine systematische Übersichtsarbeit beschreibt die Trennung innerhalb der ersten 24 Stunden auf vielen kommerziellen Milchviehbetrieben als Routine. Andere Fachquellen sprechen sogar davon, dass neugeborene Kälber häufig schon nach wenigen Stunden dauerhaft von der Mutter getrennt werden. Übergangsmilch, also die Milch der Melkungen nach dem eigentlichen Kolostrum, wird zwar oft noch an Kälber verfüttert. Danach richtet sich die Fütterung aber stark nach den Zielen des Betriebs, und als üblicher weiterer Weg wird auch die Umstellung auf Milchaustauscher genannt. Der beruhigende Satz, man verwende nur das, was „übrig“ sei, beantwortet deshalb gerade nicht die entscheidenden Fragen. Wie lange bleiben Kuh und Kalb tatsächlich zusammen? Wie viel Kolostrum bleibt beim Kalb? Und ab wann wird ersetzt, was ursprünglich für das Jungtier gedacht war? Auf diese Fragen wurde seitens eines von mir kontaktierten Herstellers leider nicht reagiert. Fazit: Viel Marketing, wenig gesicherter Nutzen Letztlich bleibt viel Hype um nichts. Bovine Erstmilch ist eben nicht der große Durchbruch, als der sie derzeit verkauft wird. Am Ende steht ein Produkt, das mit der biologischen Besonderheit der ersten Milch enorme Erwartungen auflädt, dafür aber einen stolzen Preis verlangt, ohne dass die wissenschaftliche Grundlage diesen Hype in der Breite trägt. Und auch ethisch bleibt ein schaler Beigeschmack. Was ursprünglich für ein neugeborenes Kalb gedacht ist, wird hier als hochpreisiges Wellnessversprechen für Erwachsene in Szene gesetzt. Genau das macht diese Produkte nicht nur maßlos überteuert, sondern unter Tierwohlgesichtspunkten auch befremdlich.