Kolumne "Was war das denn?": Bringt Comic Sans zurück!
Während Tech-Bosse davor warnen, dass KI zunehmend aus der Kontrolle der Menschen geraten kann, hat sie Berlins öffentlichen Raum schon übernommen. Restaurants, Fitnessstudios, Sonderangebote. Künstlich generierte Werbung hängt in der ganzen Stadt und sie sieht einfach immer gleich aus.
Zaunwerbung etwa von regionalen Vergnügungsparks war für mich lange der Inbegriff von unorigineller Werbung. Dann kam KI und hat bewiesen: Es geht noch viel unorigineller, und dafür bekommt man nicht mal freien Eintritt, wenn man die Plakate am Zaun aufhängt.
Ich bin gelangweilt. Früher konnte man sich wenigstens noch über schlechte Werbung lustig machen. Es gab mal Rechtschreibfehler, ein bisschen seltsame Bebilderungen und wilde Schriftarten. Ich hätte es nie gedacht: Ich vermisse die Schriftart Comic Sans und diese eine Regenbogenüberschrift von WordArt.
Sogar wer eine Wohnung sucht, greift heute auf KI-Plakate zurück. Was ist aus Aushängen an Ampeln geworden, bei denen man unten eine E-Mail-Adresse oder eine Telefonnummer abreißen kann? "Suche 2-Zimmer-Wohnung, gerne mit Balkon, nicht mehr als 700 Euro". Handgeschrieben oder eine Bildcollage gebastelt und dann 20-mal kopiert und an jeder Straßenecke aufgehängt. Auch manchmal hässlich, aber originell. Da gewinnt man wenigstens einen Eindruck davon, wer der neue Nachbar sein könnte.
Ist das jetzt einfach nur Gejammer, dass früher alles besser war? Man muss schließlich mit der Zeit gehen. So leicht lässt sich diese technische Änderung aber nicht abtun. Nicht nur, dass die KI studierten Designern die Arbeit wegnimmt, bei KI-Werbung muss sich nicht mal ein Mensch mit den Inhalten auseinandersetzen. Klar entsteht bei menschlichen Ideen auch viel Quatsch. Aber aus Quatsch entstehen bekanntlich dann ja oft auch die besten Ideen. Irgendwie muss man mit der Zeit gehen, klar. Aber der aktuelle Zeitgeist ist halt ein Einheitsbrei.
Werbeplakate sehen aus wie aus einem Bausatz mit wiederholenden Elementen zusammengestellt. Details, die nur Menschen erfinden können, fehlen dadurch: KI kann schwer ironisch oder sarkastisch sein; Doppeldeutigkeiten und Insiderwitze entstehen in menschlichen Köpfen. Es ist dystopisch, wie die Plakate einander gleichen. Generiert werden die Plakate mit Künstlicher Intelligenz, die mit den gleichen Daten trainiert wurde und sehr viele Menschen nutzen die gleichen, bekannten KI-Plattformen.
Die Daten, mit denen trainiert wurde, bringen aber noch ein Problem: Bei Darstellungen von Menschen, insbesondere von Frauen, erzeugt die KI normierte Menschen. Die Daten mit denen KI trainiert wurde, entsprechen auch oft Stereotypen und ziemlichen Schönheitsidealen. Schöner und makelloser. Unrealistische Körperbilder sind jetzt nicht mal mehr menschlich.
Ich habe mich inzwischen so sehr daran gewöhnt, dass die Plakate für mich nicht mal mehr voneinander unterscheidbar sind. Es bleibt nichts Besonderes hängen, KI-Werbung ist wie stundenlang auf dem Handy doomscrollen. Und damit wären wir wieder beim AI-Slop [qualitativ minderwertiger von KI erstellter Content, Anm. d. Red.]: Ich erinnere mich an nichts von dem, was ich eben gesehen habe. Wegwerfware eben.
Ernsthaft: Bitte erstellt einfach wieder mit Paint oder meinetwegen Photoshop ein mittelgutes Plakat, das bleibt wenigstens im Gedächtnis.
Während also gerade die Welt die ungehemmte Weiterentwicklung von Künstlichen Intelligenzen fürchtet, fürchte ich die Auslöschung menschlicher Kreativität. Allerdings beobachte ich in den sozialen Medien einen Gegentrend. Menschen, die menschengemachte Aufkleber auf die maschinengemachten Plakate kleben. Vielleicht ist also noch ein bisschen Hoffnung da, dass Ampeln bald wieder vollgeklebt sind mit handgeschriebenen Suchen und Speisekarten in Comic Sans ausliegen.