Konjunktur: Plötzlich wird Deutschland ein Magnet für Auslandsinvestoren
Hottenrott leitet ein Forschungsprojekt im Auftrag des Wirtschaftsministeriums, das „Potenziale der deutschen Industrie“ identifizieren soll. Es geht um künftige Wertschöpfung, Resilienz und strategische Vorteile des Standortes. Neben den klassischen Stärken Deutschlands, etwa im Maschinen- und Fahrzeugbau, wo ganze Wertschöpfungsketten im Land vorhanden sind, sieht Hottenrott viele Chancen für die Industrie.
Energietechnologien seien ein Wachstumsfeld, die Verbindung von Industrie und KI, also Technologien an der Schnittstelle zwischen Hard- und Software. Nicht die ganze Wirtschaft muss künftig Hightech-Produkte herstellen: „Man kann KI-Rechenzentren nicht ohne Low- und Mid-Tech betreiben. Es braucht auch Anlagenbau, Komponenten und Konstruktion, und so simple Sachen wie Schrauben und Ventilatoren“, sagt sie.
Die Zukunftsfelder: Von KI bis Klimatech
Wirtschaftsministerin Reiche hat im Bundestag diese Woche ihre Liste vorgetragen: „Wir konzentrieren die Kräfte dort, wo Deutschland Weltklasse ist: in industrieller KI und Robotics, in Mikroelektronik und Biotechnologie, beim autonomen Fahren, bei Dual-Use-Technologie und ja, auch in der Sicherheits- und Verteidigungstechnologie, oder in Kerntechnologien wie der Fusionsforschung“, sagte sie. Für den Investorengipfel sehen ihre Beamten „Sessions“ vor zu industrieller KI, Halbleitern, Energie und Elektrifizierung, Infrastruktur, Finanzierung/Investitionen sowie DeepTech & Space.
Die Autoindustrie, die Deutschlands wirtschaftliches Selbstbild dominiert, kommt in den Aufzählungen selten vor. Angesichts von zehntausendfachen Stellenstreichungen taugt sie kaum als Wachstumsvorbild. Noch 2021 hatten BMW, Mercedes und VW zusammen 50 Milliarden Euro Gewinn gemacht, in diesem Jahr werden es nur noch 17 Milliarden Euro, sagt das Handelsblatt Research Institute voraus. Die anderen Dax-Unternehmen gleichen diesen Absturz aber aus. Für 2026 steuern sie auf 127,7 Milliarden Euro Nettogewinn zu, den höchsten in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Besonders stark sind Airbus, Bayer, Fresenius, Commerzbank, Allianz und Munich Re.
Von diesen Gewinnen profitiert der Standort allerdings kaum. Denn die Großunternehmen verlagern ihre Geschäfte seit Jahren mehr und mehr ins Ausland. Dort erwirtschaften sie ihre Gewinne, während im Heimatmarkt kaum Wachstum stattfindet. Im Kern der deutschen Wirtschaft, dem Mittelstand, ist das noch anders. Kleinere Unternehmen produzieren im Wesentlichen in Deutschland, investieren hier in Forschung & Entwicklung und trotzen den schwierigen Standortbedingungen.
In Teilen der Wirtschaft herrscht Aufbruchstimmung. Etwa bei den Lieferanten von Industrieprodukten und Software, die für den KI-Boom in den USA gebraucht werden. Oder bei Rüstungsunternehmen, die von den massiven staatlichen Ausgaben profitieren. Die Exporte in andere europäische Länder wachsen seit Monaten, auch die Ausfuhren in die USA erholen sich wieder. Die Zahl der Start-up-Gründungen steuert auf einen Rekord zu.
Darunter sind viele Hochtechnologie-Firmen, etwa Satelliten- oder Drohnenhersteller. Sie finden hier das richtige Personal, das ist eine Stärke Deutschlands. „Wir verfügen über eine exzellente industrielle Kompetenz, über Weltklasse-Forschung, über qualifizierte und motivierte Menschen und über einen leistungsfähigen Mittelstand“, sagt Stefan Wintels, Chef der Staatsbank KfW. Er will als Finanzier Mittelstand und Start-ups miteinander verbinden.
Wie Personalabbau zum Wachstumstreiber werden kann
Auch im Wirtschaftsministerium sieht man dort Ansatzpunkte: Bis 2029 drohen 569.000 Unternehmen ohne Nachfolge für die Inhaber aus dem Markt auszuscheiden. Den Investitionsbedarf schätzt man auf 780 Milliarden Euro bis 2040. Abhilfe soll ein Mittelstandsfonds schaffen, nach dem Vorbild der Small Business Administration in den USA. Diese Agentur unterstützt dort bundesweit Gründer und Mittelständler und vereint Funktionen, die in Deutschland auf KfW, Industrie- und Handelskammern und Mittelstandsbeauftragte verteilt sind.
Sogar Stellenstreichungen könnten für den Standort positive Auswirkungen entfalten. Neben dem Mangel an Arbeitskräften, der sich verschärft, ist nämlich die lahmende Produktivität eines der wesentlichen Probleme der deutschen Wirtschaft. Seit Mitte der 90er-Jahre sinkt der Beitrag dieses Faktors zum Wirtschaftswachstum – während er in den USA kräftig gestiegen ist.
Ökonomen sehen ein „Produktivitätsparadoxon“: In Deutschland würden „die Möglichkeiten der Digitalisierung – inklusive der Anwendung Künstlicher Intelligenz – immer noch zu wenig genutzt, als dass die Produktivität spürbar profitieren könnte“, heißt es in einer KfW-Studie. „Die größten Wachstumseffekte der Digitalisierung dürften somit erst noch kommen.“ Beim Faktor Produktivität sehe man „perspektivisch die größten Chancen, Wachstum und Pro-Kopf-Wachstum anzuschieben“.