Konjunktur und Künstliche Intelligenz: Deutschland profitiert vom KI-Boom
WirtschaftsWoche: Herr Wollmershäuser, die großen Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihr Herbstgutachten für die deutsche Konjunktur vorgestellt, auch Sie waren beteiligt. Die Quintessenz: Die Wirtschaft ist seit Ende 2025 im Aufschwung, die Konjunktur zieht stärker an als ursprünglich erwartet. Was sind die zentralen Treiber?
Timo Wollmershäuser: Insbesondere das erste Halbjahr ist deutlich besser ausgefallen als ursprünglich prognostiziert. Wir haben zwar schon im Frühjahr von einer Erholung gesprochen, aber so stark haben wir das nicht erwartet. Vor allem haben wir unterschätzt, wie stark Deutschland vom globalen KI-Boom profitiert hat. Überall dort, wo Technik hergestellt wird, die für Chips, Rechenzentren und deren Energieversorgung gebraucht wird, ist aktuell gute Stimmung.
Inwiefern ist dieser Aufschwung durch neue Schulden für Verteidigung und Sondervermögen für Klimaschutz und Infrastruktur auch teuer erkauft?
Diese staatlichen Mehrausgaben haben die Erholung im vergangenen Jahr überhaupt erst eingeleitet. Sie stützen die Konjunktur und führen zu Aufträgen in der Industrie, vor allem in der Verteidigung und Infrastruktur. Das wird aber auch zu nachgelagerten Problemen führen.
Welchen?
Unsere öffentliche Schuldenstandsquote nimmt kräftig zu. Zum Teil führen die staatlichen Ausgaben zu mehr Produktivität und Wachstum, etwa wenn sie unsere Infrastruktur verbessern. Das vergrößert die zukünftige Steuerbasis und erleichtert die Tilgung der Schulden. Anders ist es aber bei den Ausgaben für Verteidigung. Sie schaffen zwar Sicherheit, aber kein zukünftiges Wachstum: Ein neuer Panzer, der nach der Produktion auf irgendeinem Bundeswehrgelände herumsteht, hat keinen Einfluss auf die Produktivität und trägt daher nicht dazu bei, dass wir unsere Schulden besser zurückzahlen können.
Inwiefern konnte Deutschland auch vom Iran-Krieg profitieren?
Ich würde nicht unbedingt von profitieren sprechen. Ja, es gab Sondereffekte in der chemischen Industrie, weil die asiatischen Konkurrenten noch schlechter dastanden. Die hatten nicht nur mit höheren Energiepreisen zu kämpfen, sondern gerade zu Beginn des Krieges auch mit Lieferengpässen, die zu einer Drosselung ihrer Produktion führten. Das ist in Deutschland nicht passiert. Wir hatten immer Rohöl oder Erdgas, es war nur teurer. Das hat für einen gewissen Vorteil gesorgt.
Welchen Einfluss könnte ein weiterhin sehr hoher Ölpreis künftig haben?
Der Energiepreisschock hat global weniger Bremsspuren hinterlassen, als wir erwartet hatten. Das hat vor allem zwei Gründe: Ein Teil des Lieferausfalls aus der Golfregion wurde von vielen Ländern mit einem Rückgriff auf die eigenen Reserven abgemildert. Außerdem beobachten wir gerade in Europa eine stark voranschreitende Dekarbonisierung. Immer mehr Leute fahren zum Beispiel E-Autos oder nutzen Wärmepumpen. Das bedeutet, die Nachfrage nach Rohöl ist zwar noch hoch, aber nicht mehr so hoch wie vor zehn oder 20 Jahren – der Anstieg der Preise hat also geringere Auswirkungen als früher.
Vor allem im Sommer hatten einige Branchen mit Niedrigwasser zu kämpfen, etwa die Chemieindustrie. Wie stark hat sich das auf die Konjunktur ausgewirkt?
Das ist spürbar im gesamten dritten Quartal. Die Pegelstände zum Beispiel am Rhein sind weit unter dem, was man braucht, um Schiffe voll beladen fahren zu lassen. Aber: Dieser Effekt wird sich voraussichtlich im vierten Quartal umdrehen. Das Niedrigwasser wird wohl in der kälteren Jahreszeit verschwinden, dann lässt sich vieles wieder produzieren und transportieren, was jetzt nicht geht. Das dürfte im vierten Quartal zu einem kräftigen Plus führen.
Die Unternehmen zögern aber noch mit Investitionen. Woran liegt das?
Aktuell sehen wir einen anderen Aufschwung als früher, als die Unternehmensinvestitionen mitstiegen, weil Unternehmen in neue Maschinen und Produktionshallen investierten. Das beobachten wir seit längerer Zeit nicht mehr, weil die deutsche Industrie ihre Fertigung zunehmend ins Ausland verlagert. Wir haben Standortprobleme, wie die Demografie, Arbeitskräfte fehlen. Dazu ist die Produktion hierzulande teuer, wegen Regulierung, Energie und Steuern. Das bedeutet, dass auch in einer Erholungsphase wie dieser Investitionen in Maschinen und Produktionshallen nicht mehr bei uns, sondern eher im Ausland stattfinden.
Das lässt sich etwa an der Autoindustrie festmachen. VW investiert vor allem in die Produktion in Osteuropa. Investitionen in Deutschland finden vor allem in den Bereichen Vermarktung, Forschung und Entwicklung statt, nicht mehr in der Fertigung. Das ist Strukturwandel. Ich gehe deswegen nicht davon aus, dass die Investitionen im Aufschwung wie früher kräftig anziehen werden.
Wie fragil ist dieser Aufschwung?
Es gibt bislang kaum Anzeichen dafür, dass die staatlichen Ausgaben eingeschränkt werden. Dieser Impuls wird also weiter wirken und die Konjunktur anschieben. Genauso der KI‑Boom. Was offen ist, ist die Entwicklung bei anderen Teilen der deutschen Industrie. Die Autohersteller sind im Umbruch, man wird sehen müssen, wie sich die Konkurrenz mit China weiterentwickelt.
Schwach entwickelt hat sich die Konsumkonjunktur. Wann können Verbraucher profitieren?
Im Winter werden mit Verzögerung die gestiegenen Strom- und Gaspreise an die Verbraucher weitergegeben. Das wird die Inflation noch weiter anschieben und auf der Kaufkraft lasten. Daher werden Arbeitnehmer und Verbraucher als Konjunkturmotoren erst einmal ausfallen.
Im Gutachten weisen Sie auch darauf hin, dass sich das Wachstum spätestens 2028 wieder deutlich abschwächt. Warum?
2028 ist weit in die Zukunft geblickt, wir wissen noch wenig. Wir gehen aber davon aus, dass der Konsolidierungsdruck auf die öffentlichen Haushalte weiter zunehmen wird und die Fiskalpolitik bremst. Zudem schlägt die Demografie immer stärker zu, viele Beschäftigte werden aus dem Arbeitsleben ausscheiden. Und schließlich ist unser Produktivitätswachstum vergleichsweise schwach.
Die Finanzpolitik ist laut Gutachten „auf Abwegen“. Was muss sich ändern?
Wir müssen endlich die überfälligen Strukturreformen umsetzen. Deutschland ist mit seinen Regulierungskosten, den Steuern, den Abgaben oder auch den Energiepreisen zu teuer. Das Staatswesen muss einfacher und digitaler werden, damit wir uns an die strukturellen Umbrüche schneller anpassen können.
Das Rentensystem muss demografiefest gemacht werden, damit Beitragsätze und Lohnkosten nicht weiter steigen. Und unsere Energieinfrastruktur muss effizienter werden, etwa durch eine beschleunigte Digitalisierung und eine bessere Vernetzung. Derzeit konzentriert sich die Finanzpolitik vor allem auf konsumtive Ausgaben. Dazu zählen Rentengeschenke, Umsatzsteuersenkungen und Tankrabatte. Diese sind kostspielig, erhöhen unsere Staatsschulden und schaffen kein Wachstum.
Hinweis: Dieses Interview erschien erstmals am 24. September. Wir zeigen es aufgrund des Leserinteresses erneut.