Kostenexplosion bei Fernwärme: Was können Bremer Verbraucher tun?
In Deutschland wird vielerorts die Fernwärme teurer, auch in Bremen. Viele Kunden der SWB bekommen nun neue Verträge – und müssen Hunderte Euro pro Jahr mehr zahlen. Wie steht es um die Fernwärmepreise in Bremen? Der Bremer Energieversorger SWB hat im März 2025 angefangen, das Preissystem für Fernwärme umzustellen. Seitdem kündigt die SWB quartalsweise Kunden, deren Vertragslaufzeit ausläuft, und bietet ihnen zugleich neue Verträge an – mit deutlich höheren Kosten. Daraufhin hat die Bremer Verbraucherzentrale bei der Landesenergiekartellbehörde eine Überprüfung der Preise angefragt. Die Behörde hat sich die Preise der Fernwärmenetze in Bremen angeschaut und verglichen, wie stark sich diese unterscheiden. Jüngst hat sie das Ergebnis veröffentlicht: Demnach ist die Preiserhöhung bei der SWB rechtens. Wieso hat die SWB die Preise erhöht? Die SWB begründet die Erhöhung damit, dass sich die Produktion und Bereitstellung von Fernwärme grundlegend weiterentwickelt habe. Bremens letztes Kohlekraftwerk ging im April 2024 vom Netz. Damit das Netz aber weiter heiß bleibt, habe es eine neue Wärmequelle gebraucht. Dafür wurde eine neue Leitung zum Müllheizkraftwerk gebaut. Für Infrastruktur und Brennstoffe fallen Kosten an. "Diese wurden aber für viele Jahre nicht angepasst", sagt Angela Dittmer, Sprecherin der SWB. Hintergrund Bremens letztes Kohlekraftwerk geht vom Netz: Das ist seine Geschichte Kohlekraft ist in Bremen ab heute Geschichte: Block 15 des Kraftwerks Hastedt wird abgeschaltet. Bremen hatte ihn auch in Folge des Reaktor-Unglücks von Tschernobyl gebaut. Deshalb ist bei neuen Verträgen nun der sogenannte Leistungspreis gestiegen. Dieser ist neben dem Grund- und Verbrauchspreis die dritte Komponente, aus der sich die Kosten für Verbraucher zusammensetzen. Den Grund- und Verbrauchspreis kennt man von Strom- und Gasverträgen. Vergleichbar ist der Grundpreis mit der Grundgebühr von Telefonverträgen: Auch diese monatlich fälligen Beträge haben sich in den neuen Verträgen geändert, sie sind leicht gesunken. Der Verbrauchs- oder Arbeitspreis wird hingegen pro verbrauchter Kilowattstunde berechnet. Der Preis wird quartalsweise angepasst, je nachdem, ob Brennstoffe wie Gas teurer oder günstiger geworden sind. Und was ist der Leistungspreis? Der Leistungspreis bildet die Kosten für den Betrieb des Fernwärmenetzes ab – also für die Erzeugung der Wärme, die Transportanlagen und das Verteilnetz. "Die Kosten werden anteilig auf die Haushalte verteilt", sagt SWB-Sprecherin Dittmer. Also je nachdem, wie viel Wärme jeder Haushalt erhält. Fragen & Antworten Rathaus ja, Wohnviertel nein? Wir erklären Bremens Fernwärme-Strategie Bremen will Fernwärme-Rohre aufwendig bis in die Altstadt verlegen – an stadtnahen Wohnvierteln vorbei. Warum das so geplant wird, haben wir die Beteiligten gefragt. Dieser Anteil wird durch die sogenannte Anschlussleistung abgebildet. Das ist die maximale Menge an Wärme, die der Fernwärmenetz-Betreiber für den jeweiligen Haushalt bereitstellt. Berechnet wird er in Kilowatt (kW). Größere oder schlecht gedämmte Häuser benötigen mehr Wärme, also eine höhere Leistung. Berechnet wird der Preis pro Kilowattstunde und Jahr. Dabei ist der Leistungspreis vom Verbrauch unabhängig. "Auch wenn die Wärme im Haus ungenutzt und die Heizung kalt bleibt, wird die Wärme trotzdem zum Anschluss geliefert", sagt Dittmer – denn es entstehen bereits Kosten für die Erzeugung und den Transport. Zudem geht ein Teil der Wärme auf dem Weg verloren. Wie viel müssen Kunden mehr zahlen? Der Preis pro Kilowatt Anschlussleistung steigt in den neuen Verträgen bei einer Leistung von maximal 30 kW von 6,33 Euro pro Kilowatt pro Jahr auf 48,59 Euro. Für ein Einfamilienhaus mit einer Anschlussleistung von 12 kW bedeutet das laut SWB eine Kostensteigerung von rund 528 Euro im Jahr (monatlich 44,02 Euro). Die gesunkenen Grundpreise sind darin schon eingerechnet. Konkret heißt das: Bei einem Verbrauch von beispielsweise 18.000 Kilowattstunden und einem Verbrauchspreis von 13,45 Cent steigen die jährlichen Kosten von 2.668 auf 3.197 Euro. Wer eine kleinere Mietwohnung hat, muss mit einem weniger starken Kostenanstieg rechnen. Wer dagegen ein großes, ungedämmtes Haus hat, mit deutlich mehr. Von rund 6 auf rund 48 Euro beim Leistungspreis (bis zu 30 kW) – das ist rund achtmal mehr als zuvor und der Grund, warum Kunden mit neuen Verträgen deutlich mehr zahlen. Häufig liegt die Anschlussleistung höher, etwa bei 25 kW oder gar darüber. Das ist laut der Verbraucherzentrale Bremen oft der Fall. Sie kritisiert den großen Preissprung. Infografik Von Hastedt bis Galopprennbahn: Bremer Fernwärmenetz wird ausgebaut Arbeiter verlegen rund zwei Kilometer neue Leitungen. Die Vahrer Straße ist nahe der Rennbahn deshalb für Autos gesperrt. Die Leitung soll unter anderem das ehemalige Coca-Cola-Gelände versorgen. Die SWB teilt auf Anfrage mit, dass der Unterschied beim Leistungspreis auffalle, weil dieser vorher so niedrig war. Allerdings habe der Preis viele Jahre weit unter dem Bundesdurchschnitt gelegen. Dass der Sprung so groß ausfällt, liegt laut SWB auch daran, dass der Preis wegen langer Laufzeiten über Jahre nicht angepasst wurde. Was kritisieren Verbraucherschützer? Jedes Fernwärmenetz ist in sich geschlossen und es gibt nur einen Betreiber. Dadurch ergibt sich ein lokales Monopol. Im Gegensatz zum Strom- und Gasnetz können Verbraucher also nicht einfach den Anbieter wechseln. Die Verbraucherzentralen kritisieren auch fehlende Transparenz. Etwa sei es für Verbraucher schwer nachzuvollziehen, wie sich der Preis zusammensetzt. Bremens Fernwärmenetz soll deutlich größer werden Rund ein Drittel des Wärmebedarfs der Stadt könnte bis 2038 durch Nah- und Fernwärme gedeckt werden. Das geht aus einem vom Umweltressort vorgestellten Gutachten hervor. Zwar veröffentlicht die SWB auf ihrer Seite die zugrunde liegenden Formeln. Dass die Mehrheit der Verbraucher damit etwas anfangen kann, ist aber eher unwahrscheinlich. Der SWB zufolge gibt es keine einfachere Formel. Denn diese richte sich nach dem Regelwerk des "Energieeffizienzverbands für Wärme, Kälte und KWK". Das Regelwerk dient laut SWB dazu, unter anderem einheitliche Standards und so auch Vergleichbarkeit in der Branche zu schaffen. Die Verbraucherzentralen fordern zudem regelmäßige Preiskontrollen und eine unabhängige Stelle, an die sich Kunden bei Problemen wenden können. Verbraucher können sich bei Fragen zur Gas- und Stromrechnung etwa an die Universalschlichtungsstelle des Bundes wenden, bei Fernwärme ist das nicht möglich. Was können Verbraucher tun, um die Kosten dennoch zu senken? Wenn Verbraucher ihre Fernwärmekosten senken wollen, geht das über die Anschlussleistung. "Viele Haushalte haben wahrscheinlich nie ihren Anschlusswert überprüft", sagt Inse Ewen von der Verbraucherzentrale Bremen. Vor 20, 30 Jahren sei ein Wert festgelegt worden, der könnte aber mittlerweile deutlich zu hoch sein – weil man etwa energetische Sanierungen in der Zwischenzeit durchgeführt hat und daher nun weniger Wärme braucht. Ewen empfiehlt Verbrauchern: "Wer einen neuen Vertrag angeboten bekommt, sollte spätestens dann die Anschlussleistung überprüfen lassen". Im neuen Vertrag kann der angepasste Wert dann festgeschrieben werden. Verbraucher können auch während des laufenden Vertrags einmal pro Jahr die Anschlussleistung ändern, dann wird aber eine Pauschale fällig. Um herauszufinden, wie viel Leistung benötigt wird, kann eine Energieberatung sinnvoll sein. Auch können Mieter ihre Vermieter bitten, die Anschlussleistung zu überprüfen, sagt Ewen. Es gebe das gesetzlich gesicherte Wirtschaftlichkeitsgebot. Demnach sind Vermieter verpflichtet, bei der Bewirtschaftung des Hauses sparsam umzugehen.