Krebs: Ein Kampf gegen Windmühlen?
Fest steht: Jeden Tag erhalten 9000 unter 50-Jährige eine Krebsdiagnose – erblich bedingt sind nur die wenigsten Fälle. In den vergangenen drei Jahrzehnten nahm diese Zahl weltweit um 24 Prozent zu. Änderungen von Erkennungs- und Klassifizierungsmethoden wie im Fall von Bauchspeicheldrüsenkrebs allein erklären die Zunahme der Neuerkrankungen bei Jüngeren nicht. Besonders deutlich ist die Inzidenz bei Darmkrebs, sowohl in den USA als auch in Europa wurde ein Anstieg bei Erwachsenen im Alter von 25 bis 49 Jahren verzeichnet (Annals of Oncology). Darüber hinaus nehmen die Diagnosen von Gebärmutter- und Leberkrebs bei jungen Frauen zu. Jüngere Generationen altern schneller als Nachkriegsgeneration Hellhörig machte kürzlich eine Studie von US-amerikanischen Forschenden um die Biomedizinerin Ruiyi Tian und die Epidemiologin Yin Cao (Nature Medicine). Sie stellten auf der Suche nach einem generationsbedingten Krebsrisikofaktor anhand einer Reihe von Biomarkern im Blut (z. B. Glukose, Albumin, C-reaktives Protein und Kreatinin) fest, dass Menschen mit einem Geburtsdatum zwischen 1965 und 1974 systemisch schneller altern als die Nachkriegsgeneration (zwischen 1950 und 1954 Geborene), etwa im Bereich des Immunsystems oder des Fettgewebes. Ihr biologisches Alter war im Durchschnitt um 23 Prozent höher als ihr tatsächliches (chronologisches Alter). Das fällt zusammen mit einem erhöhten Risiko für Lungen- und Gebärmutterkrebs sowie gastrointestinale Tumore (im Magen-Darm-Trakt). Tian und Cao nutzten für ihre Analyse Daten von rund 154.169 Menschen aus einer UK-Biobank und 10.262 Teilnehmenden aus dem US-Programm „All of Us“. 40 Prozent der neuen Krebsfälle könnten vermieden werden Der zunehmende Trend bei Krebserkrankungen jüngerer Generationen ist ein Warnsignal für das, was in 20 und 30 Jahren kommen könnte. Momentan ist jeder Fünfte im Laufe seines Lebens betroffen und Krebs in 41 Ländern die häufigste Todesursache (in Österreich: die zweithäufigste). Im Jahr 2024 erhielten 20,6 Millionen Menschen die Diagnose Krebs, wie aus dem Global Status Report on Cancer 2026 der WHO hervorgeht. Bis 2050 erwartet die Weltgesundheitsorganisation 35 Millionen neue Diagnosen pro Jahr, die sie mit dem Bevölkerungswachstum, der Alterung sowie Lebensstil- und Umweltrisikofaktoren erklärt. 40 Prozent der neuen Krebsfälle könnten aber vermieden werden, wenn die Risikofaktoren bekämpft werden, heißt es im jüngsten Bericht. Der größte Erfolg auf diesem Blatt: Der weltweite Tabakkonsum ist in den vergangenen fünfzehn Jahren um 27 Prozent zurückgegangen. Sorgen bereiten hingegen zunehmende Fettleibigkeit und abnehmende Bewegung. Die Überlebenschancen spiegeln eine große Ungleichheit wider: So überleben über 85 Prozent der Frauen in Ländern mit hohem Einkommen, in denen die Krankheit früher erkannt wird, Brustkrebs; in ärmeren Ländern bedeutet die Diagnose hingegen für die Mehrheit ein Todesurteil. Die Fünf-Jahres-Nettoüberlebensrate sinkt hier unter 45 Prozent. Ähnlich dramatisch ist die Situation bei Kindern und Jugendlichen. Ist eine umfassende Gesundheitsvorsorge verfügbar, werden mehr als 80 Prozent der jungen Patientinnen und Patienten geheilt; fehlt diese, sind es nur unter 30 Prozent. Standing Ovations für Medikament gegen Bauchspeicheldrüsenkrebs In Chicago wurde heuer vor allem der außergewöhnliche Durchbruch von Brian Wolpin und seinem Team vom Dana-Farber Cancer Institute (USA) im Kampf gegen Bauchspeicheldrüsenkrebs mit Standing Ovations gefeiert. Hoffnung verheißt das Medikament Daraxonrasib und sein Erfolg in einer klinischen Phase-III-Studie mit 500 Patientinnen und Patienten. Wolpin: „Schon bald können wir Menschen mit metastasiertem Bauchspeicheldrüsenkrebs auf eine Weise helfen, die uns bisher nicht möglich war.“ Der Wirkstoff blockiert eine Mutation, die in über 90 Prozent der Fälle vorkommt, und senkt das Sterberisiko im Vergleich zur Standardchemotherapie bei Patienten mit vorbehandeltem metastasierten duktalen Adenokarzinom um 60 Prozent. Das mediane Gesamtüberleben erhöhte sich in der Studie von 6,7 auf 13,2 Monate. Und es gab mehr Erfreuliches: Ein Genom-Screening-Tool (Prosigna) identifiziert Patientinnen mit Brustkrebs im Frühstadium, die nicht von einer Chemotherapie profitieren. Dadurch können sie vor deren Nebenwirkungen bewahrt und nur mit einer Hormontherapie mit nahezu identischen Ergebnissen behandelt werden. Neue Therapien versprechen bei zwei seltenen Krebsarten, dem dedifferenzierten Liposarkom (Verzenio) und einer Untergruppe (RET-Fusion) von Lungenkrebs (Retevmo), Besserung. HPV-Impfung verhindert Todesfälle Auf der Konferenz in San Diego betonte die Pathologin Katerina A. Politi vom Yale Cancer Center bei einer Abschlusssitzung, dass grundlegende Einblicke in die Krebsbiologie neue Strategien zur Behandlung und zur Überwindung von Therapieresistenzen eröffnen. Künstliche Intelligenz und Bioinformatik-Tools würden den Fortschritt weiterhin beschleunigen. Ebenfalls Grund zur Freude bereiten die mittlerweile in vielen Ländern etablierten HPV-Impfungen. In England hat ihre routinemäßige Einführung das Risiko für junge Frauen, an Gebärmutterhalskrebs zu sterben, nahezu auf null gesenkt, berichten Peter Sasieni und Milena Falcaro (The Lancet). Zwischen 2020 und 2024 rettete die Impfung fast 200 Engländerinnen das Leben. → Alle Publikationen der American Society of Clinical Oncology: ASCO