Krebs: Viagra-Wirkstoff Sildenafil könnte Ausbreitung bremsen
KI-Stimme. Info Viagra ist vor allem als Medikament gegen Erektionsstörungen bekannt. Sein Wirkstoff Sildenafil könnte allerdings noch eine andere Wirkung haben: Forscher haben Hinweise darauf gefunden, dass die Substanz Krebszellen beim Ausbreiten im Körper behindern kann. Eine jetzt in der Fachzeitschrift Cancer Research veröffentlichte Studie untersucht, wie Sildenafil den Umgang von Krebszellen mit Cholesterin verändert. Die Ergebnisse stammen aus Zellversuchen, Experimenten mit Mäusen und einer Auswertung von Gesundheitsdaten. Demnach könnte der Wirkstoff einen Stoffwechselweg blockieren, den Krebszellen für ihre Beweglichkeit und die Bildung von Tochtergeschwülsten benötigen. Wichtig ist allerdings: Eine Therapie mit Sildenafil ist bislang keine zugelassene Krebsbehandlung. Die Ergebnisse müssen in klinischen Studien am Menschen überprüft werden. Sildenafil bringt den Cholesterintransport der Krebszelle durcheinander Cholesterin ist nicht grundsätzlich schädlich. Jede Zelle benötigt den Stoff unter anderem als Bestandteil ihrer Zellmembranen. Für Krebszellen kann dieser Baustein besonders wichtig sein: Wenn sie sich aus einem Tumor lösen und in andere Gewebe eindringen, müssen sie ihre Zellmembran immer wieder anpassen und neu aufbauen. Hier setzt Sildenafil offenbar an. Lesen Sie auch Sildenafil blockiert ein bestimmtes Enzym in den Zellen. Dadurch steigt dort die Menge eines Botenstoffs namens cGMP. Dieser Botenstoff sorgt unter anderem dafür, dass sich Blutgefäße entspannen – und trägt damit zur bekannten Wirkung von Viagra bei. Die Forscher entdeckten nun, dass cGMP in Krebszellen offenbar noch etwas anderes bewirkt: Es stört den Transport von Cholesterin innerhalb der Zelle. Cholesterin wird von den Zellen unter anderem für ihre äußere Hülle und für die Energieversorgung benötigt. Normalerweise wird es aus einem Zellbereich, der für Abbau und Recycling zuständig ist, an andere Stellen weitertransportiert. Sildenafil scheint diesen Transport zu blockieren. Dadurch bleibt ein Teil des Cholesterins dort liegen, während es an anderer Stelle fehlt. Auch interessant Die Krebszellen versuchen zwar, den Mangel auszugleichen, indem sie mehr Cholesterin selbst herstellen. Den Untersuchungen zufolge reicht das aber nicht aus. Die Zellen haben dadurch weniger Cholesterin zur Verfügung und können schlechter funktionieren. Das könnte ihre Fähigkeit bremsen, sich zu bewegen, in anderes Gewebe einzudringen und neue Tumore zu bilden. Genau das ist für die Entstehung von Metastasen entscheidend. Weniger Metastasen bei Mäusen Anschließend testeten die Forscher Sildenafil an Mäusen mit Brust-, Lungen- und Darmkrebs. In allen drei Fällen bildeten sich weniger Metastasen in der Lunge, wenn die Tiere den Wirkstoff bekamen. Besonders deutlich war der Effekt beim Brustkrebs: Der ursprüngliche Tumor wurde durch Sildenafil kaum kleiner. Dafür gelangten deutlich weniger Krebszellen in die Lunge und bildeten dort neue Tumore. Auch interessant Weitere Versuche bestätigten den Verdacht der Forscher, dass Sildenafil über den untersuchten Signalweg wirkt. Auch ein ähnlicher Wirkstoff hatte einen vergleichbaren Effekt. Wurde das entsprechende Gen in den Krebszellen ausgeschaltet, nahm die Zahl der Metastasen ebenfalls ab. Auch bei menschlichen Krebszellen im Labor zeigte sich ein ähnliches Bild. Untersucht wurden unter anderem Zellen von Brust-, Prostata-, Darm- und Lungenkrebs. Unter dem Einfluss von Sildenafil bewegten sich die Krebszellen weniger und waren weniger lebensfähig. Warum Statine interessant sind Die Forscher untersuchten außerdem, ob sich Sildenafil mit Statinen kombinieren lässt. Statine gehören zu den Medikamenten, die die körpereigene Cholesterinproduktion bremsen. Die Idee dahinter ist naheliegend: Sildenafil könnte den Transport von Cholesterin aus den Lysosomen behindern, während ein Statin gleichzeitig die Herstellung von neuem Cholesterin reduziert. Damit würden zwei unterschiedliche Versorgungswege der Krebszelle gleichzeitig getroffen. Auch interessant In Laborversuchen zeigte sich tatsächlich ein stärkerer Effekt der Kombination. Sildenafil und das Statin Lovastatin hemmten die Bewegung und das Wachstum von Krebszellen stärker als die einzelnen Wirkstoffe. Gleichzeitig starben mehr Krebszellen ab. Auch Versuche mit Mäusen lieferten Hinweise auf einen zusätzlichen Effekt der Kombination. Dabei wurden unter anderem Brust- und Prostatakrebsmodelle untersucht. Gesundheitsdaten liefern einen weiteren Hinweis Neben den Labor- und Tierversuchen werteten die Wissenschaftler Gesundheitsdaten von mehr als 40.000 Männern mit Krebs aus. Die Daten stammten aus dem israelischen Gesundheitssystem Clalit Health Services und umfassten einen Zeitraum von rund zwei Jahrzehnten. Verglichen wurden Männer, die Sildenafil und Statine einnahmen, mit Patienten, die keines der beiden Medikamente verwendeten. Dabei berücksichtigten die Forscher unter anderem Faktoren wie Einkommen, Gewicht, Vorerkrankungen und Krebsart. Auch interessant Das Ergebnis: Bei Männern, die Sildenafil eingenommen hatten und zugleich Statine verwendeten, war das Risiko, innerhalb von fünf Jahren zu sterben, um 31 Prozent niedriger als bei Männern, die keines der beiden Medikamente nutzten. Die Auswertung zeigte zudem einen zusätzlichen Vorteil bei der Kombination der beiden Wirkstoffgruppen. Allerdings hat diese Zahl eine wichtige Einschränkung. Die Daten zeigen lediglich einen Zusammenhang – sie beweisen nicht, dass Sildenafil oder die Kombination mit einem Statin die Ursache für die bessere Überlebensrate war. Studie hat wichtige Grenzen Die Forscher selbst weisen auf mehrere Einschränkungen hin. So konnten in den Gesundheitsdaten Patienten nicht erfasst werden, die Sildenafil außerhalb des regulären Gesundheitssystems bezogen hatten. Außerdem war nicht bekannt, in welchem Stadium sich die jeweilige Krebserkrankung bei der Diagnose befand. Auch interessant Gerade das Krebsstadium kann für die Überlebenschancen entscheidend sein. Weil diese Information fehlte, lässt sich nicht vollständig ausschließen, dass andere Unterschiede zwischen den Patientengruppen das Ergebnis beeinflusst haben. Auch die Tierversuche haben Grenzen. Die Untersuchungen wurden mit weiblichen Mäusen durchgeführt. Damit lassen sich mögliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern oder bestimmte Bedingungen, unter denen PDE5-Hemmer üblicherweise eingesetzt werden, nicht vollständig abbilden. Hinzu kommt: Ein Tumor im menschlichen Körper ist wesentlich komplexer als eine einzelne Zelllinie oder ein Tiermodell. Ergebnisse aus Labor und Tierversuchen lassen sich deshalb nicht automatisch auf Patienten übertragen. Noch kein Grund, Viagra gegen Krebs einzusetzen Die Studie liefert damit einen interessanten Ansatz, aber noch keine neue Krebstherapie. Die Forscher haben einen möglichen Mechanismus identifiziert, über den Sildenafil die Ausbreitung von Krebszellen beeinflussen könnte. Die Ergebnisse aus Zell- und Tierversuchen werden durch die Beobachtung in Gesundheitsdaten ergänzt. Lesen Sie auch Ob daraus tatsächlich eine wirksame Behandlung für Krebspatienten entstehen kann, müssen klinische Studien zeigen. Bis dahin gilt: Sildenafil ist kein zugelassenes Medikament gegen Krebs. Patienten sollten ihre bestehende Behandlung nicht eigenständig verändern oder Viagra beziehungsweise Statine mit dem Ziel einer Krebsbehandlung einnehmen.